Zeitung Heute : Eine Nacht von 14 Tagen

Die Bergungsmaschinen waren abtransportiert, die Suchtrupps abgereist, als auf Anordnung des Hüttendirektors doch noch einmal gebohrt wurde. Vor 40 Jahren sind elf totgeglaubte Bergleute aus der Grube Lengede gerettet worden. Eine Begegnung mit zwei Überlebenden.

Dagmar Rosenfeld[Lengede]

Von Dagmar Rosenfeld,

Lengede

Sie hatte ihr schwarzes Kleid angezogen und die Rüschen vor der Brust glatt gestrichen. Draußen hörte sie Totenglocken läuten. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben 39 Bergleute den Tod gefunden“, hatte die Grubenleitung ein paar Stunden zuvor bekannt gegeben. Danach hatten sie eine Liste mit den Namen der Toten ans Zechentor gehängt. Zwei Tage war es her, dass ein gebrochener Klärteich die Erzgrube in Lengede überflutet hatte. Zwei Tage hatte Christa Riechey nicht aufgehört zu hoffen, ihr Mann könnte es noch schaffen. Dann stand sein Name auf der Liste. Es war der 26.Oktober 1963, als Christa Riechey zur Witwe wurde. Da war sie 24 Jahre alt.

Jetzt ist sie 64, und das Kleid hat sie immer noch. Weil es sie nicht nur an den traurigsten Tag ihres Lebens erinnert, sondern auch an den schönsten eine gute Woche später. Da rannte sie als Witwe zur Erzgrube, weil man sie gerufen hatte, und als Ehefrau ging sie heim. Dieter, ihr Mann, lebte. Acht Tage nachdem er für tot erklärt worden war, hatte man ihn und zehn weitere Bergmänner entdeckt. Aber auch an diesem Tag musste Christa Riechey wieder ohne ihren Mann nach Hause. Musste ihn zurücklassen, 60 Meter unter der Erde. Dort saßen Dieter Riechey und die anderen in einem kalten, steinigen Bruch, seit fast anderthalb Wochen schon. Und niemand wusste, wie lange es noch dauern würde, sie rauszuholen.

Dieter Riechey sitzt auf der Couch im mollig warmen Wohnzimmer, die Hände auf dem Schoß zusammengefaltet. Er hat blaue Augen, ein trübes Blau, so trüb wie das Meer nach einer Sturmflut. So etwas wie eine Sturmflut ist auch über ihn hinweggefegt, als am 24. Oktober der Klärteich 12 an der Erzgrube in Lengede in Niedersachsen brach und eine halbe Million Kubikmeter Wasser und Schlamm die Schachtanlage ersäuften. „Das Wasser war so schnell“, sagt Riechey. Auf seiner Lok, mit der er 90 Meter unter Tage das Erz transportierte, wollte er zum Ausgangsschacht fahren. Doch das Wasser war vor ihm da. Er ist dahin zurück, wo er herkam, zu einem Förderband, auf dem ist er nach oben gelaufen. Bei 70 Metern ging es nicht mehr weiter. 20 Kollegen standen da und starrten auf das Wasser, das durch die Schächte rauschte.

Wer auf die Idee gekommen ist, in den „Alten Mann“ zu steigen, das weiß Riechey nicht mehr. Alter Mann, so nennen Bergleute die Stollen, in denen das Erz schon abgebaut worden ist. Ungesicherte, morsche Hohlräume, die jederzeit einstürzen können. Ersaufen oder von Gesteinsbrocken erschlagen werden – die beiden Möglichkeiten blieben Dieter Riechey und den anderen. Also sind sie in den Alten Mann geklettert. 21 Bergleute, nass und voll Schlamm, zusammengekauert auf 20 Quadratmetern, die sie vor dem Wasser retteten. Vier Männer sind in der ersten Nacht gestorben, von Steinbrocken erschlagen. „Die haben es hinter sich, wer weiß, wie elendig du krepieren musst“, hat Riechey da gedacht, sagt er. Das haben sie alle gedacht, aber keiner hat sich getraut, es zu sagen. Sie haben zwischen den Toten im Dunkeln gehockt. Gebetet, dass sie gerettet werden. Und manchmal auch dafür, dass der nächste Stein sie erwischt, damit es vorbei ist.

