Zeitung Heute : Eine Klasse für sich

A. Burchard A. Kühne

Die UN bemängeln in ihrem Bericht über das deutsche Schulsystem, es gebe zu wenig Chancengleichheit. Das hieß es auch schon in der PisaStudie 2001. Warum dauert es so lange, bis sich etwas ändert?


Nach dem Pisa-Schock 2001 brachten die Kultusminister und die Bundesregierung eine ganze Reihe von Maßnahmen auf den Weg. Dazu zählen das vier Milliarden Euro teure Programm für Ganztagsschulen, eine frühere Einschulung, nationale Bildungsberichterstattung, die ständige Teilnahme an internationalen Leistungsuntersuchungen wie Pisa oder Sprachkurse vor der Einschulung.

Trotzdem hat Vernor Munoz, Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf Bildung, dem deutschen Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Es sei „selektiv“ und könne zur Diskriminierung von Kindern aus Migrantenfamilien, armen Elternhäusern und Behinderten führen, heißt es in dem von ihm erstellten Bericht für den UN-Menschenrechtsrat, der gestern offiziell vorgestellt wurde.

Michael Steiner, der deutsche Botschafter bei den UN, wehrt sich gegen die Kritik: „Eine bewusste bildungspolitische Ungleichbehandlung von Kindern mit Migrationshintergrund ist nirgends in Deutschland erkennbar“, heißt es in seiner Antwort auf Munoz. Auch würden behinderte Schüler „besonders intensiv“ unterrichtet.

Vor allem betonen Experten, dass die Effekte der eingeleiteten Bildungsreform wohl erst in sieben bis 15 Jahren sichtbar würden, wenn die heute Vier- bis Zehnjährigen das Schulsystem durchlaufen haben. „Allerdings macht der Föderalismus das Geschäft nicht leichter“, sagt Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler an der FU Berlin. Jeder Reformschritt müsse mühsam in jedem einzelnen Land implantiert werden. Außerdem sei die Reform durch viele Kompromisse gekennzeichnet: „Man müsste viel weiter springen.“ Auch finanziell: Lenzen und der „Aktionsrat Bildung“, dem er angehört, haben errechnet, dass jährlich 30 Milliarden Euro im Bildungssystem fehlen. Unter diesen Umständen könne man weder die Ganztagsschule flächendeckend ausbauen, noch mehr Personal in die Schulen bringen.

Auch Özcan Mutlu, der bildungspolitische Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, kritisiert die „Kleinstaaterei“ im Bildungswesen. Die Bundesregierung müsse einen nationalen Bildungsgipfel einberufen, sagt er.

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner hält Munoz’ Kritik am dreigliedrigen Schulsystem für „legitim“. Das Ziel, jeden Schüler unabhängig von der Schulform zu fördern, dürfe aber nicht aus dem Blick geraten. In den Ländern würden jetzt Konzepte „zur Weiterentwicklung einzelner Schulformen“ erprobt.

Damit die von Munoz geforderte Chancengleichheit gewährleistet sei, müsse langfristig die Gemeinschaftsschule durchgesetzt werden, sagt dagegen Havva Engin, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Für Kinder, die länger brauchten, um sich zu entwickeln, komme die Aufteilung nach der vierten Klasse zu früh. Munoz’ Vorwurf, dass das Recht auf Bildung in Deutschland nicht ausreichend verwirklicht sei, treffe zumindest auf die Hauptschule zu. Sie eröffne den Schülern „keine Perspektive“.

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