Zeitung Heute : Eine Minderheit instrumentalisiert den Koran

Der Tagesspiegel

Am 7. April wird Annemarie Schimmel, die Nestorin der deutschen Islamwissenschaft, 80 Jahre alt. 1995 wurde der Gelehrten für ihr Völker, Religionen und Kulturen verbindendes Wirken der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Mit einer größeren Anzahl ihrer Bücher - u.a. „Mystische Dimensionen des Islam" (1985), „Die Zeichen Gottes. Die religiöse Welt des Islam" (1995) oder „Im Reich der Großmoguln“ (2000) – gelang es Annemarie Schimmel, über die wissenschaftliche Fachwelt hinaus auch ein breiteres Publikum zu erreichen. Im kommenden August erscheinen bei C. H. Beck in München unter dem Titel „Morgenland und Abendland. Mein west-östliches Leben" ihre Erinnerungen.

Frau Professor Schimmel, alles, was Sie seit über 60 Jahren geforscht und geschrieben haben, geschah im Zeichen der Verständigung zwischen der islamischen und der westlichen Welt. Nach dem berüchtigten 11. September scheint dieses Ziel der Annäherung zwischen den beiden Kulturkreisen nun in weite Ferne gerückt . . .

Diesen Eindruck habe ich nicht. Natürlich sind wir alle schockiert und betroffen von dem, was an jenem 11. September geschehen ist. Aber auf der anderen Seite bemerken wir, dass sowohl hier in Europa wie auch in den Vereinigten Staaten gerade jetzt ein erstaunliches Interesse am Islam erwächst. Bisher war es so, dass selbst die Gebildeten sich völlig ahnungslos über die verschiedensten Probleme des Islam oder der islamischen Welt äußerten. Wenn man in Europa oder in Amerika einen Gesprächspartner darauf hinwies, dass in Indonesien und überhaupt in Südostasien viel mehr Muslime leben als im Kernland des Islam, dem heutigen Saudi-Arabien und in den anderen Ländern der arabischen Welt, dann zeigte er sich in der Regel äußerst überrascht. Tatsächlich zeichnet sich der Islam durch eine geistige Vielfältigkeit aus, deren Spannbreite – bezogen auf das Christentum – der zwischen einem Athos-Mönch und einem amerikanischen Protestanten entspricht.

In Ihrem Buch „Die Welt des Islam" führen Sie die Verzerrung des Islambildes vor allem darauf zurück, dass nur wenige, die vom Islam sprechen, der Sprachen mächtig sind, in denen sich die klassische islamische Kultur ausdrückt .. .

Die Sprachunkenntnis stellt eines der größten Probleme überhaupt dar. Wie kann man etwa über den Koran sprechen, wenn man nicht weiß, wie die arabische Sprache aufgebaut ist? Wie kann man von islamischer Kultur sprechen, wenn man die poetische Qualität eines persischen Gedichtes nicht zu würdigen weiß? Man sollte auch wissen, dass diese Sprache die Übertreibung liebt. Wenn es irgendwo heißt: Wir wollen bis an die Knie im Blut des Feindes waten, dann entspricht dies in etwa unserer Formulierung: Wir werden es denen schon zeigen. Diese uns fremde und daher leicht Missverständnisse heraufbeschwörende symbolische Sprechweise ist eines der größten Hindernisse für das gegenseitige Verständnis.

Welchen Rang nimmt die deutschsprachige Islamwissenschaft im internationalen Spektrum der Islamforschung heute ein?

Eine Folge der Nazizeit war, dass unsere besten jüdischen Orientalisten nach Amerika ausgewandert sind und dort die Orientalistik erst wirklich gegründet haben. Für uns in Deutschland freilich entstand dadurch eine große Lücke, die sich erst ab Anfang der fünfziger Jahre langsam wieder zu schließen begann. Erst nach 1970 tauchte eine ganze Reihe ausgezeichneter junger Orientalisten auf. Heute verfügt die deutsche Orientalistik über eine Vielzahl guter, jüngerer Wissenschaftler. Allerdings sind sie einseitiger orientiert, als wir es waren. Das Material ist einfach so groß geworden, dass es ein einzelner Mensch nicht mehr umfassend überblicken, geschweige denn bearbeiten kann. Insgesamt betrachte ich die Situation der Orientalistik in einem recht positiven Licht.

Dennoch gewinnt man den Eindruck, dass sowohl Politik wie Wirtschaft von den Möglichkeiten und Ergebnissen der Orientwissenschaften nur wenig Gebrauch machen . . .

