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Axel Gloger

Mal ist es der Firmenkauf, mal die Neuorganisation oder einfach die Rezession: . 22 000 Arbeitsplätze will die Deutsche Telekom abbauen, Bayer 1300 (davon 250 im Inland) und bei den Großbanken fallen die Jobs ebenso wie in der Automobilbranche in Tausenderpaketen weg. Arbeitsplätze, die noch vor kurzem eine sichere Karriere versprachen, sind wackelige Existenzen geworden: "Heute kann es jeden treffen", sagt Norbert Thom, Professor mit dem Fachgebiet Organisation und Personal an der Universität Bern.

Viele bewährte Kräfte werden sich nach einem neuen Job umsehen müssen. Hilfe vom Arbeitgeber ist dabei nicht zu erwarten, denn die abgefederte Trennung wird seltener: Um 66 Prozent ist die Zahl der Unternehmen gesunken, die ihren Ex-Mitarbeitern einen Outplacement-Berater finanzieren. Nur noch eins von zehn Unternehmen zahlt Outplacement, so eine Studie der Münchner Twist Consulting Group. "In den Personalabteilungen regiert der Rotstift", ist die Bilanz von Karin von Schumann und Claudia Harss, den Autorinnen der Studie.

Gleichwohl sind Betroffene nicht auf sich gestellt. Inzwischen hat sich eine Hilfe-Industrie für Gestrandete entwickelt: Karriereberater. Sie versprechen, den Weg zum neuen Arbeitgeber zu unterstützen und zu beschleunigen. "Wer heute seinen Job verliert, kann sich bei der beruflichen Neuorientierung professionell beraten lassen", sagt Monika Becht, Beraterin für Karrierefragen in Frankfurt. Dienste wie Bechts Beratungsfirma "Youcan" werden auf dem Arbeitsmarkt gebraucht. "Nach zehn, zwölf Jahren in derselben Firma", berichtet Becht, "muss ein Manager erst wieder lernen, seinen Lebenslauf zu schreiben". Die Rundumbetreuung beginnt schon mit der Hilfestellung beim Ausstieg. Nicht selten fängt es damit an, dass der Berater erst einmal die Stimmung wieder aufhellt: "Eine Kündigung, die überraschend kommt, zieht ein seelisches Tief nach sich", beschreibt Monika Becht, wie mancher Kunde das Gefühl hat, vor dem Nichts zu stehen. "Dieses Tief gilt es schnell zu überwinden", sagt Edith Schütte. Die Begründung der Autorin von "Karriereplanung mit Kreativität und System": "In schlechter Stimmung wählen Menschen ihre Minimalstrategie. Sie glauben, jetzt müssen sie nehmen, was kommt. Damit blockieren sie ihren erfolgreichen Neuanfang."

Doch schon wenige neue Gedanken wirken laut Schütte "richtig befreiend". Wer festen Anforderungsprofilen hinterherjage, komme schnell aus der Puste - völlig unnötigerweise. Innehalten und sich auf die Vielfalt der eigenen Potenziale und Talente zu besinnen, eröffne Chancen, "die oft weit über das vorher Erreichte hinausgehen". Aus der Katastophe der Entlassung könne ein erfolgreicher Neuanfang werden, "wenn man von seinem Potenzial her denkt, also zuerst sich selbst analysiert statt zu fragen, was andere wollen." Genau das sagen alle Karriereberater: Am Anfang der beruflichen Neuorientierung muss die selbstkritische Bestandsaufnahme stehen. Außerdem ist die Bestandsaufnahme wichtig für eine berufliche Neuorientierung. Die wichtigsten Fragen:

Was kann ich?

Wo sind meine besonderen Talente?

Welche Stärken sind besonders gefragt?

Wo war ich in der Vergangenheit bei Problemlösungen erfolgreich?

Alles, was zukünftigen Arbeitgebern nützen könnte, wird gemeinsam mit dem Karriereberater aufgearbeitet. Fähigkeiten zutage zu fördern, ist das Hauptanliegen der Berater. Viele Berufstätige wissen nach Jahren im selben Unternehmen nämlich nicht mehr, welches ihrer Talente am Arbeitsmarkt gerade gefragt ist. Die Erfahrung von Bernd Brogsitter, Karriereberater in Bad Bodendorf bei Bonn: "Aus selbst gebastelten und veralteten Unterlagen geht meist nichts hervor, was etwas über das besondere Können des Kandidaten aussagt."

