Zeitung Heute : Eine Mauer – zur Sicherheit

Ruth Ciesinger

Die US-Streitkräfte im Irak bauen um den sunnitischen Bezirk Adamija in Bagdad eine Mauer. So soll das Viertel sicherer gemacht werden. Kann dieses Vorhaben tatsächlich den gewünschten Erfolg bringen?


Fast vier Meter hoch und fünf Kilometer lang soll die Mauer werden. Sie soll mehr Ruhe und Sicherheit nach Amadija bringen, das hoffen zumindest die US-Streitkräfte in Bagdad. Viele der Menschen, die in dem sunnitischen Viertel am östlichen Tigrisufer quasi eingemauert werden sollen, sehen das allerdings anders. „Adamija wird ein einziges großes Gefängnis“, zitiert die panarabische Zeitung „Al Hajat“ einen 25-jährigen Bewohner des Viertels. Ein anderer sagt: „Bagdad soll wohl genauso geteilt werden wie der Rest des Irak.“

Die Arbeiten laufen seit Tagen, doch erst am Wochenende ist die Aufregung über die Mauerpläne richtig hochgekocht – weil die Bewohner vorher offenbar nicht informiert worden waren und erst nach und nach die Ausmaße des Unternehmens klar wurden. Dass der Bau gestoppt wird, wie es Regierungschef Nuri al Maliki noch am Sonntagabend von seinem Staatsbesuch in Ägypten aus verkündete, ist eher unwahrscheinlich. Zum einen, weil ihm der militärische Sprecher der eigenen Regierung am Montag widersprochen hat. Die Sicherheitskräfte würden den Bau von Absperrungen in Bagdad fortsetzen, sagte er dem Sender Al Irakija. Vor allem aber ist die Idee, den Zugang zu bestimmten Vierteln in Bagdad auf wenige, scharf überwachte „Checkpoints“ zu begrenzen, ein „Kernstück“ der amerikanischen Strategie, mit der das Militär die Situation in Iraks Hauptstadt einigermaßen unter Kontrolle zu bringen hofft.

Insgesamt zehn Viertel sollen abgeriegelt und in „Gated communities“ umgewandelt werden – was euphemistisch als „bewachte Wohnsiedlungen“ übersetzt werden kann. Das Viertel Gasalijah, in dem geschätzt 15 000 Menschen leben und das als Hochburg sunnitischer Terroristen gilt, hat die Armee bereits abgeriegelt. Es gibt, schreibt ein Reporter der „Washington Post“, nur noch einen Zugang für zivile Fahrzeuge sowie drei fürs Militär. Seit systematisch überwacht werde, wer das Viertel betrete, und regelmäßig Razzien stattfänden, gebe es weniger Schießereien und Explosionen, sagt ein US-Soldat. Zudem fänden sie „keine Leichenberge“ mehr, sondern „nur noch ein oder zwei Tote am Stück“. Andererseits sind die Bewohner in ihrer Bewegungsfreiheit noch stärker eingeschränkt und müssen oft stundenlange Umwege in Kauf nehmen.

Tatsächlich kann in einer angespannten Bürgerkriegssituation wie in Bagdad eine drastische Maßnahme wie ein Mauerbau helfen, die Lage zunächst zu stabilisieren. Das Problem sei, sagt der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Volker Perthes, dass man mit solchen Mauern auch klarmache, „dass die ,Grenzen‘ im Irak konfessionelle sind und man für diejenigen Kräfte, die eine nichtkonfessionelle Agenda haben, auch im Wortsinne keinen Raum mehr“ lasse. Damit aber sei der Wunsch, Bagdad als Hauptstadt, als urbanes Zentrum aller Konfessionen, Ethnien und Parteien zu erhalten, eigentlich gescheitert. Diese Angst treibt auch die Iraker um. „Bagdad wird in konfessionelle Bezirke aufgeteilt“, titelt „Al Hajat“ und berichtet, der schiitische Stadtteil Sadr City solle ebenfalls ummauert werden. Die Zeitung „As Saman“ zählte unter Berufung auf US-Quellen weitere sunnitische Viertel auf, die wie Amadija abgeschottet werden sollen.

Allein an diesem Montag sind im Irak durch Attentate wieder mindestens 30 Menschen getötet worden. Aber die Debatte über Mauern, Checkpoints und mehr Militär in der Hauptstadt zeigt auch, dass niemand weiß, wie die völlig außer Kontrolle geratene Situation wieder befriedet werden kann.

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