Zeitung Heute : Eine Rabenmutter sein

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Irgendwie hatte ich mir den Übergang vom einen Aggregatzustand in den anderen spektakulärer vorgestellt: Drama zu Hause, Drama in der Kita, Drama im Job. Zoom auf einen meuternden Mann, die greinenden Kinder und eine sich die Haare raufende Mutter. Doch nichts dergleichen ist bislang eingetreten. Der Wechsel vom Dasein einer Erziehungsurlauberin zur berufstätigen Mutter verlief ohne größere Erregungen. Auch die Aufnahme in den Club der Rabenmütter vollzog sich ohne Pomp.

Nicht dass mir etwas fehlen würde. Aber irgendwie hat mir der Vater die Schau gestohlen, indem er zu den sechs Prozent Ausnahmevätern zählt, die Kinder, Küche, Karriere teilen und sogar Spaß daran haben. Auch Jan und Josefine machen begeistert mit. Wenn ich mich morgens von ihnen trenne, gibt es einen herzhaften Schmatzer von rechts und links, das Winkritual und ein lässig hinterher gerufenes „Viel Spaß!“. Da hat mein schlechtes Gewissen, das wie in der Waschmittelwerbung aus den Achtzigerjahren bei diesen Abschiedszeremonien als zweites Ich neben mir steht und „Rabenmutter“ raunt, keine Chance. „Wenn noch nicht einmal die Kinder eine Szene machen“, flüstere ich dann immer zurück.

Auch nach acht Wochen stelle ich verwundert fest, dass Beruf und Familie sich durchaus vereinbaren lassen, wo doch ganze Ratgeber-Bibliotheken vom Gegenteil berichten. Als noch größeres Rätsel erweist sich dagegen die Sache mit der Zeit: Wie ist es möglich, in der gleichen Stundenzahl nicht nur das Doppel Kinder, sondern auch noch das Trippel Beruf zu schaffen? Ich erkläre mir das mit Einsteins Relativitätstheorie; schließlich sind wir als Familienmasse mächtig in Bewegung gekommen. Natürlich klappt dieses tägliche physikalische Wunder nur, wenn alles wie am Schnürchen läuft und die etwa achtzig erwarteten Virusinfektionen im ersten Kitajahr – bei uns also einhundertsechzig – zwecks Stärkung des kindlichen Immunsystems um Jan und Josefine einen Bogen machen. Bislang hatten wir wirklich Glück; nur letzte Woche, da hat es Jan erwischt. Nicht wirklich schlimm, aber seinen mittäglichen Löffel Medizin musste er trotzdem bekommen. Da Erzieher keine Medikamente verabreichen dürfen, sind wir Eltern abwechselnd eingeflogen. Die Kartoffelbrei-Spuren an meinem guten Mantel zeugen noch immer von der herzlichen Begegnung zwischen Business-Welt und Kita-Leben.

Kinder haben da sowieso ihre ganz eigene Sicht der Dinge. „Arbeiten“ – das ist, wenn einer sein Zuhause verlässt. Demnach gehen auch ihre Erzieher erst zur Arbeit, wenn sie die Kita verlassen. Entsprechend groß ist jedes Mal die Empörung, wenn sie erfahren, dass gerade das Spielen mit ihnen als Arbeit gilt. Das kann doch eigentlich nur die reine Freude sein! Mir hat dagegen dieses Kita-Weltbild die Augen dafür geöffnet, warum der Wechsel vom Dasein einer Erziehungsurlauberin zur berufstätigen Mutter keine größere Hürde war: Der Spaß hat sich nur vergrößert.

Wenn Jan, Josefine und ich von unseren verschiedenen Vergnügungen wieder zusammenkommen, belohnen wir uns gerne mit einem Latte macchiato und zwei Espressotassen geschäumter Milch bei „Vendemmia“ in der Akazienstraße 20.

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