Zeitung Heute : Eine leere Seite, ein triumphales Nichts

Sabine Küchler

Es ist das Licht, mit dem es beginnt, das Licht, mit dem es endet. Gleißend empfängt es den Neugeborenen in der Welt, den Alten entlässt es mit einem goldenen Regen in den Tod. "Von nichts zu nichts, das ist der Gang des Lebens, für Menschen, Tiere, Vögel, Fische, Häuser, Schüsseln, für alles, was ist", so sinniert der Fischer Olai in der Stunde der Geburt seines Sohnes Johannes, "es gibt so viel mehr als das, aber was ist all das andere?" Auch Johannes wird es nur ahnen können im letzten Moment, wenn er sein Werkzeug erglühen sieht in diesem seltsamen Licht des Endes, die schweren abgenutzten einfachen Dinge, die er ein Leben lang benutzt hat, ohne sie je wirklich anzusehen. Erst im Glanz des Verlöschens werden sie sichtbar - "so ist das, die Menschen gehen fort und die Dinge bleiben da."

Von nichts zu nichts spannt sich das Leben in Jon Fosses Roman "Morgen und Abend", ein lakonischer Bogen, der ironischerweise nur Anfang und Ende erzählen kann, Geburt und Tod, das Leben selbst liegt wie ein Rätsel zwischen dem ersten und letzten Kapitel verborgen. Eine leere Seite, schmerzlich weiß, ein triumphales Nichts. Nur erzählbar als Versprechen oder als Vorgeschichte des Endes, "wenn alles herum ist".

Und es gibt wenig Gründe, diese weiße Seite nachträglich mit großen Worten zu füllen. Denn im Leben des Fischers Johannes hat es keine spektakulären Verwicklungen gegeben, keine Abenteuer, die man dem Vergessen entreißen wollte. Hart und mühselig war der Kampf mit dem Meer, das irgendwann die Fische für sich behielt. Ruhig und friedlich die Ehe mit Erna, die eines Tages, als ihre Zeit gekommen war, ihre Kammer nicht mehr verlassen hat. Jon Fosse buchstabiert die menschliche Existenz herunter auf ihr elementares Skelett. Herunter auf den natürlichen Gang des Lebens, eines Lebens, das nur Hauptwörter kennt - Geburt, Liebe, Tod. Mehr ist nicht zu sagen.

Man muss es sich trauen, so unverstellt pathetisch die letzten Dinge beim Namen zu nennen, an denen Mythos und Religion hängen mit bleiernem Gewicht. Ausgesetzt vor dem schweren Himmel der norwegischen Fjorde, wirken die Menschen in Fosses Roman ohnehin wie Archetypen in einem allegorischen Spiel.

Himmlische Unvernunft

Schnell wittert man hinter der schlichten Geschichte des Fischers Johannes eine Parabel auf den Menschen schlechthin und vermutet bald hinter jeder womöglich banalen Wendung philosophisches Kalkül. Camus berühmte Formulierung fällt einem ein, wonach das Absurde "entsteht aus der Gegenüberstellung des Menschen, der fragt, mit der Welt, die vernunftwidrig schweigt". Sind nicht auch Geburt und Tod des Fischers Johannes empörende Beweise einer himmlischen Unvernunft? Zufällig wird der kleine Knabe hineingestoßen ins Leben, eine Leere, der jeder Sinn fehlt, und ebenso willkürlich wird er wieder daraus vertrieben. Auch so trostlos lässt sich diese Geschichte verstehen, die schließlich das Leben selbst überspringt. Warum eigentlich, fragt man sich - weil es mit Worten nicht zu beschreiben wäre? Und ahnt doch beklommen, dass die richtige Antwort viel bitterer ist: es ist nicht der Rede wert.

Jon Fosse zu lesen, ist ein unbedingtes Erlebnis. Man mag sich zaghaft wehren, weil man hinter der holzschnitthaften Geschichte allergische Reaktionen auf die Lebenslügen einer erlebnisversessenen Gegenwart spürt. Man protestiert oder will protestieren gegen die gnadenlose Einfachheit, mit der Fosse kurzerhand Leben zur Krankheit zum Tode erklärt. Kein Trost, nirgends. Aber auch die Trostlosigkeit weiß zu überreden. Sie erklärt jeden Einwand zur blinden Naivität. Deutet vielsagend auf die Kläglichkeit der Verhältnisse und präsentiert triumphierend zahllose Gründe für ihre Melancholie. Wer könnte ihr widersprechen. Gutgläubigkeit ist ein kläglicher Schutz gegen die Argumente einer existentiellen Philosophie. Gegen ihren erfahrungsgesättigten Pessimismus ist kein Kraut gewachsen.

