Zeitung Heute : Eine neue Familie basteln

Das Interesse an alternativen Wohnformen für die zweite Lebenshälfte nimmt deutlich zu

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Von Insa Lüdtke

Die „68er“ kommen in die Jahre – und mit ihnen scheinen auch alternative Lebensformen in der Rentner-Riege Einzug zu halten. Jenseits des Lebens im Heim oder der Seniorenresidenz gibt es Wohnideen und Projekte, die nicht mehr nur den Jungen gefallen. Denn in Zeiten sich ändernder Familienstrukturen und einem oft weltweit verstreuten Freundeskreis müssen die Alten von morgen neue Lösungen finden, um das soziale Netz im Alltag zu ersetzen. Und so finden immer öfter wildfremde Menschen zusammen, um gemeinsam eine neue „Familie“ zu gründen.

Anstatt im Alter nur unter ihresgleichen zu leben, begeisterte sich Sabine Gärtner, 62, schon vor zehn Jahren für die Idee vom generationsübergreifenden Wohnen. Seitdem hat sie auch für sich die Vision vom Alter in einer „Wahlfamilie“. Zurzeit sucht sie nach Gleichgesinnten und will noch in diesem Jahr einen Verein gründen. Für die Umsetzung des Wohnprojekts bis zum Einzug hat sie fünf Jahre vorgesehen.

Gärtner hat bereits zwölf Interessenten gefunden und sie hat genaue Vorstellungen: Jeder soll sich mit seinen Fähigkeiten und Lebenserfahrungen aktiv einbringen. „Der eine beherrscht Buchhaltung, der andere übernimmt zeitweise die Großelternrolle für ein Nachbarskind“, umreißt sie ihre Vorstellungen. Im Pflegefall holt sich die Gemeinschaft allerdings Unterstützung von einem externen Pflegedienst ins Haus. „Es soll von Anfang an ein lebendiger Prozess sein,“ sagt Gärtner und meint damit auch den Projektaufbau. Das künftige Miteinander versteht sie als aktives Zusammenspiel. „Das kann auch Arbeit machen,“ sagt Gärtner.

Trotz des Toleranzgedankens und so mancher WG-Erfahrung bekommt deshalb jeder Bewohner eine separate und altengerechte Wohnung. Schließlich solle jeder auch seine Marotten ausleben dürfen. Ein Gemeinschaftsraum für Sport und Feste sowie eine Werkstatt und Gastwohnungen sollen für ein lebendiges Zusammenleben sorgen.

Ins Umfeld eingebunden

Darüber hinaus wünscht sie sich auch den Austausch nach außen in den Kiez mit einem Cafe. Ein Grundstück mitten in Kreuzberg hat sie schon in Aussicht. Hier gibt es eine gute Infrastruktur von Geschäften, Ärzten, Kultureinrichtungen und Parks. Da es zurzeit keine öffentlichen Fördermittel gibt, laufen erste Gespräche mit einem privaten Investor, so dass die künftigen Bewohner zur Miete wohnen können. Bedingung sei aber, dass der Verein trotzdem allein über neue Mieter entscheidet.

Manchmal werde ihr schon ganz bammelig, gesteht sie. Zur Unterstützung hat sie deshalb Kontakt zum Forum für gemeinschaftliches Altern e.V. aufgenommen. Richard Palm von der Regionalgruppe Berlin bietet schon im Projektaufbau Hilfestellung als Mentor an. So berät er in rechtlichen und finanziellen Fragen und gibt den Gruppen auch mentale Unterstützung. Palm fühlt sich allerdings von der Berliner Politik alleingelassen. „Durch Fördergelder für freie Projekte könnten öffentlich finanzierte Heimplätze eingespart werden“, sagt er. Die zeitgemäßeren und individuelleren Wohnangebote könnten die gesellschaftlichen Folgen der Isolation vermindern. Das Interesse an solchen Initiativen habe in den letzten Jahren stark zugenommen. Der Bundesverband hat einen Anstieg der 2000 Anfragen im Jahr 1999 auf 5400 in 2001 gezählt.

Wunsch und Wirklichkeit

In Berlin haben sich bisher vier Projekte mit unterschiedlichen Leitgedanken realisiert. Das Projekt „Offensives Altern e.V.“ etwa hat 1999 nach fast zehnjähriger Aufbauarbeit in Buckow sein Haus bezogen. Hier leben alte Frauen und alleinerziehende Mütter mit Kindern. Die 40 Bewohner hatten noch im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus und zusammen mit der Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG das Projekt realisiert. Wegen der langen Anlaufzeit sei allerdings der Geist der ersten Stunde schon verflogen, viele Gründerfrauen seien abgesprungen, berichtet Uscha Sadowski. Wunsch und Wirklichkeit des integrativen Zusammenlebens klaffen hier häufig auseinander. So prägen eher Generationskonflikte den Alltag. Die ursprünglich vorgesehenen Projekttage zur Lösung solcher Spannungen seien dagegen eingeschlafen. „Auch der Kontakt nach außen könnte besser sein,“ berichtet die 76-Jährige. Für das Cafe finden sich keine Betreuerinnen.

Noch optimistisch zeigt sich dagegen das Projekt Village-e.V.: Seit 2001 macht sich der Verein stark für das Leben von Schwulen und Lesben im Alter. Für sie zeigt sich das Problem der Isolation umso stärker. Gerade in Zeiten schwacher Baukonjunktur sieht Christian Hamm, 40, einer der Vorstandsmitglieder, gute Chancen für solche Konzepte. Ein Investor konnte sich schon begeistern. 2004 soll das Haus im Schwulenkiez in Schöneberg stehen. In 40 altersgerechten Einzelwohnungen sowie zwei Wohngruppen mit 16 Pflegeplätzen soll ein geschützter Raum für 56 Menschen über 60 Jahre entstehen. Zur Integration in den Kiez sollen ein Cafe und ein Gesundheitszentrum eröffnen. Bisher haben sich rund 15 Interessenten gemeldet. Jedoch ist der Bedarf in Berlin groß. Statistisch gibt es 40 000 Schwule und Lesben über 60 Jahre in der Stadt.

Auch die Wohnungsbauunternehmen und Wohnungsbaugenossenschaften haben die Bedürfnisse ihrer älteren Mieter erkannt. Mit speziellen Serviceangeboten wie der Unterstützung bei Behördengängen oder der Stärkung der Nachbarschaft sowie der altersgerechten Wohnungsanpassung gehen sie vermehrt auf ihre Klientel zu.

Als Architekt mit Erfahrung im Bauen für Behinderte und Alte in Berlin begrüßt Eckhard Feddersen zwar solche Projekte. Seine Vision ist allerdings die Integration der Bedürfnisse von Senioren in städtebauliche Planungen sowie die Stärkung nachbarschaftlicher Beziehungen. Somit würden nachträgliche Umbauten der Gebäude wie anfallende Umzüge in alternative Wohnprojekte vermieden. „Von einer barrierefreien Umwelt in baulicher wie in zwischenmenschlicher Hinsicht profitieren schließlich alle“, sagt Feddersen, „alt werden wir von allein.“

Weitere Informationen: Sabine Gärtner, Telefon: 747 19 25. Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter, Richard Palm, Telefon: 85 60 37 06. Village-e.V., Christian Hamm, Telefon: 39 40 88 52, www.village-ev.de . Koordinierungsstelle für ambulante Rehabilitation älterer Menschen Kreuzberg Friedrichshain, Telefon: 25 70 06 73.

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