Zeitung Heute : Eine Kirche – viele Kulturen

Antje Vollmer

TRIALOG

Dass die Einheit eines gespaltenen Landes schwer herzustellen ist, wissen wir aus der eigenen Geschichte. Dass man sich manchmal auch zu lange in den Teilwelten der Gespaltenheit aufhalten kann, kennen wir auch. Dass aber ausgerechnet die Spaltung der Religionen so besonders tief reicht, so besonders leicht zum Krieg führen kann, so besonders schwer zu überwinden ist – das gehört zu den großen Tragödien der Menschengeschichte. Und manchmal ist es gut, die fast naiv klingende Frage zu stellen, ob darin eigentlich noch irgendeine Vernunft liegt.

Fünfhundert Jahre dauert nun die Spaltung der Christenheit in den Katholizismus auf der einen Seite, die großen protestantischen Kirchen und die vielen Freikirchen auf der anderen Seite. Und diese Spaltung wiederum folgte der noch viel älteren, das Schicksal Europa entscheidend prägenden Spaltung in Ost-Rom und West-Rom, die Westkirchen und die orthodoxen Kirchen. Wer sich fragt, warum es Europa so schwer hat, zu einem einheitlichen Kontinent zu kommen, hier ist er am Kern der Antwort. Mit Religionen ist immer auch Politik gemacht und Geschichte geschrieben worden. Das gilt auch umgekehrt: So wie politisch die Einheit Europas auf der Agenda steht, so ist auch in den verschiedenen christlichen Kirchen die Einheit der Christenheit das Gebot der Stunde.

Wer versteht eigentlich heute noch, warum es die Aufteilung in Katholiken und Protestanten gibt? Weltweit ist es sowieso ein Rätsel, aber auch hier im Lande fragen die Menschen: Warum sind die Christen, die sowieso längst an den Rand der Gesellschaft zu geraten drohen, nicht längst wieder zusammen? Der Ökumenische Kirchentag in Berlin hat darauf eine Antwort gegeben: An der Basis der Gemeinden ist diese Gemeinsamkeit längst Realität. Die Abendmahlsgemeinschaft – offiziell an den Rand des Kirchentags definiert – ist sein zentrales Signal geworden. Seit Jahren nehme ich an der katholischen Eucharistie teil, obwohl ich evangelische Christin bin. Es gibt eine große Neugier, manchmal sogar eine Sehnsucht nach den abgespaltenen Teilen der christlichen Existenz, die die andere Kirche besser verkörpert als die eigene. Die Protestanten suchen in der katholischen Messe das Geheimnis, den Ritus, die Schönheit der alten Tradition. Die Katholiken bewundern an den protestantischen Gottesdiensten die Sprache, die gründlichere Textauslegung, die Bach-Musik.

Die Lösung ist einfacher, als viele Kirchenführer denken. Früher hat man immer gemeint, die Einheit der Christen müsste über theologische Dispute, Konzilien, Lehramtskonferenzen entstehen. Das hat sich nicht gerade als sensationell erfolgreich erwiesen. Und wenn etwas dabei herausgekommen ist, versteht es der gemeine Christ meist nicht. Fruchtbarer erscheint es, die Unterschiede zwischen den Kirchen, als unterschiedliche Kulturen, als unterschiedliche Traditionen zu interpretieren, deren Vielfalt die eine Kirche gut aushält. Man muss dieses Unterschiedliche nicht einebnen, sondern ihm die spalterische Qualität nehmen. Viele Kulturen in einer Christenheit, damit kann die Welt gut leben. Es wäre auch eine Gegentendenz zur Monokultur in so vielen anderen Bereichen. Und was den Papst betrifft, ich würde ihn – eine Zeit lang jedenfalls – als Sprecher für uns alle akzeptieren. Hier würde eine Rotation der großen Kirchenführer ja durchaus Sinn machen und sogar der neutestamentlichen Tradition der Jünger und Apostel entsprechen. Fünfhundert Jahre nach der großen Spaltung ist die Zeit gekommen, die Einheit praktisch zu vollziehen. Die Basis der Kirchen hat in Berlin damit angefangen.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Bundestags und Grüne.

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