Ein bis zwei Gespräche reichen den Beratern üblicherweise, um die Sache voran zu bringen. Das Ziel der Analyse: "Alle Stärken und Erfahrungen herausarbeiten und zu Papier bringen, Erreichtes und Erfolge dokumentieren", beschreibt Brogsitter seine Vorgehensweise. Elke Schumacher, Karriereberaterin für Frauen, Gütersloh, erklärt ihre Praxis so: "In einem Gespräch über vier bis fünf Stunden versuche ich herauszufinden: Was ist das Besondere an diesem Menschen?" Karriereberatung solle dem Klienten dazu verhelfen, die persönliche Marktlücke zu erschließen, sagt Brogsitter.

Mancher von Brogsitters Kandidaten hat nicht nur eine neue Stelle gefunden. Der Neuanfang unter den Fittichen des Beraters wird auch genutzt, um den nie verwirklichten Berufstraum endlich umzusetzen: "Berufliche Stärken sind die Basis für einen Wechsel", sagt Brogsitter, "aber noch wichtiger ist die individuelle Neigung". Manchmal ergeben die Gespräche oder das Coaching auch, dass der Neustart in einer ganz anderen Branche stattfindet - oder in die Selbstständigkeit geht. "Festanstellung nicht erzwingen", rät Brogsitter. Er verweist auf Kunden, die froh sind, als Freischaffende nicht mehr in den Zwängen einer Konzernhierarchie zu stehen. "Der Gang zum Berater ist eine Investition in die persönliche Zukunft", ist Jürgen Hesse überzeugt. Der Buchautor und Karriereberater beim Büro für Berufsstrategie in Berlin meint: "Wer nach einer Kündigung den Karriereberater von der Firma bezahlt bekommt, kann sich glücklich schätzen." Das aber sei die Ausnahme. Jürgen Hesse meint: "Heute wird erwartet, dass Arbeitnehmer mit eigenem Geld bezahlen - egal ob es sich um den Karriereberater, den Coach oder berufliche Weiterbildung handelt." Uta Glaubitz geht noch einen Schritt weiter: "Oft ist es auch viel besser, dass der Ratsuchende selbst zahlt", sagt die Berufsfindungsberaterin aus Berlin. Und sie nennt Gründe: Wer selbst zahlt, wird aktiv und überlässt sich nicht dem Gefühl der Ohnmacht. Oft werde ohnehin alles, was vom Ex-Arbeitgeber kommt, misstrauisch beäugt. Glaubitz begründet: "Wenn die Beratung vom Unternehmen bezahlt wird, empfinden die Klienten das als von außen aufgezwungen." Die Berufsfindungsberaterin hat die Erfahrung gemacht, dass Selbstzahler motivierter sind und viel bereiter, die Ergebnisse der Beratung auch in die Tat umzusetzen.

Überwiegend aus eigener Tasche bezahlen auch die Klientinnen von Karriereberaterin Schumacher. Sie verlangt für den Prozess der persönlichen Betreuung mit mehreren Gesprächen pauschal 500 bis 1300 Euro. Monika Becht berechnet für eine zweistündige Beratung ein Honorar von 250 Euro. Edmund Mastiaux, Karriere-Experte beim Zentrum für Management und Personalberatung (ZfM), rechnet ebenfalls nach Zeit ab. Eine Stunde Betreuung kostet beim ZfM 170 Euro. Edith Schütte ist etwas preiswerter. Sie berechnet pro Einzelstunde 120 Euro, für drei Stunden im Block 280 Euro. Kunden sollten auf den Umfang der Leistung achten, die der Karriereberater bietet. Beispielhaft ist die Praxis von Bernd Brogsitter. Er berechnet für die Beratung erst einmal sein Grundhonorar. Die Rechnung für das Erfolgshonorar schickt er erst, wenn der Vertrag abgeschlossen und sein Klient den neuen Job angetreten hat. Auch in der Probezeit sind die Stellen-Neulinge nicht allein: Sie können ihren Berater jederzeit anrufen, wenn sie Hilfe bei der Integration brauchen.

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