Zeitung Heute : Eine Revolution als Maßstab Zufrieden ist die Linke – und etwas enttäuscht

Matthias Meisner

Ganz so auf die Schnelle waren die Dinge nun doch nicht zu bejubeln. 18 Uhr, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine standen noch nicht auf der Festzeltbühne, Schloßplatz, die beiden waren noch im Karl-Liebknecht-Haus am Rosa-Luxemburg-Platz. Sie sahen fern, schauten sich die erste Prognose an. Doch auch, nachdem sie gemeinsam zum Ort der Wahlparty chauffiert worden sind, bleiben sie noch viele lange Minuten, bis 18 Uhr 43, abgeschottet hinter der Bühne, trinken Weißwein, schauen Hochrechnungen, schauen Franz Müntefering, schauen Angela Merkel, und diskutieren. Draußen ermahnt der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky das bei Bier wartende Wahlvolk, „keine politischen Milchmädchenrechnungen“ aufzumachen. Soll heißen: Entscheidend sei, dass eine Fraktion in den Bundestag kommt, dass immerhin 8,6 oder 8,7 Prozent der Wähler überzeugt worden sind, mag auch das Wahlziel „drittstärkste Kraft“ verpasst worden sein.

Aber natürlich ist es doch wichtig, weshalb Gysi und Lafontaine, als sie dann endlich auf der Bühne um die Wette strahlen, das Thema zu überspielen versuchen. Wenn es eine große Koalition gibt, und das vermuten beide, kommt es natürlich darauf an, in der Opposition nicht nur eine Nebenrolle zu spielen. Deshalb gerät Gysi gleich zu Beginn ins Schwärmen über die eigene Bedeutung: „Ich glaube, Deutschland verändert sich ab heute, und zwar durch uns.“ Und Lafontaine betont, als ob einer das bezweifelt hätte: „Wir werden eine wichtige Rolle spielen im neuen Bundestag.“ Dann wieder Gysi: „Wir werden ernst genommen.“ Erstmals seit den 50er Jahren werde eine Kraft links der SPD ernst genommen. Die beiden reichen sich das Mikrofon hin und her, keiner soll am guten Zusammenspiel der künftigen Fraktionschefs zweifeln. Nun wieder Lafontaine: „Es geht vom heutigen Tag ein Signal aus. Die Linke hat in Deutschland wieder eine Chance.“

Das mit der Chance stimmt schon, denn wieder da ist die umbenannte PDS, die jahrelang ums Überleben kämpfte, nun schon. Vorerst. Doch der Maßstab waren eben nicht nur die vier Prozent von 2002. Maßstab war auch eine Art Revolution, waren die zweistelligen Voraussagen in den Umfragen, nachdem Oskar Lafontaine seine Kandidatur angekündigt hatte. Es kann rasch aufwärts gehen, aber auch rasch wieder abwärts.

Wahlkampfchef Bodo Ramelow muss daran erinnern, dass seine Partei „bis vor kurzem bei fünf Prozent rumkrepelte“. Dafür erheben nun viele Ansprüche auf den Erfolg, auf Posten und Macht, etwa die Aktivisten der Wahlalternative mit dem sperrigen Namen Arbeit und soziale Gerechtigkeit. „Die Hälfte“ der Stimmen für die Linkspartei gehe auf die WASG zurück, sagt deren Vorstand Axel Troost selbstbewusst. Und der PDS-Ehrenvorsitzende Hans Modrow gibt zu: „Die Linke ist noch lange nicht formiert.“ Ohne stabile Linkspartei werde die Fraktion „nur ein Spiel für vier Jahre“ sein.

Was Lafontaine langfristig vorhat, ist nun schon die nächste Frage. Die Basis fürchtet, über kurz oder lang könne er die PDS an die Sozialdemokraten „verkaufen“ und eine vereinte Linke schmieden. Als Lafontaine am Abend nach Rot-Rot-Grün gefragt wird, schließt er eine Koalition stets nur für 2005 aus. Schon im nächsten Satz spricht er über das Ende der Ära Schröder und über den kommenden „Klärungsprozess“ in der SPD: „Man muss abwarten, wo dieser Klärungsprozess hinführt.“ Modrow hofft schon vorsorglich: „Die SPD nimmt einen Lafontaine nicht zurück.“

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