Zeitung Heute : Eine mörderische Familie

Wer hasst wen in Palästina – und wird daraus ein Bürgerkrieg? Besuche bei Kämpfern von Fatah und Hamas

Charles Landsmann[Gaza]

Gaza ist ruhig. Leer. Gespenstisch. Die größte palästinensische Stadt liegt staubig und hässlich unter der gleißenden Sonne, aber von den 500 000 Menschen, die in diesem am dichtesten besiedelten Gebiet der Welt leben, sind nur wenige zu sehen. Erstmals seit Jahren herrscht in der Nähe des Marktes kein Stau, und das Palmera-Restaurant, Gazas populärste Döner-Gaststätte, steht zur Mittagsstunde menschenleer. Die Hühner- und Rindfleisch-Kolosse in den Brätern auf dem Bürgersteig sind außen schon fast schwarz. „Mindestens 60 Prozent weniger Umsatz seit Ausbruch der Kämpfe“, sagt der Wirt.

Dafür stehen an jeder Straßenkreuzung nun Uniformierte. Blaue, Schwarz-blaue, Grüne, Gefleckte und Gelbe. Tiefschwarze in teuren Geländewagen von der Präsidialgarde fahren hupend an ihnen vorüber und erzwingen sich rechtswidrig die Vorfahrt. Eigentlich dürfte es von ursprünglich zwölf nur noch drei Sicherheitseinheiten geben – es sind immer noch mindestens fünf. Wie sie dort postiert wurden, ist das Ergebnis eines sorgfältigen Arrangements. Nirgendwo stehen sich Angehörige der verschiedenen Truppen direkt gegenüber. Man hat sich geeinigt zwischen den neuen Hamas-Sicherheitsorganen und denen, die die Fatah beherrscht. Zumindest für diesen Tag und solange keine anderen Befehle kommen. Es ist ein zerbrechlicher Status quo, den die beiden Palästinenserblöcke pflegen, manche meinen, der Bürgerkrieg stehe kurz bevor.

Seit den Wahlen Ende Januar, die die Hamas gewonnen hat, können Fatah und Hamas sich nicht verständigen über die Anerkennung Israels, über eine Zwei-Staaten-Lösung, die Verteilung der Macht, der Territorien, der Sicherheitsorganisationen –, und nun müssen die Menschen Angst haben vor den eigenen Leuten. In dieser Woche wurde ein Hamas-Mitglied erschossen, nachdem es das Auto eines Fatah-Mitglieds überfallen hatte. Als Racheakt wiederum ging später das Haus des Fatah-Mannes in Flammen auf, und Fatah-Demonstranten haben das Parlament in Ramallah gestürmt und teilweise verwüstet – alles Auswüchse innerpalästinensischer Auseinandersetzungen. Wir gehen nur noch für die Arbeit aus dem Haus und zum Einkaufen, und die Kinder dürfen nur im Hof spielen, sagen die Menschen. Nur keine unnötigen Risiken. Augen zu und durch. Weiß hier überhaupt noch jemand, wer hier wen hasst, wer Recht und wer angefangen hat?

„Unsere Aufgabe ist es, für Ruhe und Ordnung zu sorgen“, sagt Abdallah. Er steht in seiner neuen schwarz-blauen Uniform in der prallen Sonne, eine Kalaschnikow umgehängt, und schiebt seine Hornbrille die schweißnasse Nase hinauf. Er, sein bulliger Kumpel Hud und der leutselige Kommandant gehören zur gerade mal einen Monat alten „Exekutiv-Truppe“, einer 3000 Mann starken Sicherheitseinheit der Hamas-Regierung. Fragt man Angehörige der anderen Seite, der Fatah, so sind dies die Verantwortlichen für die blutigen Konfrontationen der Palästinenser untereinander, die tödlichen Schusswechsel, das Chaos im Sicherheitsbereich. Außerdem waren die Mitglieder dieser Truppe – und sind es wohl insgeheim immer noch – bei den so genannten „Issadin al Kassam“-Kommandos organisiert. Für die Islamisten sind deren Mitglieder Helden, für die Fatah sind sie Provokateure, für Israel Terroristen. Sie gelten als „Erfinder“ der Selbstmordattentate und werden für Hunderte Abschüsse von Kassam-Raketen auf israelische Ortschaften verantwortlich gemacht.

