Zeitung Heute : Eine nach der anderen

Die neuen Influenzaviren vom Typ H1N1 haben auch in Deutschland zu Todesfällen geführt, die „alte“ saisonale Grippe bleibt gefährlich. Muss man sich doppelt und dreifach impfen lassen?

Adelheid Müller-Lissner
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Foto: dpaEPA

Wöchentlich werden neue Zahlen veröffentlicht. 30 000 Menschen sind seit April in Deutschland mit ziemlicher Sicherheit an der neuen Form der Influenza, der Schweinegrippe, erkrankt. Auswertungen des European Centre for Disease Prevention and Control zeigen, dass bisher die meisten nachweisbar an der Schweingrippe Erkrankten junge Menschen unter 30 Jahren waren. Deutlich seltener sind Menschen über 60 betroffen. Die europäischen Experten halten es für möglich, dass Ältere durch frühere Kontakte mit Viren des Typs H1N1 einen Immunschutz erworben haben, der auch für das neue Virus passt, eine sogenannte Kreuzimmunität. Dieses Phänomen wird auch als Ursache dafür angesehen, dass der Spanischen Grippe, die Europa kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Schrecken versetzte, vor allem junge, bis dato völlig gesunde Menschen zum Opfer fielen. In den Impfempfehlungen zu H1N1 stehen Senioren deshalb im Unterschied zur saisonalen Influenza nicht an erster Stelle.

Die meisten, die sich seit Frühjahr dieses Jahres mit dem neuen Virus infiziert haben, dürften dies gar nicht realisiert haben. In einem gerade erschienenen Update für Ärzte berichtet der Leipziger Infektionsmediziner Bernhard Ruf, man könne inzwischen davon ausgehen, dass bis zur Hälfte aller Infektionen keine oder kaum erkennbare Symptome zur Folge haben. Genaueren Aufschluss über den Anteil solcher stillen Infektionen sollen bald Studien ergeben, in denen Blutproben ausgewertet werden. Sicher ist eine Infektion nur, wenn das Virus mit aufwendigen Labormethoden nachgewiesen wurde. Viele Infizierte machen aber wahrscheinlich einfach eine „Erkältung“ durch, mit der sie gar nicht zum Arzt gehen und damit auch nie zum Testfall werden. Gerade weil das Virus sie nicht ins Bett zwingt, können die leichter Erkrankten es wiederum leichter verbreiten.

Wenn eine Grippe – ob nun die saisonale oder die neue – schwer verläuft und lebensgefährlich wird, liegt das in den meisten Fällen daran, dass sie in eine Lungenentzündung mündet. Wer Schwierigkeiten mit dem Luftholen bekommt, sollte deshalb schnell ärztliche Hilfe suchen. Im Krankenhaus bekommt ein schwer Erkrankter eventuell lebensrettenden Sauerstoff, möglicherweise ist sogar eine Form der künstlichen Beatmung auf der Intensivstation nötig. Trotzdem ist ein völliges Versagen der Lunge oder mehrerer Organe nicht immer zu verhindern. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sterben jedes Jahr in Deutschland 8000 bis 11 000 Menschen an einer schwer verlaufenden saisonalen Influenza.

Verursacher der Lungenentzündung können zunächst die Viren selbst sein, die in den tieferen Atemtrakt vordringen, ohne vom Immunsystem vorher ausgebremst zu werden. Sie können auch schwere Erkrankungen des Herzmuskels auslösen. Oft nutzen aber auch Bakterien die Gunst der Stunde und nisten sich, durch das geschwächte Immunsystem nicht aufgehalten, in den Atemwegen des Wirts ein. Bakterielle Lungenentzündungen, die dem Arzt wegen der Rasselgeräusche in der Lunge beim Abhören und auch im Röntgenbild meist besonders schnell auffallen, können zudem mit Antibiotika wirkungsvoll behandelt werden. Gegen die Viren wirken Medikamente wie Tamiflu dagegen, wenn überhaupt, dann nur im Anfangsstadium. Die bisher ausgewerteten Schweinegrippe-Todesfälle gingen überwiegend auf solche schweren, direkt von den Influenzaviren verursachten Lungenentzündungen zurück, so berichtet Ruf. Das passt zur Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation, dass die Krankheit in seltenen Einzelfällen einen Verlauf nahm, den man so von der saisonalen Grippe nicht kannte.

Während der kleine Junge, der am Freitag im Saarland an der Schweinegrippe starb, eine Vorerkrankung der Lunge hatte, hatte die 48-Jährige, die ebenfalls am Freitag in der Uniklinik Bonn der Influenza erlag, nach Auskunft des Klinikums keine den Ärzten bekannten Grundleiden außer hohem Blutdruck.

In Deutschland haben die Impfaktionen mit der Vakzine Pandemrix der Firma GlaxoSmithKline begonnen, die inaktivierte Spaltprodukte des Virus und Verstärkersubstanzen enthält. Die Ständige Impfkommission am RKI empfiehlt die Impfung bis auf Weiteres vordringlich für Beschäftigte im Gesundheitsdienst und der Wohlfahrtspflege mit Kontakt zu Patienten und für Menschen mit Vorerkrankungen. Wie die Charité am Freitag berichtete, sind dort inzwischen 568 Mitarbeiter geimpft worden. Da ihnen auch die Impfung gegen die saisonale Grippe angeraten wird, stellt sich die Frage nach der Reihenfolge und dem Abstand. Der neue Bundesgesundheitsminister und Mediziner Philipp Rösler (FDP) hat bereits bekannt gegeben, er werde sich zunächst gegen die saisonale Influenza impfen lassen, die „momentan noch gefährlicher“ sei, erst dann komme die Schweinegrippe dran. Theoretisch könnte man sich auch beide Spritzen zugleich geben lassen. Wegen der besseren Überwachung werde jedoch derzeit ein Abstand von drei Wochen empfohlen, so berichtet das Deutsche Ärzteblatt in seiner aktuellen Ausgabe. Für Kinder und Menschen über 60 kommt ein dritter Arzttermin hinzu. Sie sollen ihre Pandemrix-Spritzen nach der derzeitigen Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts zweimal im Abstand von drei Wochen bekommen, Kinder mit der Hälfte der Dosis. Für jüngere Erwachsene könnte dagegen Studien zufolge eine einzige volle Dosis reichen. Bis Mitte November sollen Erkenntnisse über die Immunantworten der bis dahin Geimpften in eine Empfehlung münden, ob einmal Impfen wirklich ausreicht.

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