Am vierten oder fünften Tag im Alten Mann ist Helmut Webranitz dann wirklich ein Stein auf den Kopf gefallen, ein kleiner. „Hier hat’s ne Beule gegeben“, sagt er und streicht sich über die Stirn, so als könnte er die Beule heute noch fühlen. Er sitzt bei „Rinaldi“ an der Theke. Es ist viertel nach zehn morgens. Webranitz bestellt sein zweites Bier, bevor er anfängt zu erzählen. „Der Hunger, den hältst du aus“, sagt er. Der Durst, der bringt dich um. Am Anfang habe keiner das Wasser trinken wollen, von dem es um sie herum doch so viel gab. Wegen dem Leichengift von den Toten, die darin lagen. „Aber wenn dein ganzer Mund nur noch eine aufgeplatzte trockene Wunde ist und deine Zunge so anschwillt, dass du glaubst, daran zu ersticken, dann trinkst du“, sagt Webranitz. Was fühlt einer, wenn er tagelang in der Dunkelheit eingeschlossen ist? „Angst“, sagt Webranitz. Vor dem Tod? „Nein, Angst vor dem Alleinesein, davor, dass die anderen sterben und man als Einziger übrig bleibt.“

Nichts sehen, nur fühlen

Die meiste Zeit hat er die Angst ausgehalten. Nur manchmal ist er durchgedreht, hat fantasiert. Grüne Wiesen hat er gesehen voller Blumen. Vielleicht ist das ja so, dass die Gedanken abhauen müssen, wenn der Körper gefangen ist, in einer Höhle 60 Meter unter der Erde. Die Bilder von der Blumenwiese hat Webranitz nicht vergessen. Und auch die von den Toten nicht, die neben ihm lagen. Oft kann er nachts nicht im Bett bleiben, dann geht in die Küche. Setzt sich auf einen Stuhl und stützt die Ellbogen auf den Tisch, weil er im Sitzen besser einschlafen kann. So hat er auch im Alten Mann geschlafen – im Sitzen, die Ellbogen auf die Knie gestützt.

Sie konnten sich nicht bewegen und auch nicht aufstehen, weil die Decke zu niedrig war. Sie konnten nichts sehen, nur fühlen. Wie ihre Beine taub wurden, wie die Nässe sich durch die Haut fraß und die Kälte den Rücken steif werden ließ. Sie haben sich gegenseitig massiert, sich aneinander gedrängt, um sich zu wärmen. Die erstarrten Körper der Toten neben sich gespürt. Gesprochen haben sie kaum. Es gab auch nichts zu sagen. Seine Angst hat jeder für sich behalten und nachher auch seine Hoffnung. Da waren diese Geräusche, die immer wieder kamen. Als ob jemand mit den Fingernägeln über einen Tisch kratzt. „Das sind Bohrer, gleich haben sie uns gefunden“, hatten sie einander zugerufen. Nach ein paar Tagen sagte keiner mehr was, wenn er das Kratzen hörte.

Letzte Bohrung

Die elf verschütteten, lebenden Bergmänner wussten nicht, dass die Welt über Tage sie längst aufgegeben hatte. Dass ihre Frauen Schwarz trugen, ihre Freunde Kondolenzbriefe schrieben und in der Turnhalle der Lengeder Volksschule die Wände für die Trauerfeier schon mit dunklem Stoff drapiert waren. Neun Tage waren seit dem Grubenunglück vergangen. Die Bohrgeräte waren abtransportiert, die Suchtrupps abgereist, als auf Anordnung des Hüttendirektors Rudolf Stein doch noch mal gebohrt wurde. Weil die Gespräche darüber, dass Bergleute unter Tage überlebt haben könnten, nicht abreißen wollten. In der Zeche hatten sie immer wieder darüber geredet, dass vielleicht noch welche im Alten Mann sitzen. „Ausgeschlossen, dass da noch was ist. Aber wir bohren trotzdem“, hatte Stein gesagt.

Zusammen mit einem Vermessungstechniker hat er die Grubenkarten durchgesehen und geschätzt, wo der Hohlraum sein könnte. An der Stelle, an der dann gebohrt werden sollte, lagen aber Bahnschienen. Also haben sie einfach 150 Meter weiter gebohrt. Egal, weil ja eh niemand da unten sein würde.

Über Tage dröhnte der Bohrer, unter Tage saßen elf Männer und erzählten sich von Broten, dick bestrichen mit Mett. Auf einmal rumpelte es und Wasser spritzte über ihre Köpfe. Dann hörten sie ein metallenes Klopfen. Immer wieder, einszwei, einszweidrei. „Da wussten wir, jetzt hat man uns gefunden“, sagt Dieter Riechey. Und so krochen sie am zehnten Tag durch die dunkle Höhle, tastend, auf der Suche nach dem Metallrohr, das irgendwo sein musste. Als sie es endlich gefunden hatte, klopfte einer von ihnen mit einem Taschenmesser dagegen – einszwei, einszweidrei.

