Zeitung Heute : Eine Nation sucht sich selbst

Zu lange waren die Deutschen getrennt. Jetzt müssen sie die Einheit erst wieder lernen

Hermann Rudolph

Selbstverständlich und normal“ heißt die Empfehlung, die Egon Bahr eben erst seinen Überlegungen zum „deutschen Weg“ als Untertitel mitgegeben hat. Tatsächlich ist über die Neigung der Deutschen, erst das Haar und dann die Suppe zu sehen, oft genug geklagt worden. Es gibt auch wirklich keine Gewissenspflicht, anlässlich des Feiertags der deutschen Einheit in die Erörterung der deutschen Unfähigkeit zum Feiern zu verfallen. Allerdings: Erst vor ein paar Monaten hat die große Resonanz, die der fünfzigste Jahrestag des 17. Juni 1953 gefunden hat, sogleich wieder die Überlegung ausgelöst, ob nicht der Tag des Juni-Aufstandes als nationaler Feiertag an die Stelle des 3. Oktobers treten solle. Das verrät zumindest eine fortdauernde Unsicherheit gegenüber diesem Tag – und legt die Frage nach dem Verhältnis der Deutschen zu diesem 1990 eingeführten Tag der Einheit nahe.

Es ist ja auch unbestreitbar, dass der deutsche 3. Oktober den bedauernswerten Nachteil hat, nicht der französische 14. Juli zu sein. Es fehlt ihm schon die Emotionalität des Anlasses, des Bastille-Sturms 1789, die diesen klassischen Nationalfeiertag inspiriert. Wenn es darum ginge, in Deutschland ein Datum zu finden, das in der Lage wäre, an unsere Empfindungen zu rühren, so wären sicher der 17. Juni oder der 9. November besser geeignet. Ein Aufstand oder ein historisches Ereignis, Menschen gegen Panzer oder die Überwältigung, die sich in dem gestammelten Wahnsinns-Formeln Luft machte, haben sozusagen ein anderes Feiertags-„Format“ als der 3. Oktober, an dem die DDR ihren Beitritt zur Bundesrepublik vollzog. Ihm hängt deshalb die Nachrede an, er stelle nur einen bürokratischen Akt dar, der keine tiefere Anteilnahme erzeugen könne. Es passt dazu, dass schon nur vier Jahre nach der Einführung dieses Feiertages seine Abschaffung ernsthaft debattiert wurde.

Dass dieser Tag lediglich ein bürokratischer Akt sei, könne nur jemand behaupten, so hat Richard Schröder geschrieben – und er weiß, wovon er redet, denn er war als Abgeordneter der Volkskammer bei seiner Erfindung dabei – „der das Jahr 1990 im Lehnstuhl vor dem Fernseher erlebt hat und außerdem geschichtsblind ist.“ Die Herbeiführung der Einheit geschah nicht auf dem Verfügungswege, sondern war eine politisch-diplomatische Gratwanderung. Sie musste einerseits den Unwägbarkeiten der Entwicklung in Deutschland Rechnung tragen und war andererseits abhängig von der sich rasch wandelnden internationalen Lage. Und selbst das Datum war keineswegs ein Ergebnis politischer Willkür. Die Wahl des 3. Oktobers, getroffen in einer legendären Nachtsitzung der Volkskammer, war eine riskante, aber gelungene terminliche Punktlandung. Sie musste dem Drängen der Ostdeutschen nach einem raschem Beitritt entgegen kommen und durfte gleichzeitig die völkerrechtliche Absegnung der Vereinigung in den anderen Staaten nicht gefährden.

Vor allem aber ist es das Ereignis selbst, das den Feiertag rechtfertigt. Was ist geschehen? Ein Land, das vier Jahrzehnte lang geteilt war, erlangte an diesem Tage wieder seine Einheit. Eine Zweistaatlichkeit, die es für Jahrzehnte als sein endgültiges Schicksal hinnehmen musste, wurde mit ihm zur historischen Episode. Zugleich lösten sich alle jene offenen deutschen Fragen, die Deutsche und Europäer seit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt haben: Aus den beiden deutschen Staaten wurde ein Deutschland, das keinen Streitpunkt mehr auf der europäischen Landkarte bildet, sondern seinen Platz in Europa im Einverständnis mit seinen Nachbarn gefunden hat.

Hinter diesen Inhalten und Perspektiven, die sich mit dem 3. Oktober verbinden, bleiben alle anderen möglichen deutschen Gedenk- und Feiertage zurück, auch wenn sie emotionaler besetzt sind. Der 17. Juni 1953 ist ein großer Augenblick der deutschen Geschichte, weil er für den Willen zur Freiheit und für Zivilicourage steht – rare Tugenden in Deutschland. Aber das Datum eines Scheiterns ist er eben auch; das setzt seiner Botschaft Grenzen und disponiert ihn eher zu dem Gedenktag, der er heute ist, als zu dem Feiertag, der er war und als den ihn manche heute erneuern wollen. Selbst der 9. November ist sozusagen enger in seinem Profil, all den überbordenden Gefühlen zum Trotz, die er bewahrt. Doch er war eben nur der Anfang des großen Veränderungs-Prozesses, nicht schon seine Einlösung – ganz abgesehen davon, dass die Ambivalenzen, die an ihm hängen, seine Möglichkeiten als Feiertag sprengen. Man kann sich nicht am gleichen Tage an das Novemberpogrom erinnern und der Einheit erfreuen.

