Zeitung Heute : Eine Rüge für Israel

Der Tagesspiegel

Von Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Das ist Völkermord“, zitierte am Dienstag die Tageszeitung Türkiye (Auflage etwa 60 000) den türkischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit. Er hatte sich zuvor öffentlich über Israel, den engen Verbündeten der Türkei im Nahen Osten, empört. Am Donnerstag zitierte die Hürriyet (Auflage nach eigenen Angaben etwa 100 000) Palästinenserchef Jassir Arafat: „Wir haben uns noch vor Abrahams Zeit hier niedergelassen.“ Sehr informativ war der Text jedoch nicht. Seit wann in der Region Juden leben und unter welchen Umständen der Staat Israel gegründet wurde, erklärte die Hürriyet darin nicht.

Die israelische Offensive gegen die Palästinenser erregt die Gemüter der Kommentatoren der drei größten türkischen Zeitungen in Deutschland derzeit am meisten. In der vergangenen Woche gab es täglich mehrere Kommentare aus den Hauptredaktionen in Istanbul. Selbst in der Liberalsten dieser Zeitungen waren die Schreiber so polemisch, wie zu Zeiten der Verhaftung von PKK-Führer Abdullah Öcalan. In der Milliyet (Auflage etwa 30 000) hieß es zum Beispiel in einem Kommentar: „Es ist ganz offensichtlich, dass du (Scharon) zum Schluss auf der Welt nur mit Bin Laden übrig bleiben und du dich dann köstlich amüsieren wirst.“ Der Titel des Kommentars lautete: „Heil Scharon.“

Doch am meisten regte sich am Freitag ein Schreiber in der Tageszeitung Türkiye (Auflage etwa 60 000) in seiner „Jugend-Kolumne“ auf. „Die Situation der Palästinenser erinnert an die Situation der Sklaven, die im Römischen Reich vor die Füße der erbarmungslosen Gladiatoren geworfen wurden.“ Im zweiten Absatz blickte er auf die Vergangenheit der Türken zurück, auf die diese Zeitung immer sehr stolz ist: „Die osmanischen Schiffe haben 1492 die verfolgten Juden an der spanischen Küste aufgesammelt, diese wurden in die verschiedenen Regionen des osmanischen Reiches angesiedelt (deren Nachfahren leben heute noch in der Türkei, Anm. d. Autorin). Mit einer Ausnahme: In Palästina. Die Juden haben versucht, mit den Osmanen zu verhandeln, aber diese erlaubten ihnen das nicht.“

Der weitere Verlauf der Geschichte wurde in der Tageszeitung Türkiye folgendermaßen beschrieben: „Nach dem Ersten Weltkrieg haben die Osmanen Palästina verloren. Die Juden haben angefangen, von der englischen Verwaltung Boden aufzukaufen und dort Landwirtschaft zu betreiben. In den dreißiger Jahren wurde schließlich der Nährboden für die Jahrhundert-Ideologie (der Juden) bereitet.“ Dann hieß es etwas kryptisch: „Nun verstehen wir den Zweiten Weltkrieg besser: Dieser Weltkrieg war der Wehenschmerz Europas, das mit Israel schwanger war. Schließlich wurde 1948 Israel gegründet.“ Soll das etwa heißen, dass die Juden den Zweiten Weltkrieg mit dem Ziel, einen eigenen Staat zu gründen, forciert haben?

Mit geradezu martialischen Sätzen endete der Text. Der Schreiber forderte die Regierung pathetisch auf, den Kontakt zu Israel abzubrechen: „Die letzten Angriffe zwingen die Türkei, Israel eine Rüge zu erteilen (. . .) Also los, Türkei!(. . .) Du hast bis heute Geschichte geschrieben. Steh auf und schreib die Geschichte auch zu Ende! (. . .) Erhebe in Deinem Luftraum Dein Haupt, wie die Adler des anatolischen Seldschukenreiches!“

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