Aber Hud behauptet: „Wir schießen nur auf den, der auf uns schießt“; übersetzt bedeutet sein Spitzname Hai. Zwölf Stunden lang schieben er und die fünf Kollegen, zwei davon hinter Sandsäcken verschanzt und mit Waffen im Anschlag, auf der Al-Jalaa-Kreuzung Dienst. „Es gibt keine Kämpfe hier“, versuchen sie zu beruhigen, nur hier und da Probleme, wie immer, wenn etwas Neues entstehe, wie ihre Truppe zum Beispiel. „Wir jedenfalls kämpfen nicht gegen die Fatah“, sagt Hud – aber dann gibt er zu: „Nur gegen eine winzig kleine Gruppe um eine Person herum.“ Gemeint ist Mohammed Dahlan von der Fatah, ehemals Sicherheitschef des Gazastreifens, dann für die Sicherheitskräfte zuständiger Minister und jetzt Fatah-Abgeordneter und Vorsitzender des parlamentarischen Sicherheitsausschusses. Er ist der Lieblingsfeind der Hamas. Unter der Fatah-Regierung war er lange der Herrscher des Gazastreifens, ein unerbittlicher dazu. Er war es, der Ende der 90er Jahre die große Verhaftungswelle unter Hamas-Leuten initiiert hatte. Nun ist die kurze Straße, an der Dahlans Privathaus steht, abgesperrt. Dutzende Bewaffnete patrouillieren. Seit zwei, drei Tagen hat sich das Gerücht um einen Anschlag auf ihn konkretisiert.

Dahlan selbst sitzt an diesem Tag einige hundert Meter weiter neben Präsident Abbas von der Fatah, gegenüber Ministerpräsident Ismail Hanijeh von der Hamas, der ihn eigentlich umbringen lassen will, aber nun müssen sie miteinander reden. Es ist ein Krisentreffen. Abbas will die Anerkennung Israels, die die Hamas verweigert, durch ein Volksreferendum erzwingen. Die Hamas will das verhindern. Wird es eine gemeinsame Regierung geben?

Fragt man die Hamas-Kämpfer an der Al-Jalaa-Kreuzung, so hat natürlich die Fatah mit all dem Ärger begonnen. „Sie lassen die demokratisch gewählte Regierung nicht regieren, sie behindern sie, torpedieren ihre Politik und wollen ihr ihre eigene aufzwingen – die die Wähler abgelehnt haben“, sagt Hud. Aber wie auch immer, eines sei klar: „Es wird niemals einen Bürgerkrieg geben.“ Warum? „Weil wir alle eine Familie sind.“

Und doch sind schon Anhänger beider Seiten gestorben. 22 bisher. Im Flüchtlingslager Schati zum Beispiel, beim Märtyrerplatz mit dem kleinen Arafat-Denkmal in der Mitte, wurde vor zwei Wochen Khadar Afana, ein Angehöriger der Präventivabwehr von der Fatah, ermordet. Niemand weiß bis heute von wem. Doch als die Hamas-Exekutiv-Truppe auftauchte, „um die Ordnung wieder herzustellen“, wurde sie von den Einwohnern vertrieben. Drei Tage blieb sie weg, dann versuchte sie es erneut. Ein Steinhagel empfing sie, plötzlich fielen Schüsse. Am Ende lagen drei Zivilisten tot auf der Straße. Seither gehört Schati wieder allein der Fatah. In diesem Teil der Welt bemisst Macht sich quadratmeterweise.

