Zeitung Heute : Eine neue Technologie soll die dritte Dimension nun auch für das bandbreitenschwache Internet nutzbar machen

Helmut Merschmann

Vorbei die Zeiten, da Postboten schwere Versandhauskataloge in den vierten Stock stemmen. Vorbei auch das Gerangel an den Grabbeltischen. Die Zukunft des Einkaufs ist virtuell und doch den heutigen Gepflogenheiten nicht ganz unähnlich. Die Technologien, die dies ermöglichen, stehen bereits zur Verfügung.

Gerade E-Commerce-Anwendungen greifen gerne auf Dreidimensionales zurück, beispielsweise beim Online-Shopping. Auf diese Weise kann "der Kunde durch ein virtuelles Kaufhaus gehen, sich Kleidungsstücke aussuchen und genauer unter die Lupe nehmen", erklärt Thomas Bendig das Prinzip des "e:shop", einer von der Berliner Multimedia-Agentur "echtzeit" entwickelten Technologie. Zu den Tönen einschmeichelnder Fahrstuhl-Musik führen Models die Mode vor, schreiten auf dem Laufsteg auf und ab, drehen sich nach allen Seiten. Gefällt das Kleidungsstück, kommt es in den Warenkorb und gelangt binnen kurzer Zeit zum Empfänger nach Hause.

Für eine ganz ähnliche Anwendung - den VR-Shop (www.vr-shop.iao.fhg.de) - wurde die Münchner Firma blaxxun interactive vor kurzem mit dem "DigiGlobe 1999" ausgezeichnet. Auch beim Online-Buchversand tut sich Vorbildliches: Soeben hat BOL angekündigt, mit Blaxxun zu paktieren und künftig sein Angebot räumlich zu präsentieren. Blaxxun hat mit solchen 3D-Projekten eine Menge Erfahrung. Die Multi-User Community "Colony City" (www.cybertown.com), wo man Hunderten von Menschen beziehungsweise deren virtuellen Avataren begegnet, ist eine Entwicklung dieses Hauses.

Hinter allen Anwendungen steckt die Vorstellung, dass erst durch eine plastische und wirklichkeitsgetreue Gestaltung neue Kundschaft angelockt werden kann beziehungsweise aus einem einfachen Cyber-Meeting gleich eine ganze Volksversammlung wird.

Was die 3D-Technik und ihren Erfolg anbelangt, tritt man jedoch seit zwei Jahren auf der Stelle: Die Beschreibungssprache VRML (Virtual Reality Modeling Language) ist mit der 1997 verabschiedeten Version 2.0 im Grunde ausgereift. Die Crux beim Durchbruch im Online-Bereich liegt einmal mehr in der nicht ausreichend vorhandenen Übertragungsgeschwindigkeit und im Komfort. Denn beim Dateiformat VRML benötigt man ein über drei Megabyte großes Extra-Programm für den Browser.

Nun ist eine Alternative in Aussicht: "X3D" (extensible 3D). Vom "Web3D Consortium", dem offiziellen Standardisierungsgremium, favorisiert, beruht diese Technologie auf einem Kern, der nur wenige Kilobyte groß ist, aber dennoch die Grundfunktionen von VRML97 beherrscht. Dieser Kern ist beliebig erweiterbar durch sogenannte "profiles", bis hin zur vollen Funktionalität. Die Vorteile liegen auf der Hand: "Grundfunktionen bleiben bestehen, Erweiterungen für den Kern können selbst geschrieben werden", so Thomas Bendig. Ein weiterer Vorteil: Der User bemerkt gar nicht, wie im Hintergrund zusätzliche Profile geladen werden.

Bei blaxxun, einem der größten deutschen Entwickler von 3D-Anwendungen, wird diese Technologie bereits eingesetzt. "Der User braucht keine Installation mehr durchzuführen", erklärt Koordinator Peter Schickel, "erstmalig kann auch plattfomunabhängig für Macintosh-Computer entwickelt werden."

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