Zeitung Heute : Eine Nacht zu zweit Beim Kultursender Arte trifft

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Struwwelkopp trifft korrekten Scheitel. „Ich wasche selber“, sagt Schlingensief. „Die Linie muss immer akkurat sein“ sagt Christian Thielemann. Chaos meets Ordnung? Linker Provokateur trifft erklärten Patrioten, der auch schon mal einer antisemitischen Bemerkung verdächtigt wurde? Trifft das ewige enfant terrible („2004 feiere ich 20-jähriges Jubiläum") auf den Weltstar am Dirigentenpult?

Zwei sehr junge Männer, beide mittlerweile über 40, lassen sich durch eine Berliner Nacht treiben, beobachtet von Kameras, selbst in der skurrilen Stretchlimousine, die sie wie Mafiabosse von Station zu Station transportiert. Alte Nationalgalerie („einfach klasse hier"), Teestube, Nobel-Asia-Lokal, Maler-Atelier, russische Künstlerkneipe nebst Kakerlaken-Rennen („wir setzen auf Iwan!“). Die beiden schwatzen miteinander „wie zwei Frauen beim Friseur“. Zu sehen ist das heute Abend auf Arte („Durch die Nacht mit… Schlingensief und Thielemann in Berlin“).

Das leise Fremdeln verdecken sie mit ausgesuchter Freundlichkeit. Christian Thielemann fragt neugierig nach, Christoph Schlingensief prahlt ein bisschen. Die beiden spielen miteinander und den Worten, sie kichern und gestehen kokett ein paar Schwächen ein. „Mathe? – nee.“ „Drogen? – kann ich nicht".

Schlingensiefs knappe Exkurse in die Politik verpuffen ohne Resonanz. Dazwischen Ausschnitte aus „Rosebud“ oder „Meistersingern“, „Chance 2000“ oder aus einer Orchesterprobe.

Die Unvergleichlichen erscheinen einander verblüffend ähnlich. Nur am Schluss geben sie sich unfreiwillig zu erkennen: Christoph Schlingensief gibt einem versoffenen Ex-Hausbesetzer ein Bakschisch. Und Christian Thielemann fürchtet sofort ein Messer im Rücken.

„Daraus kann eine schöne Freundschaft entstehen“, seufzt der kindliche Wilde glücklich. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Die Betonung liegt auf „kann“. Mechthild Zschau

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