Zeitung Heute : Eine italienische Reise Von Berlin in die Wärme: die Journalistin Carmen Lasorella

Andrea Dernbach

Vorsicht: Das ist keine Liebesgeschichte, keine Eloge auf Europas aufregendste Hauptstadt. „Berlin ist sehr kühl“, sagt Carmen Lasorella und zieht an der ersten von ziemlich vielen extraschlanken Zigaretten, „kein Ort, der einen willkommen heißt.“ War es nicht, als die Korrespondentin des italienischen Staatsfernsehens Rai vor beinahe vier Jahren hier anfing. Und richtig warm ist sie mit der Stadt bis heute nicht geworden. Bei einer, die aus dem heißen Süden Italiens stammt, der Basilicata, und so viele Jahre noch weit südlicher gearbeitet hat, in Afrika und am Persischen Golf, ist das ganz wörtlich gemeint: „Die Sommer hier sind schön, aber einfach zu kurz. Und dann der graue Himmel! In Berlin fehlt mir das Licht. Ja, es stimmt, ich gehe gern zurück.“

Dabei hat sie Erfahrung mit Orten, die alles andere als anheimelnd sind. Für Rai 2 berichtete sie 1991 vom Golfkrieg, aus Südamerika und Somalia. In Mogadischu geriet sie 1995 in einen Hinterhalt. Sie selbst wurde nur leicht verletzt, musste aber miterleben, wie ihr Kameramann im Fond des Wagens im Kugelhagel starb. Dann 1999 das Angebot, nach Deutschland zu gehen, für sie, die eigentlich nie ständige Korrespondentin werden wollte: „Wissen Sie, ich ziehe lieber los, berichte und gehe dann wieder. “

Dass aus der Vernunftentscheidung – „Eine Korrespondentenstelle in einem Land von der Bedeutung Deutschlands, das konnte ich nicht ablehnen“ – doch noch eine nicht ganz unglückliche wurde, daran waren ausgerechnet die langen Berliner Winterabende schuld: „Ich habe sie genutzt, um unglaublich viel zu lesen. Wenn es etwas gibt, was ich Berlin verdanke, dann das: Ich habe sehr viel gelernt.“ Kapituliert hat sie nur vor der deutschen Sprache: „Ich beherrsche sie noch immer nicht, das werfe ich mir wirklich vor.“

Ab Juli ist Carmen Lasorella wieder in Rom, wo ihre Familie auf sie wartet und „ein lieber Mensch“. Sie wird wieder in ihre Wohnung einziehen, die sie vor vier Jahren so ungern verlassen hat. Und sie wird sich noch einmal ein Land erobern. Ihr eigenes diesmal. Ihr neues Programm trägt den Arbeitstitel „Hausbesuche“: „Wir werden täglich 15 Minuten lang ganz unbekannte und etwas bekanntere Menschen begleiten und von ihren Sorgen oder dem Schönen und Besonderen berichten, das ihr Leben ausmacht“, sagt Lasorella. Das Ganze sei eine Art langer Reise durch Italien, für sie selbst „eine Wiederentdeckung“. Dass sie dabei Heimweh nach dem grauen Norden bekommen könnte, hält sie nicht für ausgeschlossen. Wenn ganz Italien im Juli und August aus den heißen Städten ans Meer und in die Berge flieht, werden Carmen Lasorella und ihr Team in Rom hart zu arbeiten haben. Und sich im Backofen Rom an die menschenfreundlichen Berliner Sommer erinnern: „Gut möglich, dass ich mich dann nach dem grauen Himmel sehne.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar