Zeitung Heute : Eine Partei in Splittern

„Ein ganz bitteres Ergebnis“, sagte Franz Müntefering, und um seinen Mund sind tiefe Falten. Denn um ihn herum ist ein großes Feiern: CDU, FDP, PDS, Grüne – sie alle sind Sieger, sei’s in Europa, sei’s in Thüringen

Robert Birnbaum

Kann man Debakel steigern? Debakel, debakler, am debakelsten? Grammatisch eindeutig unmöglich, mathematisch – oh doch, das geht durchaus. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat es vorgemacht an diesem Wahlsonntag. Und sie weiß es. „Das Ergebnis ist bitter“, sagt Klaus Uwe Benneter. Bitter kann man eigentlich auch nicht steigern. Außer man ist Franz Müntefering. Ein „ganz bitteres Ergebnis“. Der SPD-Vorsitzende guckt, als ob er dabei den Geschmack auf der Zunge spürt. Bitter. Die Falten um seinen Mund – liegt das nur an den Halogenlampen der Fernsehanstalten, die die Schatten so tief zeichnen? Sie haben ihm applaudiert, als er in den Großen Saal im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses gekommen ist, und Müntefering hat gelächelt wie einer, der sagen will: Ihr meint’s ja nett. Danke.

Aber auf den Fernsehschirmen im Saal taucht jetzt gerade eben Angela Merkels Gesicht auf, und das lächelt auch, und das hat wenigstens Grund dafür. Am Ende sogar für das Strahlen und dieses Siegerwinken, das die Fernsehschirme jetzt gleich zeigen werden. Wenn sie das, was der CDU-Chefin vielleicht auch nicht ganz gefallen kann an diesem Wahlabend – wenn sie das als einzige Sorge hätten im 141. Jahr der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, würden sie hier feiern bis zum Umfallen. Dabei feiern sie sogar, trotzig. Drei Wörter hat Münteferings erster Satz gehabt, und er hat sich an die Getreuen im Saal gerichtet, die dem Mann frenetisch applaudiert haben, der den Parteivorsitz übernommen hatte, damit Gerhard Schröder sich aufs Regieren konzentrieren kann. Und an die Getreuen, die es da draußen im Land ja auch noch gibt, irgendwo: „Ich bedanke mich.“

Und aber eben ein Debakel, was sogar immer noch wahr bleibt, wenn Edmund Stoiber es auch sagt. Ein historischer Tiefstand. Das schlechteste Wahlergebnis, das die SPD jemals bei bundesweiten Wahlen erzielt hat, unter 22 Prozent. Um die neun Prozent verloren gegenüber 1999, und das war damals schon ein historischer Tiefstand. Und Thüringen – 14,15 Prozent. Sie waren nie stark im schwarzen Südosten, aber langsam werden sie eine Splitterpartei, von der PDS fast doppelt überrundet.

Übrigens kann man an diesem Abend jede Menge sehr vernünftige Erklärungen dafür hören, warum es so kommen musste und warum es aber besser werden wird. Von Kajo Wasserhövel zum Beispiel, seit Jahren treuer Helfer Münteferings, jetzt als SPD-Bundesgeschäftsführer. Wie stabil seine Partei sei, dass er keine Versuche mehr erlebt habe, die Reformentscheidungen in Zweifel zu ziehen, dass die eigenen Leute zu Hause blieben, aber nicht zur CDU überliefen, und dass man sie deshalb zurück gewinnen könne. Wasserhövel redet und redet. Er lehnt sich dabei aber mit dem Rücken an die Wand. Als später die neueste Hochrechnung über Fernsehschirme geht – Thüringen, SPD 14,2 – schüttelt Wasserhövel den Kopf: „Mann, Mann, Mann!“

Bei der CDU haben sie sich anfangs das Jubeln nicht recht getraut, was auch an dem nervösen Fernsehsprecher liegt, der für die SPD in der Euro-Prognose „43 Prozent“ vorliest, obwohl auf dem Bildschirm deutlich sichtbar eine 23 steht. Laurenz Meyer ist aber auch irgendwie ein bisschen fahrig. Und dass er dreimal sagt, dass er sich freut, erstens sich als Meyer und Generalsekretär, zweitens sich als CDU und drittens er sich mit den Europakandidaten – so oft wäre das nun auch nicht nötig gewesen. Als Meyer später durch die Hintertür zurück in sein Büro eilt, wirft er aus dem Augenwinkel einen Blick auf den Bildschirm mit den letzten Hochrechnungen. Immer noch fünf Prozent für die Grünen in Thüringen. Meyer wirkt unfroh. Es soll noch ein bisschen dauern an diesem Abend, bis klar ist: Doch, es hat doch geklappt. Dieter Althaus, der Ministerpräsident von Thüringen, hat die absolute 51-Prozent-Mehrheit nicht verteidigen können. Aber die Grünen haben es nicht geschafft. Und jetzt reichen Althaus auch die gut 45 Prozent, um alleine weiter zu regieren.