Ja, das ist leider richtig. Es ist mir unverständlich, dass ausgerechnet im Zuge der fortschreitenden Globalisierung Institute oder Lehrstühle für Orientalistik „eingefroren" oder abgebaut anstatt geschaffen und ausgebaut werden. Worauf es nämlich neben vielem anderen ankommt – und dies gilt für Okzident und Orient gleichermaßen – ist eine grundlegende historische Schulung. Dass die Muslime über ihre eigene Kultur, über ihre eigene Geschichte, Literatur, Architektur und Kunst so uninformiert sind, hat mich immer wieder schockiert.

Sehen Sie im mangelnden Verständnis der eigenen Kultur eines der zentralen Probleme der islamischen Gesellschaften im Verhältnis zu sich selbst und dem Westen gegenüber?

Vor 150 oder 200 Jahren konnten wir davon ausgehen, dass jeder gebildete Muslim das Arabische so weit beherrschte, dass er mit dem Koran umgehen konnte, ohne Kenntnis von der arabischen Literatur zu haben. Heutzutage, da ein großer Teil der muslimischen Gebildeten im Westen lebt, ist die wichtigste Literatur nicht mehr die in Arabisch, sondern die in Französisch und Englisch geschriebene. Dadurch ist die Umma, die islamische Gemeinschaft, natürlich auch zersplittert und es gibt arabische Begriffe, die man nicht eindeutig in eine westliche Sprache übertragen kann. Nehmen Sie nur das Wort Dschihad. Im Grunde heißt Dschihad Bemühung. Aber Dschihad „auf dem Wege Gottes" ist eben Krieg „auf dem Wege Gottes". Die heute so häufig gebrauchte Übersetzung Heiliger Krieg ist zur Zeit der Kreuzzüge entstanden und inzwischen leider auch von jüdischer Seite aufgegriffen worden. Natürlich haben wir es hier mit einer groben Unsinnigkeit zu tun, denn ein Krieg kann niemals heilig sein.

Wie weit ist das von den Attentätern des 11. September herbeigeführte „Märtyrertum" mit den religiösen Grundsätzen des Islam überhaupt vereinbar?

Im Islam ist der Selbstmord ausdrücklich verboten. Nur wer auf dem Wege Gottes im Kampf stirbt, gilt als Märtyrer, nicht aber jemand, der seinen Tod willentlich selbst herbeiführt. Das ist nach koranischer Auffassung und auch nach der Sharia nicht erlaubt.

Wie sind die Hassparolen der islamistischen Radikalen in diesem Zusammenhang zu bewerten?

Bei diesen Radikalen handelt es sich um eine kleine, doch sehr aktive Minderheit, deren Manifestationen vor allem politischen und sozialen Protestcharakter tragen. Diese lautstarke Minderheit instrumentalisiert bestimmte Aussagen des Korans und der islamischen Tradition für politische Zwecke. Unter der Vielzahl meiner islamischen Freunde wüsste ich keinen, der diese Parolen akzeptiert. Im Gegenteil, sie alle legen Zeugnis ab für einen Islam des Friedens und der Gleichberechtigung.

Könnte es infolge der Attentate des 11. September zu einer Spaltung innerhalb der islamischen Gesellschaften kommen?

Diese terroristischen Akte werden von den islamischen Gesellschaften auf keinen Fall befürwortet. So rechne ich nicht damit, dass es innerhalb dieser Gesellschaften zu einer Spaltung käme. Es gibt aber Spannungen innerhalb der vom Maghreb bis nach Südostasien reichenden islamischen Welt. Und hier erweist sich besonders Saudi-Arabien als ein großes Problem. Die aktuelle politische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes zusammen mit der außerordentlich engen wahabitischen religiösen Doktrin, die ich als „Supercalvinismus" bezeichnen möchte, scheint mir ein wesentlicher Faktor für die zukünftige Rolle des Islam zumindest in der arabischen Region zu sein. Von daher lautet die große Frage, auf die ich keine Antwort zu geben wüsste, wie sich Saudi Arabien in der nächsten Zukunft verhalten wird.

Immerhin schien in Europa mit seinem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil der Dialog zwischen den Religionen und Kulturen bereits auf gutem Wege zu sein. Was kann geschehen, um diesen Dialog auch nach den Ereignissen des 11. September weiterzuführen?

Das große Problem ist, dass beim Dialog häufig Menschen aufeinander treffen, die von vollkommen verschiedenen religiösen und philosophischen Standpunkten ausgehen und die nicht wissen, wie sie ihr Anliegen theologisch korrekt formulieren sollen. In der Tat führt uns die bei vielen interkulturellen und interreligiösen Dialogen immer wieder zu beobachtende Tendenz zur Harmonisierung und Unverbindlichkeit keinen Schritt weiter auf dem Weg zu einem echten gegenseitigen Verständnis. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Das Gespräch führte Adelbert Reif.

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