Zeitung Heute : „Eine kleine und so große Frau“

Trauerfeier in Berlin: Abschied von Rut Brandt

Andreas Conrad

Sie hätte an der Grenze nicht warten müssen, die Volkspolizisten hatten ihr Privilegien angeboten damals, die wollte sie nicht. Mochte sie, Rut Brandt, auch die Frau des Regierenden Bürgermeisters von Berlin sein, so sei es doch selbstverständlich für sie gewesen, dass sie sich wie jeder andere in die Warteschlangen einreihen würde.

Eine kleine, doch charakterisierende Anekdote. Eine der vielen, die Pfarrer Friedrich Schorlemmer bei der Trauerfeier in seine Predigt einflicht. Auch Humorvolles, Komisches ist darunter, über Rut Brandts erste, von ihr später beschriebene Begegnung mit Leonid Breschnew etwa, der offen zu flirten anfing und bei der zweiten Begegnung deutlich eleganter gekleidet war. Aber das hatte der Theologe ja schon zu Beginn gesagt, dass es „bei dieser kleinen und so großen Frau, wenn wir uns verabschieden, auch heiter sein“ könne.

Gegen halb zehn Uhr vormittags sind die ersten Trauergäste vor der kleinen Johanneskirche im Berliner Stadtteil Zehlendorf eingetroffen. Zaungäste gibt es fast keine. Auch später in der Andacht sitzen nur wenige, die Rut Brandt nicht wie ihre drei Söhne durch die Familie, durch Freundschaft, gemeinsamen Weg oder politische Funktion verbunden waren. Immerhin, ein ganz in Weiß gekleideter Mann hält mit selbst gemaltem Schild („Danke, große First Lady Berlins“) und brennender Kerze vor der Kirche Totenwache, und so ist also auch das bodenständige Berlin bei der Beerdigung vertreten.

Zwei Kondolenzlisten liegen aus, in die sich die nach und nach eintreffenden Politiker eintragen, nachdem sie den anwesenden Journalisten noch einige Sätze zu der Toten in Notizblöcke diktiert und in Mikrofone gesprochen hatten. „In der schwierigsten Zeit hat sie ihrem Mann Rückhalt gegeben“, sagt SPD-Chef Kurt Beck. „Eine gute Repräsentantin der Stadt“, würdigt sie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Auch seine Amtsvorgänger Klaus Schütz, Walter Momper und Eberhard Diepgen sind gekommen, dazu Wolfgang Thierse, Egon Bahr, Manfred Stolpe, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und auch Norwegens Botschafter Bjørn Tore Godal. Bei so viel Politprominenz steht sicherheitshalber neben hinreichend Polizei auch ein Krankentransporter bereit.

Pfarrer Schorlemmer, zu DDR-Zeiten prominentes Mitglied der kirchlichen Opposition, sagt: „So selbstbewusst, so heiter, so zugewandt“ sei Rut Brandt gewesen, eine „alles in allem glückliche Frau“, von großer Weltoffenheit, gepaart mit nordischer Nüchternheit. Sollte Goethe, als er das Buch Ruth – ein Buch des Alten Testaments – als „das lieblichste kleine Ganze“ pries, vielleicht schon an die jetzt Verstorbene gedacht haben, fragt Schorlemmer, der aber auch die dunklen Stunden im Leben von Rut Brandt anspricht. Darunter ein Erlebnis aus dem Jahr 1992, das er nur andeutet, doch ohne ein Hehl daraus zu machen, wie schäbig es in seinen Augen war, als sie vom Staatsakt zu Willy Brandts Tod und der Beisetzung ausgeschlossen blieb.

Die norwegische Herkunft der Toten – sie wurde 1920 in Hamar geboren, war dort in der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer aktiv und musste 1942 nach Schweden emigrieren, wo sie Willy Brandt begegnete – hinterlässt auch in der Trauerfeier Spuren. „Solveigs Lied“ wird gespielt, vom norwegischen Komponisten Edvard Grieg.

Anschließend wird Rut Brandt, gestorben am 28. Juli 2006 in Berlin, auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof zu Grabe getragen. Dort liegt auch Willy Brandt begraben.

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