Zeitung Heute : Eine neue Haut zum Überleben

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs

Wenn es nichts Neues gibt, sagt Sina Vogt am Dienstagmorgen zu den Journalisten, würden vorläufig keine weiteren Pressekonferenzen angesetzt. Sina Vogt ist Sprecherin des Unfallkrankenhauses Marzahn, und „nichts Neues“ bedeutet für die nächsten Tage, dass die drei Schwerstverletzten von Djerba noch am Leben sind. „Es gibt überhaupt keinen Anlass zu irgendeiner Entwarnung“, sagt Walter Schaffartzik, Ärztlicher Leiter der Klinik, in die Fernsehkameras, während vor der Fensterwand knatternd ein Rettungshubschrauber heranschwebt. Auf die Frage, ob er aus den Verletzungen der beiden Frauen und des Mannes auf die Art des Brandes schließen könne, erwidert er: „Über die Patienten muss ein nahezu unvorstellbarer Feuerball gegangen sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals derart schwere Verbrennungen in dieser Menge gesehen haben.“

Bernd Hartmann eilt gerade aus dem Operationssaal. Vier Stunden hat der Chefarzt des Brandverletztenzentrums dort einen der Patienten versorgt: verbranntes Gewebe abtragen, Kunsthaut auf die Wunde legen, die sich bei allen drei Opfern über mehr als 70 Prozent der Körperoberfläche erstreckt. „Etwa ein Drittel des verbrannten Gewebes konnten wir den Verletzten entfernen.“ Am Nachmittag steht die Operation eines weiteren Patienten an. Dauer der Eingriffe und Länge der Pausen hängen allein vom Zustand der Verletzten ab. „Nur wenn wir sehr viel Glück haben, können wir an zwei aufeinander folgenden Tagen operieren“, sagt Schaffartzik.

Chefarzt Hartmann und die 13 Ärzte um ihn herum haben bereits mit den Vorbereitungen für ein künftiges Leben der Patienten begonnen: Sie haben ihnen kleine Stücke gesunder Haut entnommen und in Labors nach Hannover und die Niederlande geschickt. In etwa drei Wochen werden sie große Stücke zurückbekommen. Aus einem einzigen Quadratzentimeter können die Labors heute bis zu 75 züchten. In Berlin wird diese Haut dann als „Maschentransplantat“ geschnitten und gedehnt. „Man kann sich das wie ein Apfelsinennetz vorstellen“, erklärt Hartmann. Zwischen den Maschen soll die Haut dann direkt auf dem Körper weiterwachsen. „Aber davon sind wir noch ganz weit entfernt.“ Bisher kann nur die obere Hautschicht gezüchtet werden. Wenn – wie in diesem Fall – das darunter liegende Gewebe zerstört worden ist, bleiben Narben und Beschwerden.

Zusammen mit dem Virchow-Klinikum entwickelt das Marzahner Krankenhaus deshalb eine Methode, alle drei Hautschichten zu züchten. Zwei Medizinisch-Technische Assistentinnen arbeiten in der „Hautbank“, gleich neben den Zimmern der Brandopfer. Seit eineinhalb Jahren sind sie damit beschäftigt – „und noch ganz am Anfang“, wie Medizinerin Christa Johnen sagt. Sie sitzt mit ihrer Kollegin in einem sterilen Raum voll grau-grüner Hängeschränke und rauschender Klimamaschinen und züchtet Zellschichten auf biologisch abbaubaren Membranen. Außer Plexiglasflaschen mit farbigen Enzymlösungen und einem Stück Haut in einer Metallschale ist wenig zu sehen. Eines Tages sollen die Züchtungen verbrannte Menschenhaut ersetzen: Die Membran wird aufgelegt und vom Körper allmählich zersetzt, die Haut bleibt. In zwei Jahren, schätzt Christa Johnen, könnte das Prinzip angewandt werden. Zu spät für die Opfer von Djerba.

Deren Angehörige waren am Wochenende in Marzahn. „Äußerst langwierig und sehr, sehr schwierig“ sei ihre psychologische Betreuung gewesen, sagt Walter Schaffartzik. „Aber sie haben uns in deutlich gebessertem Zustand verlassen.“ Er rechnet bald mit den nächsten Besuchen. Optimismus verbreitet er nicht. Denn noch geht es nicht aufwärts. Nur vorwärts: von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Operation zu Operation.

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