Das ist der Moment, in dem sich endlich auch Angela Merkel aufmacht, um im Rücken des Franz Müntefering auf den Bildschirmen zu erscheinen. Die CDU hat ein bisschen verloren, in Thüringen, auch bei der Europawahl. „Eigentlich ein bisschen wenig bei der miesen Stimmung für die SPD“, sagt ein Gast der Wahlparty im Konrad-Adenauer-Haus. Aber das ist Unzufriedenheit auf sehr hohem Niveau. Der Mann, den sie in diesem Wahlkampf zum ersten Mal reaktiviert haben, hätte sich das nie geleistet. Denn wichtig, hat Helmut Kohl immer gesagt, wichtig ist, was hinten raus kommt. Und das ist ein Sieg auf ganzer Linie.

Noch ein glücklicher Mensch gefällig an diesem Abend? Voilà, ins Thomas-Dehler-Haus. Guido Westerwelle lässt sich nicht lange bitten. Guido Westerwelle findet heute alles wunderbar. Silvana Koch-Mehrin ganz besonders, „unsere kluge Spitzenkandidatin“. Vom Erfolg der großen Blonden aus Brüssel dürfen alle liberalen Promis ein bisschen zehren, im Gruppenbild: Wolfgang Gerhardt, Hermann Otto Solms, Conni Pieper und natürlich der Chef. Zehn Jahre waren die Liberalen nicht im Europaparlament, jetzt sind sie drin. „Das ist ein Ergebnis aus eigener Kraft, wo niemand nörgeln kann“, ruft Westerwelle. Das mit dem Nörgeln gilt den eigenen Leuten, die vor einer Woche beim Parteitag noch genörgelt haben, wo sie konnten, sobald keine Kamera und kein Mikrofon in der Nähe war. „Die Freidemokratische Partei steht wieder stark da“, sagt Westerwelle. Selbst das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde in Thüringen kann der FDP die Stimmung nicht verderben: Zugelegt haben sie dort allemal. Wer die Zu- und Abnahmen betrachtet, kann sogar auf die Idee kommen, dass die FDP so ungefähr die Prozente bekommen hat, die die CDU verlor. Und das wäre im Sinne des neuen Bürgerbündnisses, an dem Westerwelle und Merkel seit der Bundespräsidentenwahl ganz offen schmieden, ja sogar ein höchst erfreuliches Ergebnis. Die FDP ist nämlich aus Sicht der C-Parteien die größte Unbekannte für die Wahl 2006. „Da gucken wir uns morgen mal die Wählerwanderungen an“, sagt später im Adenauer-Haus ein Parteistratege.

Werden sie bei den Grünen auch tun. Eigentlich müssten denen diese Wahlabende nämlich allmählich unheimlich werden, weil Parteichef Reinhard Bütikofer ja Recht hat: „Wir sind eindeutig die Gewinner dieser Europawahl.“ Und weil seine Noch-Covorsitzende Angelika Beer auch Recht hat: „Eins ist klar, wir Grünen sind weder in Europa noch in Thüringen für unsere Bundespolitik nicht abgestraft worden.“ Das ist nun schon seit geraumer Zeit so, dass die Grünen zulegen, während ihr Partner an Auszehrung leidet. Das ist, neben einer gewissen mathematischen Wahrscheinlichkeit, ja auch die tiefere Basis gewesen für dieses ganze schwarz-grüne Gemunkel vor diesem Wahlsonntag: Dass sich die Grünen vielleicht nach einem anderen Partner werden umsehen müssen, nicht sofort, aber auf Dauer. Daraus wird jetzt in Erfurt schon mangels Masse nichts – zugelegt haben die Grünen in Thüringen kräftig, aber gerade nicht genug. Ende der Debatte? Ach was. Es liegt ein leises Bedauern in der Luft in der Grünen-Bundeszentrale. Wäre schon interessant gewesen. Nirgendwo anders, sagt ein Fraktionsmitglied, seien die Grünen dieser ganz neuen Option in letzter Zeit näher gewesen.

Und die Optionen der anderen? Kein Kurswechsel. Sagen die Oberen. „Die SPD ist eine starke Partei, wir stehen auch in der Niederlage zusammen“, sagt Benneter. Andrea Nahles hat scheints nicht zugehört. „Die Zeit der Solotänzer ist vorbei“, schimpft die Parteilinke. Sie meint die anderen, Wolfgang Clement und Peer Steinbrück. Keine Kabinettsumbildung, hat Müntefering versichert. Keine Personaldebatten. Auch das hat Nahles nicht mitbekommen: Neue Köpfe, „das wird sicherlich Thema sein“. Man kann Debakel vielleicht doch steigern.

Mitarbeit: Cordula Eubel, Hans Monath und Antje Sirleschtov

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