Zeitung Heute : Eine mutige und streitbare Frau

Zum Tod von Hanna-Renate Laurien, Gründungsstudentin der Freien Universität

Jochen Staadt
Auf dem Presseball 1991: Hanna-Renate Laurien, Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen. Foto: imago stock & people
Auf dem Presseball 1991: Hanna-Renate Laurien, Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen. Foto: imago stock & peopleFoto: picture-alliance /

Ihr Spitzname „Hanna Granata“ kam nicht von ungefähr. Sie war eine durchsetzungsfähige Frau und wusste sich auf männerdominiertem Terrain zu behaupten, lange bevor die Frauenbewegung Deutschland erfasste. Ehe sie als Bildungspolitikerin von sich Reden machte, hatte Hanna-Renate Laurien den Schuldienst als Praktikerin erlebt, worüber es in der Politik zu streiten galt – unter anderem als Direktorin der Kölner Königin-Luise-Schule von 1965 bis 1970. Es folgten Stationen als Kultusministerin in Rheinland-Pfalz zwischen 1976 und 1981, Berliner Senatorin für Schule, Jugend und Sport von 1981 bis 1989, stellvertretende Bürgermeisterin von Berlin, Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses und Vorsitzende der CDU-Frauenvereinigung.

Hanna-Renate Laurien, geboren 1928 in Danzig, wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater war Chemiker. Er erhielt 1934 eine Stelle in Spremberg/Lausitz, wo die kleine Hanna-Renate ihre ersten Erfahrungen mit dem Schulwesen machte. Wegen ihrer besonderen Begabung kam sie vorzeitig von der Volksschule auf das Realgymnasium. Während des Zweiten Weltkriegs half sie zunächst als Dienstverpflichtete bei der Betreuung sogenannter landverschickter Stadtkinder. Als Siebzehnjährige wurde sie zum Reichsarbeitsdienst einberufen, das Kriegsende erlebte sie nach der Flucht vor den vorrückenden sowjetischen Einheiten in einer Munitionsfabrik bei Kassel.

Im Juni 1945 zog sie zu ihren inzwischen in Berlin wohnenden Eltern, holte das Abitur nach und begann 1946 mit dem Germanistik- und Anglistikstudium an der Berliner Universität Unter den Linden. Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage ihrer Eltern verdiente sie sich neben dem Studium ihren Unterhalt in verschiedenen Jobs, als Kartenabreißerin im Kino, als Reporterin für einen amerikanischen Nachrichtendienst und als Fürsorgerin in der evangelischen Jugendarbeit.

In ihrer Bewerbung für die Zulassung an der Freien Universität schrieb Hanna-Renate Laurien am 2. November 1948: „An der Berliner Universität habe ich stets deutlich meine Stellungnahme gegen die SED gezeigt, und wenn ich mein Studium – rein äußerlich gesehen – auch an dieser Anstalt fortsetzen könnte, so bin ich nach reiflicher Überlegung dazu gekommen, dass innere Beweggründe dies unmöglich machen. Gerade für Geisteswissenschaftler ist es wohl entscheidend, dass in ihrer ,Alma Mater‘ der Geist und nicht die Materie und der Ungeist herrschen.“ Anlässlich der Eröffnungsfeier zum Wintersemester 1949 – die Zahl der Studierenden an der Freien Universität hatte sich schon fast verdoppelt auf mehr als 5000 – verlieh die junge Universität zum ersten Mal die Würde eines Ehrendoktors. Bundespräsident Professor Theodor Heuss war der erste Auserwählte, dem die Dahlemer Universität diese Ehrung zuerkannte: Heuss hatte die Wiedererrichtung der Deutschen Hochschule für Politik – heute Otto-Suhr-Institut – und die Gründung der Freien Universität im politischen Raum mit Sympathie begleitet. Zwölf Studierende der damals vier Fakultäten der Freien Universität wurden aus diesem Anlass auf die Bühne gebeten, um dem Bundespräsidenten mit Handschlag zu gratulieren. Unter diesen zwölf Besten war auch Hanna-Renate Laurien, die gerade an einer altgermanistischen Dissertation über die Dietrich-Epen schrieb. Ihr Treffen mit Theodor Heuss verlief nicht ganz glücklich, und sie erinnerte sich daran später so: „Ich besaß nur klumpige Reichsarbeitsdienst-Schuhe, pumpte mir ein Paar elegante Schuhe, stapfte auf den Präsidenten zu, knickte mit dem Fuß um und lag vor ihm auf dem Boden. Oh, dieser Schreck. Doch er beugte sich über mich und sagte lächelnd: ,Mein Fräulein, so viel Ehrfurcht ist nicht nötig,’ Das ist der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur. In der Diktatur wird solche Unterwürfigkeit gefordert, in der Demokratie gilt das Präsidentenwort: So viel Ehrfurcht ist nicht nötig, da ist der Staatsbürger mit aufrechtem Gang gefragt.“

Über den Weg, wie man Staatsbürger mit aufrechtem Gang ausbildet, hat Hanna-Renate Laurien sich oft und gern mit ihren politischen Widersachern gestritten. Viele von ihnen haben sich in das Kondolenzbuch eingetragen, das nach dem Tod der ehemaligen Berliner Bürgermeisterin in der Eingangshalle des Abgeordnetenhauses auslag. In den Würdigungen für die am 12. März Verstorbene kommen auffallend oft die Worte Mut, Bildung und Menschenwürde vor. Dafür stand Hanna-Renate Laurien.

Der Autor ist akademischer Mitarbeiter im Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin

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