Zeitung Heute : Eine Kreuzfahrt durch die Kanäle und Fjorde im Süden Chiles

Roland H. Knauer

Wer gegensätzliche Landschaften liebt, Regenwald und schneebedeckte Hügel, für den eröffnet sich hier das ParadiesRoland H. Knauer

Irgend etwas stört das idyllische Bild, durch das der Katamaran mit 42 Stundenkilometern braust. Grüngrau liegt der Meeresarm vor dem Doppelbug, dunkelgrün verschluckt dahinter der Regenwald das Licht und darüber funkeln Schneegipfel in der Sonne. Das ist es: Schneegipfel, die kaum 2000 Meter über das Meer aufragen und Regenwälder darunter, das passt im Frühsommer einfach nicht zusammen. Tut es aber doch. Zumindest wenn man den Süden Chiles besucht.

Dort sorgt der kalte Humboldt-Strom, der aus der Antarktis im Pazifik nach Norden fließt, für ständig kühles, regnerisches Wetter. Drei- bis fünftausend, mancherorts gar zehntausend Liter Niederschlag auf dem Quadratmeter aber sind nicht nur das Fünf- bis 16-fache des Frankfurter Durchschnittsjahres, sie lassen auch einen üppigen Regenwald wachsen, der sich auf den ersten Blick kaum vom Amazonas-Urwald unterscheidet. Bereits in wenigen hundert Metern über dem Meeresspiegel aber ist es so kalt, dass Schnee fällt. Durch diese surrealistische Landschaft braust der Katamaran "Patagonia Connection" mit vielleicht fünfzig Passagieren an Bord.

Der Fahrtwind zerzaust das Haar, bläst die Wärme aus dem Leib. Aber es macht Spaß, im Wind zu stehen. Der ständige Wind gehört zu diesem Land genauso wie Regenwälder, Vulkane, Schneegipfel und Fjords. Salzwasser spritzt vom Wind gepeitscht über die Reling, Möwen segeln elegant neben dem Boot. Stundenlang rauscht der Katamaran schon durch die Kanäle zwischen den Regenwälder, da tauchen plötzlich einsame Holzhäuser auf, die auf Pfählen halb im Wasser stehen. Puerto Aguirre, ein Fischerdorf mit vielleicht siebenhundert Einwohnern. Drei Autos stehen dort auf der Insel mit den sturmzersausten Baumwipfeln. Wo sollen die Blechkarrossen auch hinfahren, der nächste Ort ist wohl hundert Kilometer entfernt und nur auf dem Wasser erreichbar.

Rasch verschwindet Puerto Aguirre hinter dem Heck, der Katamaran schießt weiter durch die endlosen Kanäle, fast beginnen die dunkelgrünen Wälder und die Schneegipfel darüber die Passagiere zu langweilen. Ein Gletscher, der regelrecht in der Felswand über dem Regenwald hängt, löst noch einmal ein kurzes Stakkato klickender Kameras aus, dann wird es wieder ruhig auf dem Katamaran. Dämmerung hüllt die Wälder bereits ein, als das Boot Fahrt wegnimmt und in eine Bucht biegt.

