Zeitung Heute : Eine linke Geschichte

„Die fetten Jahre sind vorbei“: Was der Film mit dem Leben des Schauspielers Burghart Klaußner zu tun hat

Jan Schulz-Ojala

Dieser Mann ist kein Star. Beim Autogrammtest auf dem Ku’damm, ein Wochentag, früher Abend, fällt Burghart Klaußner glatt durch. Niemand bleibt stehen, nur weil da dieser nicht große, nicht kleine, in Schauspielerkreisen durchaus bekannte Mann langgeht im dunklen Mantel. Niemand zeigt entzückt mit dem Finger auf diesen Typ eher leidender als leitender Angestellter. Niemand rückt später im Literaturhaus-Café mit einem Notizblock heran an dieses Gesicht, das, aber ja, irgendwie einprägsam ist und irgendwie auch nicht. Seine Name ist Nobody, jedenfalls ziemlich. Doch stören tut ihn das nicht, im Gegenteil.

Dieser Mann ist ein Star. Noch nicht heute, aber spätestens nächste Woche, wenn Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Hans Weingartners umjubelten Wettbewerbsbeitrag von Cannes, „Die fetten Jahre sind vorbei“, auch hierzulande belacht und beseufzt haben und Burghart Klaußner mittendrin. Dabei ist der Film schon genau eine Stunde alt, als er eher unauffällig auftaucht: als Bonzen-Spießer, der nach längerer Autoreise den familiären Bin-gut-angekommen-Anruf ins Handy nölt. Nur dass er sich kurz darauf gefesselt und geknebelt im Fitnessraum der eigenen Villa wiederfindet. Der Macher – ein Opfer. Ein Opfer mit Vergangenheit, mit ziemlich linker, wie sich herausstellt. Mit der Vergangenheit einer ganzen Generation.

„Ich bin 55, aber nicht erwachsen.“ Burghart Klaußner lächelt den Satz knapp heraus und meint ihn doch ganz ernst. Erwachsensein findet er „langweilig und lähmend“ – nur: Könnten das nicht seine drei jung-anarchistischen Weltverbesserer im Film, Daniel Brühl, Julia Jentsch und Stipe Erceg, die ihn panisch in eine Berghütte entführen, mit viel größerem Recht sagen? Doch die Grenzen verschwimmen, die Feindbilder werden unscharf. Der Unsympath und Banker namens Hardenberg, den das Trio in seine Gewalt gebracht hat, ist ein Mensch. Ein Nach-Achtundsechziger mit Erinnerungen. Oder auch: der agile Igel, der dem Hasen-Trio immer voraus ist, weil er den Revolutionszirkus schon kennt. Fast möchte man Hardenberg zum heimlichen Hauptdarsteller des Films ausrufen, zur ausgebufften Durchschnittsnase, die allen die Show stiehlt. Wenn da nicht dieser demonstrativ unscheinbare Mann namens Klaußner wäre.

Doch Vorsicht, unter der ungemein ruhig sich gebenden Oberfläche namens Klaußner, Theater-, Film- und Fernsehschauspieler seit 30 Jahren, pulsiert ein Kraftwerk. Eines, das sich früh aufgeladen hat in der Druckkammer einer autoritär strukturierten Familie, um seine Energie in einem „ungeheuren Befreiungsschlag“ hinauszuschleudern – und immer wieder zu verschleudern auch, sobald der Deckel der patriarchalen Despotie weggehauen war. Nicht schlecht, wie der sich selbst überlassene Geldmann Hardenberg ins Kiffen zurückfindet, ins Spaghetti-Kochen, in die Erinnerung an den promisken Reigen einstiger Wohngemeinschaftsjahre. Nicht schlecht auch, wie Klaußner einstieg Anfang der 70er in die Theaterszene: als Enfant terrible, als bühnendeutschlandweit berüchtigte verbalrevolutionäre Nervensäge.

Der Vater: ein Berliner Traditionskneipier. „Wilhelminisch“ findet Klaußner ihn heute – ein flirrender Pedant, der „alles mit Tesafilm reparierte“, aber wehe, die Linien im Schulheft waren nicht gerade gezogen! „Zum Klaussner“ hieß seine Kneipe in der Charlottenburger Grolmanstraße, bis die Familie 1961 aus der frisch vermauerten Stadt raus nach München zog. Da war Burghart zwölf. Um nach dem Abi flugs zurückzukehren an die Berliner FU, zum Wintersemester 1969, und statt Schauspielschule hieß es erst mal Germanistik und Theaterwissenschaft. Der erste Tag des Münchner Frischlings im Studentendorf Schlachtensee ging so: „Als ich meine Sachen ins Badezimmer stellen wollte, standen da sechs nackte Frauen. Ich bin vor Schreck zurückgeschnellt, aber die riefen nur: ,Nö, komm doch rein!’“

