Zeitung Heute : Eine Marke, die jedes Schulkind kennt

Der Tagesspiegel

Von Bernd Matthies

Kein Alt-Berliner Symbol, nein, nichts wie Aschinger oder Bolle. Aber auch nicht weit davon entfernt. Herlitz ist ein Name, der die Jugendzeit zahlloser West-Berliner der Nachkriegsgeneration geprägt hat wie nur wenige andere. Er stand auf den DIN-A-5-Heften, in denen die Triumphe und Niederlagen der Schullaufbahn festgehalten wurden, er stand auf den transparent-bunten Schutzumschlägen, die diese Hefte nach Fächern und Verwendungszweck unterschieden. Drinnen der rosa Löschpapierbogen, dazu passend das Tintenfass mit Federhalter… Die Tintenfass-Phase allerdings ist sehr kurz gewesen, denn die fast ein Jahrhundert alte, von Carl Herlitz 1904 gegründete Berliner Firma begann erst 1953 überhaupt, Produkte unter eigenem Namen zu fertigen – zuvor war sie nur eine angesehene Wilmersdorfer Papier- und Schreibwaren-Großhandlung mit etwa 50 Mitarbeitern.

Der Eindruck der Berlin-Blockade und des Aufstands vom 17. Juni brachte den damaligen Chef Günter Herlitz auf die Idee, selbst zu produzieren – er wollte ganz sicher gehen, dass die Schüler der Stadt nicht plötzlich heftfrei da standen. „Herlitz holzfrei“, liniert oder kariert oder mit den besonderen Linien für die lateinische Ausgangsschrift versehen, wurde zum Markennamen und zum Erfolg, denn das Unternehmen blühte, wurde 1972 zur AG umgewandelt und ging 1977 an die Börse – eine sichere Sache für die Aktienkäufer, die damals noch ohne den Rat von Analysten wussten, was gut für sie ist. Zug um Zug eroberte das Unternehmen den Markt, erwarb Schreibgeräteproduzenten, Glückwunschkartenhersteller, Büroorganisationsfirmen.

In den Achtzigern folgte, konsequent, der Aufbau einer eigenen Einzelhandelskette, die den Tante-Emma-Schreibwarenläden das Leben schwer machte. Warum sie nicht „Herlitz“ hieß, sondern „McPaper“? Es waren wohl die Jahre des Fast-Food-Siegeszuges, als sich Manager ohne whoppernden Zungenschlag einen Erfolg im großen Stil nicht vorstellen konnten. Kaum ein Berliner Kunde wird überhaupt gemerkt haben, dass hinter der bunten Massenware der Läden die Firma Herlitz steckte – doch das spielte angesichts von zuletzt 330 Filialen in ganz Deutschland wohl auch keine Rolle.

Es war ironischerweise die politische Weltlage, die das Unternehmen erst groß gemacht hat und später in den Ruin stürzte. Der Fall der Mauer machte den Eigentümern Appetit auf Expansion, und es begann ein ruinöser Wettlauf um Einfluss-Sphären und neue Geschäftsfelder, der bald nicht mehr zu kontrollieren war. Ausgehend von der neuen Zentrale, die 1990 in Tegel eröffnet wurde, expandierte man zunächst ein paar Kilometer über die Stadtgrenze nach Falkensee, wo 1994 nicht nur ein neues Logistikzentrum entstand, sondern auch eine hübsche neue Gartenstadt zum Wohnen – insgesamt eine Milliardeninvestition. Bald war die Schreibwarenherstellung nur noch ein Geschäftszweig einer Holding, die sich mit Immobilienentwicklung beschäftigte, Fanartikel von Bundesliga-Fußballmannschaften vermarktete – und mit einer Beteiligung an einer russischen Papierfabrik wohl den entscheidenden Fehler beging. Denn das Unternehmen AO Volga erwies sich als Multi-Millionen-Grab für die Münchener Tochter Herlitz International Trading, die die weltweite Ausdehnung des Unternehmens steuern sollte.

Auch auf dem Immobilienmarkt war angesichts stetig sinkender Preise kein Geld mehr zu verdienen. Dennoch ist es der Herlitz-Tochter Falkenhöh zu danken, dass das weitgehend brach liegende Borsig-Areal in Tegel zu einem mustergültigen, vielfältig ausgestatteten Vorzeigestück des neuen Städtebaus wurde, zu einer Mixtur aus Büros und Kinos und Einkaufszentrum mit Hotel und U-Bahn-Anschluss, die bewies, dass es Alternativen gibt zur Ödnis der neuen Einkaufszentren.

Geholfen hat es nichts mehr, denn die Falkenhöh-AG musste 1999 abgestoßen werden. Schon 1997, als die kritische Lage des Unternehmens sichtbar wurde und die Aktienkurse ins Nichts stürzten, gab Peter Herlitz, das letzte aktive Mitglied der Gründerfamilie, seinen Aufsichtsratsvorsitz auf .

Seither wechselten die Chefs im Zwei-Jahres-Rhythmus, doch ihre stets ausgefeilte Selbstdarstellung half nicht mehr. „In Zentral- und Osteuropa ist Herlitz bereits heute Marktführer“, heißt es gegenwärtig auf der Website des Unternehmens optimistisch. Bereits? Heute? Darunter zieht eine kleine graue Laufschrift über den Bildschirm: „Herlitz beantragt Insolvenzverfahren.“

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