Allerdings stellt der 3.Oktober die Frage, ob er wirklich hält, was er verspricht. So zweifelsfrei ist das Verhältnis der Deutschen zu der endlich doch und gegen alle Erwartungen wieder gewonnenen Einheit nicht. Das hat mit dem aktuellen Zustand des vereinten Deutschlands zu tun, aber vielleicht noch mehr mit seiner Vergangenheit. Zu lange liegen die ersten Jahre nach dem Krieg zurück, in denen sich die Deutschen im Westen wie im Osten ein Deutschland ohne Einheit noch nicht vorstellen konnten. Zu lange hat aber auch die Zeit gedauert, in der man sich – im Westen wie im Osten – ein einheitliches Deutschland nicht mehr denken konnte und sich schließlich auch nicht mehr denken wollte. Zu lange existierte das Deutschland, das eine nationalstaatliche Rolle spielte, eigentlich nur noch im Blick von außen, in den strategischen Kalkulationen und politischen Perzeptionen von Franzosen, Engländern und Amerikanern. In der deutschen Binnenperspektive dagegen war höchst vage geworden, was denn die Einheit noch bedeuten könne – weder der nationalpädagogische Zeigefinger, den Kultusministerien und die Institutionen der politischen Bildung erhoben, noch jenes Stück mühsamer Staatsraison, das in der Wiedervereinigungsformel des Grundgesetzes und ihrer Auslegung durch die Gerichte steckte, haben viel dagegen vermocht.

Was alles heißt: Die Deutschen mussten und müssen die Einheit erst wieder lernen. Sie haben dabei auch in den dreizehn Jahren, in denen sie dazu Gelegenheit hatten, beträchtliche Fortschritte gemacht – etwas anderes zu behaupten wäre abwegig. Längst lebt niemand mehr in Köln oder Dresden mit dem Bewusstsein, der jeweils andere lebe auf einem anderen Stern, die großen Affären unseres öffentlichen Lebens bewegen Westen wie Osten, und Jan Ullrich oder Oliver Kahn sind die Helden der ganzen Nation. Doch auch wenn Ost und West längst fest aneinander gebunden sind, erleben sie doch diese Verbundenheit noch immer in sehr unterschiedlicher Weise und aus verschiedenen Perspektiven. Zu den massiven wirtschaftlichen und sozialen Diskrepanzen im vereinten Land ist ein ganzes Syndrom von Empfindlichkeiten und Betroffenheiten gekommen, vor allem im Osten, und der Prozess des Sich-wieder-Aneinandergewöhnens wird begleitet von Vorbehalten und Abgrenzungen, abschätzige Witze und Häme eingeschlossen. Die Vereinigung hat den Deutschen keine neue Identität, sondern nur eine neue, auf das ganze Deutschland bezogene Identitätsdebatte gebracht.

Aber kann das verwundern? Die Deutschen tun sich ohnedies schwer mit ihrer Identität, in der Gegenwart wie in der Vergangenheit. Wir können nicht zurückgreifen auf ein gefestigtes Bewusstsein dessen, was wir sind, wie auf eine eiserne Reserve. Man kann es an den einschlägigen Debatten ablesen, an den Stürmen im Wasserglas, die eine politische Fangfrage auslöst wie die, ob man stolz darauf sein könne, ein Deutscher zu sein, oder an den Aufregungen, die die Kanzler-Rede von einem deutschen Weg urplötzlich lostritt. Oder an der Intensität, mit der sich viele – ein Jahrzehnt früher – an den Begriff des Verfassungspatriotismus klammerten als sei er ein Rettungsring: Was doch nur erkennen ließ, dass für sie Patriotismus nichts ist, was sich von selbst versteht. Es ist übrigens ein altes Lied: Die Weimarer Republik, aber auch die Debatten des 19. Jahrhunderts sind voll von Zweifeln an der Begabung der Deutschen, zu einem positiven Verhältnis zu sich selbst zu kommen. Irgendwie scheint die „verspätete Nation“ – anders als die westeuropäischen Nachbarn – noch immer auf dem Weg.

Nationale Feiertage sind schwierige Veranstaltungen. Dieser, der 3. Oktober, rückt die Wirklichkeit des deutschen Alltags in die Perspektive der Ereignisse, die vor dreizehn Jahren die Nachkriegsgeschichte wendeten, und macht bewusst, dass diese Vereinigung zwar noch immer besondere wirtschaftliche und finanzielle Anstrengungen braucht, dass sie aber nicht in ihnen aufgeht. Sie erinnert daran, dass die Einheit wirklich einmal Vereinigung war, zu dem beide Teile ihren Anteil beisteuerten – die Ostdeutschen die Zivilcourage, die Westdeutschen eine erprobte Demokratie und ihre wirtschaftliche Stärke. Er stellt die Einheit wenigstens für einen Tag wieder in das Zentrum der deutschen Politik. Wo sie ja auch hingehört – wenn denn die Bundesrepublik einlösen soll, was ihr ihre Geschichte als Aufgabe auferlegt hat.

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