Zeitung Heute : Eine Metropole für sich

Vor 300 Jahren wurde aus der kleinen Siedlung für Schlossbedienstete eine eigenständige Stadt

Nora Sobich

Dass der heutige Richard-Wagner-Platz einst Zentrum einer eigenständigen Stadt war, fällt ortsfremden Flaneuren nicht auf den allerersten Blick auf. Im Stadtbild verkündet an dieser Stelle allein das wilhelminische Rathaus mit seinem 86 Meter hohen Turm von Charlottenburgs selbstbewusster Geschichte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bezirken Berlins war Charlottenburg 1920 nicht als kleines Dorf unter die Fittiche Groß-Berlins gekommen, sondern als eine selbstständige Stadt. Heute genau vor 300 Jahren wurde sie gegründet.

Obwohl die Ehe des Preußenkönigs Friedrich I. mit der gebildeten und kunstsinnigen Sophie Charlotte nicht als Liebesheirat in die Geschichte einging, war der Kurfürst doch untröstlich, als seine erst 37-jährige Gemahlin im Winter 1705 starb. In Gedenken an die früh Verstorbene taufte Friedrich I. das unter Sophie Charlotte zum Musenhof etablierteSommerschloß Lietzenburg in Schloß Charlottenburg um. Der vom Hofbaumeister Johann Friedrich Eosander zu dieser Zeit geplanten Schlossbedienstetensiedlung erkannte der trauernde Preußenkönig fortan das Stadtrecht zu.

Als Boomtown machte Charlottenburg erst einmal nicht von sich reden. Drei Jahre nach der Stadtgründung beklagte ein Hofberichterstatter den „elende(n) und recht bejammernswerte(n) Zustand der Charlottenburger Einwohner“. Für die miserable Lage war die Abhängigkeit der Charlottenburger vom königlichen Hofstaat verantwortlich, der allerdings nur sehr selten im Schloss weilte.Um die Situation zu verbessern, wurde 1717 das noch junge Stadtgebiet zur landwirtschaftlichen Nutzung aufgeteilt. Doch auch als so genannte Ackerbürgerstadt wollte sich der erstrebte Wohlstand nicht einstellen.

Noch 1740 beschreibt der Stadtchronist Johann Christian Gottfried Dressel Charlottenburg als einen „erbärmlichen Ort“ und diagnostizierte ohne Weichzeichner, dass die „neue Stadt aus eigener Kraft nicht überlebensfähig war.“ Friedrich Wilhelm I., der Sohn von Sophie Charlotte, ordnete daraufhin an, Charlottenburg den Status einer Stadt wieder abzuerkennen. Zufall oder nicht – die Anordnung ging in der Verwaltung unter, und Charlottenburg blieb, was es war: eine eigenständige Stadt.

Der lang ersehnte Fortschritt ließ aber auch weiterhin auf sich warten. Erst 1855 stieg die Einwohnerzahl auf 10 000, nach nur 1500 im Jahr 1722. Zunehmend bot Charlottenburg nun den angrenzenden Städten Berlin und Spandau Paroli. Erste Industriebetriebe wie die chemische Fabrik Heyl, die Töpferei March oder die Freundsche Maschinenfabrik siedelten sich an. Nachdem 1862 der so genannte Hobrecht-Plan zur Stadtentwicklung Charlottenburgs erlassen worden war, begann sich das Ackerland in prosperierendes Bauland zu verwandeln. Bis zur Gründung des Kaiserreichs 1871 hatte sich die einstige Hofbedienstetensiedlung zur reichsten Stadt Preußens emporgeschwungen. Vom ursprünglich ländlichen Flair Charlottenburgs war kaum noch etwas zu erahnen.

Zur rasanten Bevölkerungs- und Wirtschaftentwicklung trug auch wesentlich die Eröffnung der Stadtbahn 1892 bei. Bereits ein Jahr nach dem Verkehrsanschluss zählte Charlottenburg über 100 000 Einwohner. Neben monströsen Mietskasernen und dampfenden Fabrikanlagen entstanden großstädtische Straßenzüge wie etwa das „Heerstraßenprojekt“. Charlottenburg galt gleichzeitig auch als hochgeschätztes Wohngebiet. Vor allem das Westend entwickelte sich zur noblen Villenkolonie.

Seinen baulichen Ausdruck fand das neue Selbstbewusstsein im bereits erwähnten Rathausbau. Am 20. Mai 1905 – zum 200. Stadtjubiläum – wurde das monumentale Verwaltungsgebäude nach sechsjähriger Bauzeit eingeweiht. 1920 kam die Eingemeindung in Groß-Berlin. Das rief zwar wenig Begeisterung hervor, doch dem städtischen Leben tat es keinen Abbruch. Gerade in Charlottenburg pulsierten die zwanziger Jahre. Man traf sich im Theater des Westens, bummelte über den Kurfürstendamm, besuchte die funkelnden neuen Lichtspielhäuser und Cafés, raste Richtung Funkturm über die Avus. Die Universität der Künste und die Technische Universität wurden gegründet. In den dreißiger Jahren entstanden das gewaltige Messegelände und das Haus des Rundfunks. 1936 protzten die Nationalsozialisten mit dem Olympiastadion.

Nach dem Krieg begann für Charlottenburg eine neue Zeitrechnung. Der Stadtbezirk wurde Zentrum West-Berlins, so genanntes Schaufenster des Westens, wo Kurfürstendamm, Gedächtniskirche und Europa Center stolz den Aufbau-West verkörperten. In Berlin zu sein, hieß in Charlottenburg zu sein – sich die Nofretete in einem der Stülerbauten gegenüber dem prächtigen Schloss anzuschauen, eine Inszenierung in der Schaubühne oder im Schiller Theater zu erleben.

Zusammen mit Wilmersdorf, das seit der Bezirksreform mit Charlottenburg vereint ist, umfasst der Großbezirk heute ein Gebiet, das sich vom Grunewald bis zum Wittenbergplatz erstreckt, im Norden an die Jungfernheide und im Süden an den Volkspark grenzt. Auch wenn Charlottenburg nicht mehr Zentrum der eingemauerten West-City ist, hat doch lediglich ein Etikettenwechsel stattgefunden. Sophie Charlotte sei Dank!

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