Zeitung Heute : Eine Mumie besuchen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Die junge Frau hielt eine Peitsche in der Hand, trug schwarze Sachen und blickte mich voller Verachtung an. Solche Leute habe ich in meiner alten Basler Heimat nie kennen gelernt. Vielleicht liegt das daran, dass ich dort in keiner Jury mitarbeiten musste, so wie neulich auf der „Bad-Taste-Party“ von O.

Ich mag Geburtstagsfeiern, auf denen man sich verkleiden muss, eigentlich nicht. Besonders wenn ein Karaoke-Wettbewerb auf dem Programm steht. Ich habe mich für die Jury gemeldet. Da macht man sich weniger lächerlich, dachte ich. Wahrscheinlich werden aus diesem Grund auch in der großen Welt viele Menschen lieber Kritiker als Bühnenkünstler.

Unter anderem gab es Lieder von den Bee Gees zum Mitsingen. Die Jungs wären besser auch Kritiker geworden, glaube ich. Sehr talentiert war hingegen eine Frau in Grün, die „Heartbreak Hotel“ interpretierte. Der Hüftschwung, der Blick: Elvis lebt! Leider ließ mich meine Jurykollegin mit der Peitsche nur selten zu Wort kommen. Eigentlich durfte ich lediglich die Zeit stoppen, die der Applaus jeweils dauerte. Unsere Jury war etwa so basisdemokratisch organisiert wie „Der Spiegel“.

Nach dem Fest habe ich mich als Kritiker selbstständig gemacht und bin auf ein Konzert ins brandenburgische Kampehl gereist. Dort liegt seit 300 Jahren der Ritter Kahlbutz und verwest nicht.

Er sieht tatsächlich noch immer sehr fit aus in seinem Sarg. Selbst der berühmte Mediziner Ferdinand Sauerbruch konnte keine Erklärung dafür finden. Als eine von Kahlbutz’ Dienstmägden sich weigerte, mit ihm ins Bett zu gehen, soll er den Verlobten der Magd abgemurkst haben. Vor Gericht wurde der Ritter freigesprochen. „Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, dann wolle Gott, soll mein Leichnam nicht verwesen“, hat er da gesagt.

Herr Fröhlich, der Pfarrer von Kahlbutz, interpretierte zu dessen Todestag Georg-Kreisler-Chansons. Die Lieder der Bee Gees sind gruseliger, und die Elvis-Imitatorin auf der Bad-Taste-Party wackelte anmutiger mit den Hüften. Aber der Applaus für Pfarrer Fröhlich war ein Orkan. Das hätte selbst die Dame mit der Peitsche überzeugt.

Mumienbesichtigung in Kampehl: 10-12 und 13-16 Uhr außer montags; Telefon 033970-13405

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben