Zeitung Heute : Eine Nachricht vom Tod

Jorge Semprun tritt ans Pult. Und sagt, was keiner zu sagen wagte – die Gedenkfeier zum 60.Jahrestag der Befreiung Buchenwalds

Kerstin Decker[Weimar]

Fremde fallen in Weimar gar nicht auf, und natürlich hört man fast alle Sprachen der Welt zwischen Goethe-, Schiller- und Herderhaus. Aber die Spanier, Russen, Franzosen und Polen, die im Augenblick seltsam großäugig durch die Stadt gehen, sind so irritierend – alt. Und noch etwas haben sie gemeinsam. Sie waren alle schon einmal hier. Und sie blieben auch viel länger als die meisten Fremden. Nicht direkt in der Stadt, sondern etwas weiter oben auf dem bewaldeten Berg, den jeder schon aus der Ferne sieht, wenn er von Erfurt kommt.

1937 protestierten die Weimarer. Das Konzentrationslager auf dem Ettersberg sollte „Kl. Ettersberg“ heißen. Das geht aber nicht, sagten die Weimarer. Sie meinten nicht das Konzentrationslager, sondern nur den Namen. Der Ettersberg gehöre Goethe. „Der du von dem Himmel bist/Alle Freud und Schmerzen stillest…“ Wanderers Nachtlied. Er fand es hier oben. Das Konzentrationslager bekam den Namen „Buchenwald“.

Buchenwald – eigentlich ein schönes Wort, sagt Gerhard Schröder am Sonntag im Nationaltheater von Weimar. Er hatte sich an den Anfang von Jorge Sempruns großen Buchenwald-Roman erinnert, als ein Mann einen winterlich kargen Baum ansieht. Und eine Ewigkeitssekunde lang denkt, dass dieser Baum schön ist. Schröder steht auf der Bühne des Nationaltheaters, hinter ihm sitzt das Orchester, und doch ist das keine Dichterlesung hier. Seine Zuhörer sind eben jene 600 alten Menschen aus ganz Europa, die schon einmal hier waren. Viele bis zum April vor 60 Jahren, oben auf dem Ettersberg, vor sich Weimar, hinter sich das Schloss Ettersburg, wo Schiller die „Maria Stuart“ beendete.

Als Weimar Kulturhauptstadt Europas wurde, hat man eine Lichtung geschlagen zwischen Lager und Burg, die „Zeitschneise“, die kürzeste Verbindung zwischen der Ettersburg und Buchenwald. Ein wunderbarer Weg. Hier ungefähr mussten die SS-Männer heruntergekommen sein, wenn sie ins Dorf zur nächsten Kneipe wollten. Die nächste Kneipe hinter Buchenwald. Im April 1945 wollten sie nur noch weg. Noch Anfang 1945 war das Lager die Endstation für die großen Transporte aus Auschwitz und Groß-Rosen gewesen. Früher gingen die Transporte immer anders herum, aber schon Ende Januar gab es Auschwitz nicht mehr, und bald wurden auch von Buchenwald aus 28000 Häftlinge auf Todesmärsche geschickt.

Am 11. April erreichte die US-Armee Buchenwald. Häftlinge der geheimen Widerstandsorganisation öffneten ihnen das Lager. Es war eine Befreiung von innen und von außen. Unter den Häftlingen waren am Ende fast keine Deutschen.

„Jedem das Seine“ steht auf dem schmiedeeisernen Haupttor, durch das sie nun gehen konnten. Das Tor ist überraschend klein. Es ist nicht lange her, da hat ein Junge es prüfend hin und her geschwungen. Er sah enttäuscht aus. Ein Tor wie jedes andere. Er wird da nie so hindurchgehen können wie die ehemaligen Buchenwald-Häftlinge jetzt. Und bald werden auch sie es nicht mehr können. Wird es dann ein Tor sein wie jedes andere?

Diese Sorge spricht aus jeder Rede an diesem Sonntag im Weimarer Theater. Als Letzter tritt Jorge Semprun auf die Bühne. Er hat ein schmales, schönes, altes Gesicht und besitzt die Schonungslosigkeit der großen Literaten. Es ist auch eine Schonungslosigkeit gegen sich selbst. Er sagt, was keiner bisher so auszusprechen wagte. Er habe eine Nachricht von sehr „vitaler Bedeutung, denn die Nachricht bezieht sich auf unseren Tod“. Jeder wisse doch, dass diese Gedenkfeier die letzte ist, an der Zeugen jener Erfahrung teilnehmen werden. „In zehn Jahren, 2015 also, wird es keine Zeugen mehr geben.“ Auf dem Rang wird es unruhig, jemand ruft aufgebracht: „Das ist nicht wahr!“ Aber Semprun ist noch nicht fertig: „Niemand wird den Bewohnern von New York erklären können, dass der ekelhafte Geruch, der sich nach den Attentaten vom 11. September von den Zwillingstürmen über das ganze Stadtviertel verbreitete, genau jener der Krematoriumsöfen der Nazis war.“ Semprun macht weiter, Unwillensbekundungen auf Französisch unterbrechen ihn, er antwortet französisch. Er könnte auch sagen, dass keiner mehr wissen wird, dass der Hauptbaum von Buchenwald gar keine Buche, sondern eine Eiche war. Die Goethe-Eiche. Die Häftlinge nannten sie so. Sie glaubten, bei dieser Eiche hätte schon Goethe mit Charlotte von Stein gestanden. Ob es stimmt, war ihnen egal. Es half.

Aber man wird es eben doch wissen. Durch solche wie Jorge Semprun und Imre Kertész. Durch einstige Buchenwaldhäftlinge wie sie und eine Literatur, die mehr ist als Zeugnis und Erinnerung. Paul Spiegel bekannte seine Angst, dass der „Staffelstab der Erinnerung“ bald nicht weitergegeben werden kann, und schlug vor: „Prägen Sie sich den Namen eines einzigen Opfers ein und übernehmen Sie damit eine ideelle Partnerschaft des Gedenkens. Übernehmen Sie den ,Staffelstab der Erinnerung’!“

„Staffelstab der Erinnerung“. Ein trübes Wort. Gibt es solche Staffelstäbe? Erinnerung ist etwas anderes als Gedächtnis. Dann beginnt das Orchester den zweiten Satz aus Schostakowitschs 5. Sinfonie, und wir sehen dazu Bilder nach dem 11.April. 15.April1945: befreite Häftlinge in ihren Baracken. 16. April 1945: Die Weimarer müssen sich das Lager ansehen, dessen Anfangsname ihnen missfiel. Und dann am 19. April: der „Schwur von Buchenwald“. Bildeten sie, die Häftlinge von Buchenwald, nicht ohnehin eine Art unfreiwilliger Internationale? Jetzt wurde es eine freiwillige. Sie schworen sich das Nie-wieder!

An den Bussen der Weimarer Linie 6 steht „Buchenwald/Ettersburg“. Vielleicht ist noch immer nichts erschütternder in dieser Stadt als ihr Nahverkehr. Buchenwald/Ettersburg. Klassik und Barbarei, ein Fahrziel. Diese Stadt ist eine einzige Gesamtausstellung. Eine große Vergangenheitsverdichtung.

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