Eisberge schaukeln auf dem Wasser

Schemenhaft tauchen Holzgebäude mitten im Regenwald am Ufer der Bucht auf, das Hotel Termas del Puyuhuapi. Nur mit dem Schiff gelangt man in diesen abgeschiedenen Flecken Land, genau der richtige Ort zum Relaxen. Aber nur für den, der Zeit mitgebracht hat. Denn am nächsten Tag gilt es erst einmal den Namensgeber des Hotels zu erkunden. Termas bedeutet heiße Quellen. Und Thermalquellen gibt es gleich neben dem Hotel. Es ist ein ganz eigenes Erlebnis, mitten im Regenwald an einer Meeresbucht bei kühlem Klima sich im heißen Wasser zu aalen. Wenn da nicht eben dieser Regenwald zum Erkunden lockte, könnte man es den ganzen Tag in den Termas aushalten. Regenwald im Nieselregen, so sollte man den Regenwald kennenlernen. Feucht ist es und kühl, von den Bäumen tropft es. Südbuchen und Bambus wuchern wild durcheinander, feuerrot ist ein Baum mit Blüten übersät. Keckernd warnt ein Vogel, fliegt schimpfend davon, dann ist es still. Nur das schmatzende Geräusch, wenn die Stiefel aus dem Schlamm gezogen werden, stört die Ruhe. Adlerfarn rollt sich gerade aus, über einer ganzen Farnwiese öffnet sich der Blick wie durch ein Fenster zum Puyuhuapi-Kanal, dessen blaugrünes Wasser vor einem Horizont aus dunkelgrünen Wäldern schwappt. Über dicht bemooste Felsen springt ein Wasserfall in die Tiefe, Bambusgestrüpp auf matschigem Grund erinnert frappierend an das Klischee-Bild, dass man sich gemeinhin vom Regenwald macht. Zwischendurch einfach einmal stehen bleiben, die üppige Vegetation mit den Augen einfangen, die feuchte Kühle mit der Nase erschnuppern, nasse Blätter auf der Haut spüren, den Regenwald mit allen Poren in sich aufnehmen. Danach schmeckt das üppige Buffet im Hotel gleich noch einmal so gut.

Am nächsten Morgen sticht der Katamaran bereits früh in See. Dampf liegt über den Stellen, an denen das warme Wasser der heißen Quellen in die kalte Bucht mündet. Wieder gleiten endlos die Regenwälder unter Schneegipfeln an der Reling vorbei, Puerto Aguirre huscht wie ein Spuk vorbei. Ein Seelöwen-Weibchen hebt neugierig den Kopf aus dem Wasser, schaut dem Katamaran misstrauisch nach. Enten starten aus dem Wasser und fliegen mit dem Boot um die Wette. Links im Inland taucht der mächtige St. Rafael-Gletscher auf, der zwischen den Regenwäldern fast bis zum Meer herunter fließt. Darüber ein mächtiger Felsgipfel, der San Valentin, mit 4058 Metern der mit Abstand höchste Berg der Region. Die Bucht verengt sich zu einem schmalen Meeresarm, der nur ein paar Hundert Meter lang ist. Er endet in einer Lagune mit milchig-grünem Wasser. Langsam biegt der Katamaran um eine regenwaldbestandene Landzunge, der Blick in die Bucht öffnet sich. Eisberge schaukeln auf dem Wasser, manche nur metergroß, andere mehr als Hundert Meter lang. Filigrane Strukturen hat das Wasser aus manchem Eisbrocken herausgewaschen, einmal schimmert das Licht durch ein Loch von der anderen Seite durch. Auf einer eisigen Insel scheinen Wind und Wasser eine Pinguin-Familie aus dem Weiß herausgemeißelt zu haben. Grauweiße Eisberge schwimmen neben schneeweißen im Wasser, andere schimmern in einem intensiven Blau. Bis zum einige Kilometer entferntem Regenwald erstreckt sich dieses riesige Eisfeld. Langsam bahnt sich der Katamaran seinen Weg durch die Eisbrocken, hält immer Kurs auf den Ursprung der Eismassen, den San Rafael-Gletscher. Auf einer Breite von 1800 Metern mündet der riesige Gletscher in einer dreißig oder vierzig Meter hohen Abbruchkante in die Lagune. Der Katamaran lässt Schlauchboote zu Wasser, mit Kameras und Schwimmwesten bewaffnete Touristen sausen auf diesen Zodiaks dem Eis entgegen. Dunkelblau funkelt das Eis auf der linken Seite, verschiedene Figuren hat die Umwelt dort aus dem Eis geformt. Ganz oben krönen Zinnen und Türme aus Eis den mächtigen Gletscher. Längst schwappt das Schlauchboot mit ausgeschaltetem Motor dreißig, vierzig Meter vor dem Gletscher auf dem milchigem Wasser, die Passagiere lauschen dem Eis. Laufend kracht es im Gletscher, wenn im Inneren Eistürme in Spalten stürzen. In den Eisbergen im Wasser grummelt das Wasser in Höhlungen, Eisschollen knirschen aneinander vorbei, Wasser plätschert auf dem Eis. Einen Gletscher und ein Eisfeld zu hören, ist mindestens genau so interessant, wie ihn zu sehen. Lautlos beginnt sich eine Zinne von der Größe eines Einfamilien-Hauses in 35 Metern Höhe zu neigen, donnert mit Riesengetöse in die stille Lagune. Salzwasser spritzt, dann ist einen Moment Ruhe, tief ist der neuentstandene Eisberg untergetaucht. Eis ist aber leichter als Wasser, mit einiger Gewalt drückt das Wasser daher den Neu-Eisberg wieder nach oben. Mit Urgewalt schießt die abgebrochene Zinne bald wieder aus dem Wasser in die Höhe, wirft Riesenwellen nach allen Seiten, die das Zodiak gehörig zum Schwanken bringen. Nachdenklich nippen die Passagiere angesichts solcher Naturgewalten an den ihnen gereichten Whiskey, der natürlich mit jahrtausende-altem Gletschereis gekühlt wird. Ein großer Gletscher der ins Meer mündet, ist schon ein einmaliges Erlebnis. Besonders wenn er auch noch von Regenwäldern umgeben ist.