Burghart Klaußner, in München noch der schüchterne Außenseiter, hat sich damals flott davongeschlichen aus dem Volksbad, Haus 18, aber ansonsten schnell gewöhnt. An „revolutionäre Umzüge“, an Streiks, daran, dass die Studenten ihre Sachen „schlank durchsetzten“, fast ohne Widerstand. „Entweder man machte mit, oder man war völlig einsam“, erinnert er sich, und Einsamkeit kam nicht in Frage. Ein Jahr später, frisch an der Max-Reinhardt-Schauspielschule, gehörte er zu denen, die ihren Lehrern eine schriftliche Hausarbeit über Marxens „Lohnarbeit und Kapital“ aufnötigten, „unter unserer Aufsicht“. George Tabori, sein erster Regisseur, nannte ihn bald „Always No“. Und 1972 machte sich das blutjunge Ensemblemitglied Klaußner an Hans Lietzaus Berliner Schiller-Theater unmöglich. Lietzau las einer ausgewählten Schauspielerrunde Heiner Müllers frisch herübergeschmuggelten „Mauser“-Text vor – und Klaußner hatte anschließend nichts Eiligeres zu tun, als gegen die „konterrevolutionäre Grundhaltung“ des Ost-Berliner Bühnenheiligen zu polemisieren.

Die Folge: Rauswürfe, Kräche, jahrelang. In Berlin, Frankfurt, Köln und anderswo. Klaußner nennt sein Verhalten heute „hanebüchen“, „gedopt vom antiautoritären Input an der Uni“. Und sieht, vorsichtig gereift, wie viel Nerven diese „Zeiten hoher Arroganz“ die Betroffenen gekostet haben, die Lehrer, die Regisseure und die Intendanten. Ersatzväter waren sie alle. Also Hassfiguren, sobald sie von ihrer formalen Autorität Gebrauch zu machen wagten – da mochte die Verehrung noch so groß sein. Das Zuhören fällt ihm heute leichter, etwa wenn der große Mime Walter Schmidinger Hof hält, mit dem er derzeit Hans-Christian Schmids „Requiem“ dreht. Dass niemand zu Wort kommt, wenn Schmidinger spricht, findet Klaußner ganz in Ordnung: „Er ist der Doyen.“

In „Requiem“ spielt er den hilflosen Vater eines Mädchens, das sich vom Teufel besessen glaubt, und fast ist es, als hätte Klaußner, der nach sehr viel Theater erst spät zum Film kam, im Kino immer nur Väter gespielt. Vor elf Jahren, als er in Wolfgang Beckers Erstling „Kinderspiele“ einen furchtbaren Prügelvater spielen musste, war er selbst mit Mitte 40 schon im gestandenen Väter-Alter. Und nach Hans-Christian Schmids „23“ und „Crazy“, wo er den genervten Erzeuger eines Internatszöglings gab, kam schon Beckers Super-Hit „Good Bye, Lenin!“ – und wieder war Klaußner ein Berliner Vater der ferneren Art, ein saturierter Zehlendorfer, der seinen Ost-Sohn Daniel Brühl offenbar für immer vergessen hatte. Und worin verwandelt sich der vom Terror seines Terminkalenders erlöste Durchschnitts-Zombie in „Die fetten Jahre sind vorbei“ – wenn nicht, zumindest für Augenblicke, in eine Art Restsehnsuchtsvater der drei Jungwilden, die ihn gefangen halten?

Da schadet es nicht, wenn so einer, der in ganz um Jugendliche kreisenden Filmen immer wieder die seelenwichtigste Nebenrolle gibt, auch im wirklichen Leben Vater ist. Burghart Klaußner ist einer, und offenbar keiner von Pappe. Zwei – heute jung erwachsene – Söhne hat er, und über deren Widerstände, etwa gegen das Klavierspielen, hat er sich „absolut autoritär“ hinweggesetzt. Ob er seinen eigenen Vater da in sich dröhnen hört, wenn er sagt: „Gewisse Dinge müssen durchgesetzt werden, da gibt’s kein Vertun“? Da klirrt durch, was Klaußner die vom Wilhelminismus geprägte Schizophrenie nennt – hier die künstlerisch-kreative Seite der Preußen, dort der Druck, den man sich selber und anderen auferlegt: das „unglaubliche Zerreißmuster“ des eigenen Lebens, das sich erst im Älterwerden zur einigermaßen stimmigen Person verbindet.

Nur: „Gewalttätig war ich nie.“ Schon für Prügeleien sei er viel zu feige gewesen, sagt Klaußner, und auf Demos verkroch er sich immer in Vorgärten, „bis die Alte im ersten Stock brüllte: ,Da is’ noch eener, Herr Wachtmeester!’“ Noch so eine linke Geschichte, die er in seinen Lieblingskalender eingekritzelt haben könnte, 1973 etwa, als der noch in allen linken Buchläden neben der Kasse lag. Damals kaufte er den „Roten Kalender gegen den grauen Alltag“ zum ersten Mal. Seither hat Klaußner keinen Jahrgang ausgelassen, und auch das neueste Exemplar ist wieder fast voll. Kalender-Motto 2004: Konsumterror. Hätte von Klaußners Söhnen kaum besser erfunden sein können oder ihren Generationsgenossen Jan, Jule und Peter aus Weingartners „Fetten Jahren“: Der Mensch braucht eben immer wieder Leute, die einen entführen zu sich selbst.

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