Zeitung Heute : Eine kleine Kriegsschule

Der US-Army werden die Soldaten knapp, die Reserve muss ran – wie Verkäufer zu Irakkämpfern werden

Christoph Marschall[New Jersey] Fort Dix[New Jersey]

Der Tagesbefehl lautet: Personenschutz für eine irakische Abgeordnete auf dem Weg zum Rathaus von Balad. Nach wenigen Meilen durch lichten Nadelwald taucht die Kuppel der Moschee auf, aus rund 30 Flachbauten besteht die kleine Gemeinde, eine irakische Flagge weht. Auf einer Veranda rauchen Männer Wasserpfeife, an einer Ecke plaudern Frauen in langen Gewändern, Hühner gackern. Aber plötzlich knallen Schüsse. Der Schütze auf dem ersten Fahrzeug sackt zusammen, er schreit vor Schmerz. Die Soldaten auf den anderen Militärjeeps erwidern das Feuer. Die Wagen geben Gas, aber da blockiert ein Lkw den Weg. Es knallt wieder, lauter, aus einem Autowrack am Straßenrand quillt dunkler Rauch. Einige Soldaten sitzen ab und laufen zu den Zivilisten, die sich schmerzverzerrt am Boden winden – noch eine Detonation. Die Luft vibriert. Im Rückwärtsgang jagt der ganze Konvoi aus dem Ort.

„Okay, ihr könnt zurückkommen“, brüllt ein US-Offizier ins Funkgerät, er ist aus einer Gasse zwischen den Häusern aufgetaucht und blickt den Jeeps nach. Manöverkritik. – Haben wir die Abgeordnete abgeliefert? – Nein, zu gefährlich. – Richtig, schnell raus aus der Gefahrenzone. Und von wo kamen die Schüsse? – „10 Uhr 30 und 2 Uhr 30“, antwortet ein Milchgesicht: von links vorne und rechts vorne; bei der Armee bezeichnen sie Richtungen nach dem Zifferblatt einer Uhr. – Was habt ihr getan, als der MG-Schütze ausfiel? – Ins Fahrzeug gezogen und verbunden. – Hat jemand anders das MG besetzt? –Yes, Sir! – Okay, nicht schlecht für den vierten Übungstag. „Huuaaa!“, brüllt die ganze Truppe nach jedem Kommentar. „Heard, understood, acknowledged.“ Gehört, verstanden, akzeptiert.

Willkommen in Fort Dix, dem größten von fünf Ausbildungs-Camps der US-Army Reserve. In den Wäldern von New Jersey, keine hundert Meilen südlich von New York, werden Reservisten für den Einsatz im Irak und anderswo rund um den Erdball ausgebildet. Es sind etwa 40 000 US-Bürger – freiwillig gemeldet für die Army Reserve oder die National Guard, eine Art Bürgermiliz – die derzeit die Berufsarmee ergänzen. 25 000 von ihnen sind im Irak und in Kuwait, Afghanistan oder Bosnien. Mitte 2004 waren es sogar 90 000.

Nach Vietnam war die Wehrpflicht in den USA abgeschafft worden. Aber im Kalten Krieg brauchte das Pentagon weiterhin eine strategische Reserve für die Berufsarmee. Also lockte man die jungen Männer mit Handgeldern und Pensionsberechtigungen, sich für die National Guard oder als Reservist zu melden. Lange war das leicht verdient. Niemand musste damit rechnen, ins Gefecht geschickt zu werden. 39 Tage Training pro Jahr, das war’s. Aber das hat sich dramatisch geändert. In den 90er Jahren wurde der Krieg vom Ausnahmefall zur Regel – und die Reserve von einer Ersatzarmee im Wartestand zur mitkämpfenden Truppe. Und wer heute einen Sechs-Jahres-Vertrag als Nationalgardist unterschreibt, weiß, dass er mindestens einmal in einen „heißen Einsatz“ geht, meist für ein Jahr, sagen Experten.

Mittagspause auf der „Tiger Base“ in Fort Dix, Klapptische stehen unter einem Tarnnetz. Josh Womack aus Arkansas inspiziert die Ein-Mann-Ration: Spaghetti in Tomatensoße hat der schüchterne 19-Jährige heute erwischt. „Tu den Käse gleich mit rein, das schmeckt besser“, rät Sergeant Bill White, ein stämmiger 39-Jähriger mit Irakerfahrung. Im Mai 2003 hatte Josh sich für die National Guard gemeldet; im Zivilleben verkauft er Pauschalurlaube am Telefon. Letzte Woche wurde seine Tochter geboren. Zwei Tage haben sie ihm freigegeben, um das Baby zu sehen. Wenn er zurückkommt von „drüben“, wird sie ein Jahr alt sein. Warum tut Josh sich das an?

Anfangs klang es wohl eher nach Abenteuer denn nach Arbeit: Für die Ausbildung hätte er eigentlich nur ein Wochenende im Monat zur Verfügung stellen müssen und zwei Wochen jeden Sommer. „Und nach 24 Jahren gibt es eine gute Rente“, sagt Josh. 40 wäre er dann und hätte ein festes zweites Einkommen. Dann fällt Josh noch das Bild der einstürzenden Türme von New York ein. „Wissen Sie, wir verteidigen ja auch unser Land“, sagt er. Ja, Angst hat er auch, ein bisschen. „Das will ich hoffen“, dröhnt Sergeant White dazwischen. „Das ist die beste Lebensversicherung. Angst macht vorsichtig.“ Josh lächelt tapfer.