Dieter Riechey zeigt auf das Metallrohr, einen halben Meter ragt es aus dem Boden. Das Rohr steht heute noch immer da, wo sie es vor 40 Jahren in die Erde gebohrt haben. Drumherum ist eine Gedenkstätte gebaut worden. Jedes Jahr am 24. Oktober legt Riechey mit Helmut Webranitz hier einen Blumenkranz nieder. Dann streicht er mit der Hand über das Metallrohr, wie damals. Nur, dass er damals das andere Ende gefühlt hat – das unter der Erde. Gerade mal 42 Millimeter Durchmesser hat das Rohr, da passt nicht mal eine Hand durch. Und doch reichten diese 42 Millimeter, um Riechey und seinen Kumpels ein Stück von der Welt über ihnen hinunter in den Bruch zu bringen. Als erstes schickten die Rettungsleute eine Taschenlampe, dann ein Flasche Tee. Zuerst nahm jeder nur einen Schluck. Aber als sie merkten, dass immer mehr Tee runter kam, da tranken sie die Flaschen leer. Das Rohr brachte ihnen Schinkenröllchen, Kekse, Möhrensaft – und die Stimmen ihrer Frauen. Durch ein Mikrofon konnten die Männer für ein paar Minuten mit ihnen reden. Was sagt man, wenn 60 Meter Erde zwischen einem liegen, man sich nicht sehen und nicht anfassen kann? „Hast du den Lottoschein am Samstag auch abgegeben?“, waren die ersten Worte, die Helmut Webranitz zu seiner Frau gesagt hat.

Auch wenn sie jetzt Licht hatten, genug zu essen und zu trinken – gerettet waren die elf noch nicht. Erst 18 Stunden, nachdem die Bergleute entdeckt worden waren, konnten die Rettungsmannschaften anfangen, einen Bergungsschacht zu bohren. Sie brauchten dazu spezielle Geräte, weil das Gestein über dem Alten Mann so mürbe war, dass die Höhle durch die geringste Erschütterung zusammenbrechen konnte. Sie versuchten auch einen zweiten, größeren Versorgungsschacht zu bohren. Doch die Bohrung ging daneben – und die Retter waren erleichtert. Hätte das Rohr, wie geplant, die Höhlendecke durchbrochen, vielleicht wäre sie eingestürzt. Das, was später das Wunder von Lengede genannt wurde, war im Grunde auch eine Kette von Pannen.

Es hatte schon schlimmere Bergwerksunglücke in Deutschland gegeben. Aber nie war es zu einer so zermürbenden Rettung gekommen. Eine Rettung, die 400 Journalisten aus ganz Europa nach Lengede fahren ließ – „Unten waren elf, oben die ganze Welt“, titelte die Londoner Zeitung „Daily Mirror“. Das Wunder von Lengede. Das Wunder von Bern. Das Wirtschaftswunder. Es schien, als ob in dieser Zeit in Deutschland alles möglich sei.

Vom Durcheinander oben kriegten die elf eingeschlossenen Bergmänner nichts mit. 13 Tage saßen sie schon unter der Erde, als Bundeskanzler Erhard kam, um den Eingeschlossenen Mut zuzusprechen – durch das Metallrohr. Einen Tag später bohrte sich die rettende Pressluftbohrung durch die Höhlendecke. Geplant war das nicht. Eigentlich sollte sie einen Meter neben dem Bruch landen, wegen der Einsturzgefahr. „Bitte jetzt langsam und ruhig alles an mich melden, ich muss hören, was los war“, rief ein Ingenieur durchs Mikrofon. Einer der Bergmänner antwortete: „Muss jetzt aber raus, nicht?“ – „Ja, bleiben Sie ruhig sitzen.“ Über sieben Stunden dauerte es noch, bis der Erste von ihnen die Rettungsbombe besteigen konnte. „Das waren die schlimmsten Stunden“, sagt Dieter Riechey. Schlimmer als die Tage in der Dunkelheit. Weil jetzt, wo das Leben wieder so nah war, der Gedanke, dass die Höhle doch noch einstürzen könnte, ihn zu zerreißen drohte. Er war dann der Neunte, der am 7. November nach oben geholt wurde. Sein Sohn ist an dem Tag ein Jahr alt geworden.

14 Minuten vor Riechey war Helmut Webranitz aus der Tiefe zurück ins Leben gezogen worden. Wie ein Sieger ist er aus der Rettungsbombe gestiegen. „Hört auf“, hat er sich gegen die Rot-Kreuz-Helfer gewehrt, die ihn tragen wollten. „Die ersten Schritte in Freiheit, die musste ich alleine gehen“, sagt er. Er sitzt immer noch bei „Rinaldi“ an der Theke. Er genießt jetzt das Leben, sagt er.

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