Anreise: In 17 Stunden fliegt ab Frankfurt am Main zum Beispiel die Lufthansa ab 1800 Mark direkt nach Chile. In der Hauptstadt Santiago wechselt man zur nationalen Fluglinie Ladeco, die in ungefähr eineinhalb Stunden bis Puerto Montt fliegt.

Touren. In Puerto Montt beginnen jeden Sonnabend oder Dienstag zwischen Anfang September und Mitte Mai die Vier- oder Sechs-Tages-Touren der "Patagonia Connection". Je nach Saison und Länge der Tour kostet die Reise zwischen 1486 Mark in der Nebensaison (September bis Mitte Dezember und Ende März bis Mitte Mai) für vier Tage und 4089 Mark in der Hochsaison von Mitte Dezember bis Mitte März für sechs Tage.

Der Flug von Puerto Montt nach Balmaceda, die Busfahrt mit Führung auf der Carreterra Austral bis zum Hafen Puerto Chacabuco und die Fahrt auf dem Katamaran inklusive allen Mahlzeiten sind bei diesen Preisen bereits dabei. Wer sechs Tage bleibt, kann Ausflüge zu den hängenden Gletschern im Nationalpark von Quelat und zum Dorf Puyuhuapi machen oder im Regenwald und in den heißen Quellen länger entspannen.

Ausrüstung: Das Gletscherpanorama lässt viel mehr Filme durch die Kamera wandern als man vermutet - also einen große Vorrat mitnehmen. Für den düsteren Regenwald sollte man auch an ausreichend empfindliche 400 ASA-Filme denken. Im Land sind geeignete Filme nur schwierig zu bekommen und relativ teuer.

Veranstalter: Buchen kann man diese Kombination aus Kreuzfahrt, Hotel, Regenwald und Gletscher in Deutschland zum Beispiel über Karawane-Reisen, Schorndorfer Straße 149, 71638 Ludwigsburg; Telefon: 071 41 / 28 48 50, Fax: 071 41 / 28 48 55.

Auskunft: Pro Chile, c/o Generalkonsulat von Chile, Kleine Reichenstraße 1/IV, 20457 Hamburg; Telefon: 040 / 33 58 35, Telefax: 32 69 57.

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