Schon beim Training sollen sich die neuen Soldaten fühlen wie im Irak. Mehrfach am Tag ruft der Muezzin in Fort Dix zum Gebet, computergesteuert. Die Soldaten schlafen auf Feldbetten in Armeezelten. Von fünf Uhr früh bis Mitternacht dauert die Ausbildung, nachts werden Wachen eingeteilt. Alles wird geübt, vom Hinterhalt bis zur Gefangenschaft – aber die Soldaten erfahren vorher nie, was; auch der Umgang mit dem Schock will trainiert sein. Es sind Exil-Iraker, die in die Rollen der friedlichen Bürger von Balad und der aggressiven Aufständischen schlüpfen („Ami, go home“). Sie unterrichten aber auch die Geschichte des Islams, kulturelle Unterschiede und ein paar Brocken Arabisch. Die meisten waren noch unter Saddam Hussein geflohen; sie wollen weder fotografiert werden noch ihre Namen preisgeben, sie haben Familie im Irak. Sie sagen: Die Lage dort drüben soll sicherer werden, für alle. Die Amerikaner haben uns geholfen, also helfen wir ihnen.

Die Ausbilder haben allesamt Irakerfahrung. Hauptfeldwebel Daniel McCrachen zum Beispiel, ein untersetzter Mann aus West-Virginia, 40 Jahre alt, er war mit einer Nachschubeinheit schon im Süd-Irak, in Bagdad und in Nassarija. Im Großen und Ganzen seien die Iraker freundlich, sagt er. „Die sagen uns alle, wie froh sie sind, dass Saddam weg ist.“ Nur an religiösen Feiertagen gebe es mal Spannungen.

Es sind zwei Welten, die nicht zueinander passen: das Irakbild der Zivilisten draußen vor den Kasernentoren und die Lage, wie die Soldaten sie zeichnen. „In den Zeitungen lese ich immer nur von den Fehlern, nicht von den Erfolgen“, sagt ein Hauptmann. Beim Einsatz der US-Streitkräfte seien die Fehler aber die Ausnahme, nicht die Regel. Kaum einer in Fort Dix nimmt Worte wie „Tote“, „Verwundete“, „Aufstand“ oder „Niederlage“ in den Mund. Man muss penetrant nachfragen. Dann heißt es: „Wir trauern um jeden Toten. Aber diese täglichen Gefallenenlisten erwecken ein falsches Bild. Rund 2200 Tote angesichts einer halben Million US-Soldaten, die seit Kriegsbeginn im Irak waren – das Risiko liegt unter einem halben Prozent.“

Dabei sind die Trainingseinheiten immer aufwändiger geworden, die Soldaten sind jetzt mehrere Wochen im Camp statt nur ein paar Tage, und auch ein Übungsgelände für den Umgang mit Sprengstoff gibt es jetzt. Die Anschläge mit an Straßen deponierten Bomben waren die größte Überraschung für die Armee – die Hälfte der Gefallenen starb so. In der Theorie klang alles so überlegt: Es wurden immer leichtere Jeeps und Waffen hergestellt, um sie per Flugzeug rasch verlegen zu können. Aber im Irak zeigt sich die Kehrseite: Leicht gepanzerte Fahrzeuge bieten keinen Schutz gegen Bomben. Seit Monaten wird mit Stahlplatten nachgerüstet.

Die Nacht legt sich über die Tiger Base. Beim Abendessen erzählen Eric Wilett und David McKenney, beide 22, von ihrem Irakeinsatz: Abu Ghraib. Im Frühjahr 2004 war der Name des Bagdader Gefängnisses um die Welt gegangen mit Bildern von der sexuellen Demütigung Gefangener. Eric und David kamen als Wachablösung für die Skandalmannschaft – strikte Einhaltung der Regeln war nun oberstes Gebot. Sie haben eine Fortbildung für die Gefangenen eingerichtet und etwas Arabisch gelernt. Darauf sind sie stolz.

Plötzlich Unruhe am Checkpoint Nord der Tiger Base, laute, zornige Stimmen, Hilferufe. Etwa 20 Iraker haben sich vor dem mit Stacheldraht gesicherten Tor versammelt und weisen auf den rot verschmierten Fuß eines Jungen. Zwei Jeeps mit MG im Anschlag fahren auf, der Posten ruft Dolmetscher und Sanitäter. Der Jugendliche, so das Szenario, ist beim Fußballspielen auf eine Mine getreten und will im Camp behandelt werden. Nur der Verletzte, seine Mutter und der Anführer dürfen rein, entscheidet der Posten und ordnet Leibesvisitationen an. Die Ausbilder sind zufrieden.

Es ist zehn Uhr abends. Die Exil-Iraker steigen in ihre Fords und Chevrolets und fahren heim in ihre Wohnungen in Amerika. Für sie war es ein weiterer Tag Theaterspiel zum Broterwerb. Für die Nationalgardisten hängt in wenigen Wochen das Überleben davon ab, „drüben“ im Irak.

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