Keine Psychologie, kein Ausweg

Zumal Jon Fosse die Sprache zu einer Geschlossenheit zwingt, die keine Ausflüchte zulässt. Ihr Sound ist streng und unausweichlich wie die Geschichte selbst. Kein Ausweg, nirgends. Nur die Verlockung einer Geschichte, die nur so und nicht anders erzählt werden kann. Und deren Folgerichtigkeit man schwerlich entgeht. Weil diese Prosa in ihrer zwingenden Musikalität einen Sog erzeugt, der gerade zuführt aufs Zentrum der Existenz. Kein schmuckreicher Stil, keine üppigen Kulissen oder sensationellen Details erlauben die Flucht ins Ungefähre. Keine impressionistische Seelenmalerei tröstet uns mit dem Reichtum menschlicher Empfindungsfähigkeit über die Nichtigkeit des Lebens hinweg. Stur verweigert Fosse seinen Figuren jede Psychologie. Ihre Hoffnungen, gescheiterten Träume müssen wir heraushören aus den Zwischenräumen zwischen den Sätzen, aus ihrer Sprachlosigkeit, die kaum mehr zulässt als ein resignatives Jaja zu den Zumutungen des Lebens.

Die Welt der Fjordbewohner, so wie Jon Fosse sie schildert, liegt jenseits der Zeit. Die Klarheit der Landschaft, die Kargheit der Menschen, all das lockt mit einem Versprechen von Authentizität, die wir Leser in unserem Leben so schmerzlich vermissen.

Es ist schwer, fast unmöglich, sich der Suggestivität dieser Prosa zu entziehen, ihrer biblischen Wucht, doch muss man sich fragen, ob sie nicht unsere Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten und echten Tönen allzu widerstandslos erfüllt. Gewiss, Jon Fosse ist kein naiver Autor. "Nachdem Gott gestorben war", so hat er vor Jahren in einem Essay formuliert, "haben wir die absolute Perspektive verloren. Sicheres Wissen über die Welt, über die Wirklichkeit ist unmöglich geworden." Und mit dieser existentiellen Unsicherheit sei auch die Möglichkeit des realistischen Romans gestorben. Die Suche nach dem verlorenen Gott indes steckt wie ein Stachel in Fosses Texten. In dem Roman "Melancholie" (im Frühjahr auf deutsch herausgekommen) hat er die traurige Geschichte des norwegischen Malers Lars Hertervig (1830 - 1902) erzählt. Liebesunglück und Lebensschwermut führen den begabten Außenseiter am Ende in die Irrenanstalt Gaustad, elend stirbt er in einem Armenasyl. Doch Fosse reißt den Roman jäh in die Gegenwart: unvermittelt präsentiert er uns einen Erzähler, der im Spätherbst 1991 verzweifelt mit Hertervigs Lebensgeschichte kämpft.

Und, obschon er von Religion nichts wissen will, berührt der Schriftsteller Vidme unablässig die letzten Fragen. "Seine Arbeit als Schriftsteller hat ihn weiter in etwas hineingeführt, tiefer in etwas hineingeführt, das er in manchen Augenblicken, in glücklichen Stunden der Klarsicht als Aufschimmern des Göttlichen erkannt hat, aber sowohl Aufschimmern als das Göttliche sind Begriffe, die Vidme nicht leiden kann." Auf seine quälenden Fragen wird die junge Pfarrerin Maria, die er in seiner Not aufsucht, keine Antworten finden können, doch beschwört er am Ende ausgerechnet jenen, an den er nicht glauben kann. "Da sitzt der Schriftsteller Vidme und denkt", schreibt Fosse, "jetzt sei Gott ihm gnädig, damit er schreiben kann."