Ein paar Stunden später haben sich über einen arabischen Verbindungsmann auch vier Kämpfer der Fatah zum Treffen bereit erklärt, die offensichtlich ein Al-Aksa-Märtyrer-Kommando bilden; offiziell bestätigen wollen sie es nicht. Treffpunkt ist ein Wohnhaus in der Nähe des Parlamentsgebäudes, die vier sind sogar pünktlich. Waffen haben sie nicht dabei, dafür ein Flugblatt, mit dem zum Blutspenden aufgerufen wird, unterschrieben von Al-Aksa. Zwei sind Studenten, einer ist Physiotherapeut, einer bei der Elektrizitätsgesellschaft angestellt. Jung sind sie, einer mager, zwei pummelig, nur der Anführer, Abu Thaer, 34, entspricht ein wenig dem Bild des Kämpfers. Die vier setzen sich an einen Tisch, Abu Thaer schenkt Tee ein.

Die Männer machen klar, warum auch sie es für unmöglich halten, dass aus den derzeitigen Kämpfen ein richtiger Bürgerkrieg erwächst – denn der wäre automatisch ein Bruderkrieg. Abu Thaer erzählt, dass einer seiner Brüder, Khaled, bei der Hamas ist, und einer seiner jungen Untergebenen sagt: „Auf unserem Haus wehen die Flaggen fast aller Gruppierungen.“ Natürlich werde am Tisch über Politik diskutiert – aber nur, bis die Mutter sie mit dem Satz „ihr habt alle Recht“ zum Schweigen bringe. Beim Nachbarn sei ein Sohn bei der Fatah, einer bei der Hamas, einer beim Islamischen Dschihad und noch einer bei irgendeiner Miliz. Ganz normale palästinensische Familien.

Die Frontlinie zwischen Hamas und Fatah verläuft entlang von Wohnvierteln, Häuserblocks, Straßen, aber oft genug auch quer durch die Familien – und das macht sie viel harmloser, als es von außen den Anschein hat. „Die da oben“, die Politiker und Offiziere der diversen Gruppierungen, mögen sich streiten, die Solidarität der Waffenträger scheint begrenzt. Zumal mittlerweile der Sold seit vier Monaten aussteht.

Stattdessen also der verbale Krieg, Schuldzuweisungen, die manchmal etwas Kindisches haben. „Sie haben angefangen“, das sagen trotzig auch die Fatah-Leute und meinen die Hamas. Die Hamas-Regierung habe mit vielen Versprechungen Wähler und letztlich die Wahl gewonnen, doch seither nichts getan, diese Versprechungen auch umzusetzen. Die Minister säßen in ihren Sesseln und täten schlichtweg nichts. Irgendwann gibt aber auch Abu Thaer, der Wortführer seiner Zelle, zu: „Es geht nicht um Politik oder um Ideologie. Das hier ist ein reiner Machtkampf.“ Die drei anderen nicken. „Hamas ist nicht unser Feind. Unser Feind heißt die Besatzung, heißt Israel.“ Abu Thaer sagt: „Wir sind in einer sehr traurigen Situation, wenn wir die Waffen gegeneinander richten. Wir müssen das stoppen und gemeinsam Widerstand gegen Israel leisten.“

Kurz vor dem Abschied meldet klingelnd auf den Handys eine SMS, verschickt von einer der neuen öffentlichen Nachrichtenagenturen: „Hamas zieht seine eigenen Truppen zurück.“ Die vier lachen. „Das kennen wir. Die sind schneller wieder da, als die weg sind.“ So war es im vergangenen Monat mehrfach. Später tönt es aus dem Autoradio optimistischer: Präsident Mahmud Abbas und Ministerpräsident Ismail Hanijeh hätten sich soeben darauf geeinigt, dass die neue Hamas-Truppe, jene, zu der auch Hud gehört, von ihren Positionen abgezogen und in die bestehenden Sicherheitsorgane integriert wird. Der erste Schritt in Richtung Entspannung.

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