Zeitung Heute : Eine Prinzessin zurechtschminken

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Markus Huber

Mein Mädchen, man stelle sich meine Aufregung vor, bekommt allmählich das, was man in weiterer Folge ein Transgender-Problem nennen wird. Schon klar: Sie sieht aus wie ein Mädchen. Ihre Stimme klingt wie eine richtige Mädchenstimme. Dass da nichts zum Festhalten ist, wenn sie Lulu muss, weiß sie auch. Und trotzdem sagt sie seit Wochen, sie wäre gern ein Bub.

Sie will keine Röcke mehr tragen. Kleider sind sowieso passé, Haarspangen mag sie auch nicht. Stattdessen kommt sie zu mir und guckt mir über die Schulter, wenn ich Autozeitschriften lese. Immer wieder ertappe ich sie dabei, wie sie sich im Badezimmer mit meinem After-Shave vergnügt. Hin und wieder taucht sie mittlerweile mit einer Lederwuchtel im Wohnzimmer auf und sagt, sie möchte Fußball spielen. Und im Kita-Fasching möchte sie sich als Cowboy verkleiden.

Das alles mag noch nicht wirklich ein Problem sein: „Higher“ von Dior riecht so süßlich, dass man es ohne schlechtes Gewissen an Frauen verabreichen kann. Der Cowboy-Look ist laut „Woman“ groß im Kommen. Und Frauen, die Fußballspielen sind, seit der Damen-WM, wenn schon nicht schön anzusehen, zumindest gesellschaftlich akzeptiert. Aber als mein Mädchen vor ein paar Tagen im Restaurant zielsicher die Herren-Toilette ansteuerte, begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen. Nicht, dass ich kein Liberaler wäre – aber sie ist noch nicht einmal drei.

Und jetzt stellt sich die Frage: Warum wäre mein Mädchen gern ein Bub? Schuld daran ist ihr Umfeld, das zunehmend männlicher wird. Wo auch immer meine Kleinfamilie in diesen Tagen hinkommt, um zur Geburt eines Familienerben zu gratulieren, können wir blaue Strampelhosen mitnehmen. Es ist ganz offensichtlich, dass sich die Hersteller von Baby-Wäsche allmählich vom strikten Zwei-Farben-Sortiment verabschieden können. Und auch für die „Pampers“-Linie „Girl“ scheinen die Tage gezählt.

Einen Buben-Überschuss gibt’s im Übrigen nicht nur bei den Neugeborenen: Auch in der Kita meines Mädchens kommen auf eine Nina fünf Conans. Wäre ich Familienministerin, würde ich fragen: wie soll das in 20 Jahren weitergehen? Gibt´s dann nur noch eingetragene Lebensgemeinschaften? Das würde dann aber in weiterer Folge die Sozialministerin nicht freuen, die sowieso schon keine Ahnung hat, wer die Rente in 30 Jahren bezahlen soll.

Schwierige Frage, das. Und vor allem, warum ist das so? Ist der deutsche Mann so egozentrisch, dass er nur sein eigenes Geschlecht fortpflanzen kann? Oder stimmt am Ende doch die These, die die Ur-Oma meines Mädchens aufgestellt hat, wonach sich beim ergebnisorientieren Beischlaf der inaktivere Partner hinterlistigerweise seine Chromosomen durchsetzt? Na ja, lassen wir das.

Ich werde jetzt jedenfalls gegensteuern. Mein Mädchen wird das volle Programm durchlaufen müssen. Sie darf sich ab sofort mit den Kettchen und Ohrringen ihrer Mama vergnügen. Nächste Woche bekommt sie eine Puppenküche. Und im Fasching geht sie als Prinzessin. Ob sie will oder nicht.

Der große Karnevalsumzug startet am Sonntag um 13 Uhr 11 am Brandenburger Tor .

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