Und so bohrt sich der Schreibende hinein in Spiralen des inständigen Grübelns, hinein in eine Sprache, die, weil sie keine Antworten finden kann, nur bessere, genauere Fragen, scheinbar auf der Stelle tanzt und in insistierenden Wiederholungen Annäherungen an die unaussprechliche Wahrheit versucht. Auch der Fischer Johannes in "Morgen und Abend" quält sich mit dieser Unzulänglichkeit der Worte. Seine Sprachnot ist existentiell, nicht sozial (wie in den Stücken eines Horvath oder Kroetz etwa). Die Wörter waren zu Lebzeiten kein Trost, wie sollten sie ihm jetzt das Sterben erklären. "Da, wo wir hinfahren, gibt es keine Wörter", erklärt ihm der Freund, der ihn im Kutter ans andere Ufer bringt. Keinen Schmerz gibt es dort, keine Sprache, kein Du und kein Ich. Es ist eine Rückkehr ins absolute Nichts. "Ist es gut, dort zu sein?, fragt Johannes. Es ist weder gut noch schlecht, aber groß und still und es flirrt ein wenig, und hell ist es, aber diese Wörter können nicht viel sagen, sagt Peter."

Pause. Bricht ab. Fragend.

Jon Fosse ist hierzulande als Dramatiker bekannt, gerade ist in der Berliner "Schaubühne" wieder ein Stück von ihm inszeniert worden, er gilt als Norwegens erfolgreichster Stückeschreiber seit Henrik Ibsen. Dass er in seiner Heimat 33 Bücher veröffentlichte, Romane, Gedichtbände, Essaysammlungen und Kinderbücher, ehe er zu einem Star des europäischen Theaters wurde, nehmen wir staunend hin. Und es bleibt zu hoffen, dass der Erfolg des Dramatikers die Neugier auf den Prosaautor schüren wird und weitere Übersetzungen ermöglicht.

Pause, bricht ab, fragend - die häufigsten Regieanweisungen in seinen Stücken eröffnen den Schauspielern abgründige Möglichkeiten, in diesen Zwischenräumen die Geschichten zu entdecken, die die Figuren verschweigen. Die Prosa indes kann nicht innehalten, trudelt unentwegt fort in Wiederholungen, Variationen des bereits Gesagten. Ohne Punkt reiht sie Satz an Satz. Sie kennt keine Stille, nur die weiße Seite, die in "Morgen und Abend" freilich ein ganzes Menschenleben umfasst.

Von nichts zu nichts

Und diese Leerstelle auszufüllen mit Fragen und Mutmaßungen (und dem verfluchten Gefühl, nur Ahnungen, keine Wahrheiten zu wissen), macht die Intensität der Lektüre aus. Was wissen wir wirklich von Johannes, dem Fischer, dessen Geburt uns zu Beginn so anrührend geschildert wird? Wie sollen wir uns dieses Leben denken oder die Liebe zu Erna? Was mag er erhofft haben, wieviele Träume hat er begraben? War er ein glücklicher Mensch, hat er pflichtbewusst absolviert, was ihm aufgetragen war? War die Geburt ein Geschenk oder nur der Beginn eines beschwerlichen Weges, "von nichts zu nichts"? Nur ein zufälliges Intermezzo, kurz und unerheblich, zwischen den Ewigkeiten der Wortlosigkeit? Johannes entgleitet den Lebenden sanft, treibt einfach davon im goldenen Licht. Mit dem jähen Schmerz der Geburt, dem Schrei in den "stillen Lärm der Welt" hinein, mit dem alles begann, hat dieser Abschied nichts mehr gemein. Nur die Lebenden müssen verzweifeln. Die Tochter Signe, die den Sterbenden nicht mehr erreicht, bleibt ungetröstet zurück.

Jon Fosse muß die Perspektive nur zart verrücken, vom seelenruhigen Blick des Toten, der keine Worte mehr braucht, wechselt er in die Gegenwart der Zurückgebliebenen, die für ihren Kummer keine Worte weiß. Kein Trost, nirgends, nur stumme Formeln, um nicht zu vergessen: "und Signe denkt, du Johannes, Vater, Johannes, Vater". Der Himmel, das Meer und die Wolken nehmen den Tod ungerührt hin wie das Leben. Und da der Roman keinen Punkt an das Ende seiner Geschichte setzt, wissen wir, so wird es immer sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben