Zeitung Heute : Eine lange Busfahrt gegen den Terror

„Wer einen Menschen tötet, tötet die Menschheit.“ Warum Berliner Türken in Köln demonstrierten

Suzan Gülfirat

Kurz vor Mitternacht im Berliner Bezirk Wedding, kalt ist es. Eine Gruppe türkischer Männer und Frauen wartet vor einem Reisebus. Sie frieren, aber jetzt, endlich, geht es los. Beim Einsteigen murmeln sie ein kleines Gebet vor sich hin, beten dafür, gesund anzukommen. Ihr Ziel ist Köln, wo am Sonntag die große Demonstration „gegen Terror und für Frieden“ stattfindet.

Eine ganze Nacht im Bus, um ein paar Stunden zu demonstrieren und dann wieder die halbe Nacht auf der Autobahn zu verbringen? „Wir machen das für unseren Glauben“, sagt Ömer Ünal. „Islam bedeutet Frieden und Freiheit.“ Dass seine Religion oft mit Terror gleichgesetzt wird, dass immer mehr bei dem Wort Islam an Selbstmordattentäter denken, ärgert ihn. „Selbstmord ist eine Todsünde. Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit“, sagt er.

Ünal ist 58 Jahre alt und Verwalter der Mescidi-Aksa-Moschee in Wedding. Elf türkische Männer und sieben Frauen aus seiner Gemeinde haben sich ihm angeschlossen und aus einer anderen kamen noch einmal 20 dazu. Fünf Reisebusse hat die Türkisch Islamische Union (Ditib), die zur Teilnahme aufgerufen hatte, für ihre Mitglieder gemietet. Insgesamt wollten 1000 türkischstämmige Berliner nach Köln reisen.

Im Bus gibt es erst mal Unmut. „Ab 300 Kilometern Fahrt bekommt man in der Türkei kostenloses Trinkwasser im Bus“, sagt Esme Aksoy und die Frauen nicken. Seit fast 30 Jahren arbeitet Frau Aksoy als Reinigungskraft in Deutschland. Sie ist 45 und hat zwei erwachsene Söhne. Als Ömer Ünal über das Mikrofon bekannt gibt, dass der Bus alle zwei Stunden an einer Raststätte halten werde, beruhigen sich die Gemüter.

„Ich mache meinen Job für Gott, damit unsere Moschee am Leben bleibt“, sagt Ünal später, als die anderen schon schlafen. Vor drei Jahren wurde er von den knapp 120 Mitgliedern in den Vorstand des Moscheevereins im Soldiner Kiez gewählt. Seitdem er nicht mehr arbeitet, kann er es sich leisten, diese Arbeit ehrenamtlich zum machen. Bis vor kurzem hat er in einer Kabelfabrik in drei Schichten gearbeitet, aber wegen seiner kaputten Knie hat er die Arbeit aufgeben müssen. Jetzt hofft er darauf, früher in Rente gehen zu dürfen.

Auf einer Raststätte etwa 100 Kilometer vor Hannover halten drei der Ditib-Busse. Die meisten, die da aussteigen, um sich die Beine zu vertreten, sind über 50 Jahre alt, sie leben seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Nur drei Frauen, darunter auch die Ehefrau von Ömer Ünal, tragen kein Kopftuch. Die anderen sind in lange Mäntel gehüllt und haben sich große Kopftücher um Haupt und Schultern gebunden.

Vor einem der Busse steht Naci Kocak, 62 Jahre alt, er hat schon zwei Pilgerfahrten nach Mekka unternommen. „Ich will beweisen, dass der Islam nichts mit Terror zu tun hat“, sagt er. Die Frau neben ihm, Medine Tümer, 51 Jahre alt, sieht mit ihren blond gefärbten Haaren eher wie eine Deutsche aus. „Ich trage mein Kopftuch nur in der Moschee“, sagt sie lächelnd. Sie nimmt die lange Busfahrt auf sich, obwohl sie gerade eine Bandscheibenoperation hinter sich hat.

Als die Gruppe gegen acht Uhr morgens im Innenhof des Ditib-Geländes in Köln-Ehrenfeld ankommt, warten dort schon viele andere Türken aus ganz Deutschland. Einige haben gerade ihr Morgengebet beendet. Ein Frühstück gibt es leider nicht, was die Neuankömmlinge aus Berlin neben dem fehlenden Wasser im Bus verbuchen. Von dem Treffpunkt aus zieht dann am Mittag die eine der zwei langen Menschenschlangen los in die Kölner Innenstadt.

Tausende schwenken rote Fahnen mit dem türkischen Halbmond, einige auch das Banner der europäischen Union, nur wenige haben schwarzrot-gold gewählt. Die meisten Demonstranten sind Männer, aber viele haben Frauen und Kinder mitgebracht. Es ist ein Erfolg für Ditib, die Organisation, auf deren Ruf hin viele nach Köln gefahren sind. In Deutschland ist die Organisation seit 1985 aktiv. Der Spitzenverband von 867 Moscheevereinen in Deutschland untersteht dem Präsidium für Religiöse Angelegenheiten, das 1924 in Ankara gegründet wurde, um den Islam staatlich zu kontrollieren.

„Die Menschen, die in Ditib-Moscheen gehen, verstehen sich nicht nur als Muslime, sondern fühlen sich auch als staatstreue Türken“, sagt Ömer Ünal. Aber auch die staatstreuen Türken sind froh, als sie gegen 17 Uhr endlich wieder in ihren Bus steigen und die Fahrt nach Hause, nach Berlin, antreten können.

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