Zeitung Heute : Eine Sache des Herzens

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Dies ist eine Geschichte wie aus dem Märchenbuch. Eine junge Vietnamesin namens Anh Dao träumt im Flüchtlingslager von einem besseren Leben in Frankreich. Dies ist aber auch eine Geschichte aus dem Leben eines von der Macht besessenen Politikers, der auf einmal als ein Mann spontaner Menschlichkeit erscheint. Wie beide zueinander kommen, das steht in einem Buch, das in Frankreich gerade erschienen ist. Und gekauft wird wie verrückt. Denn erst im vergangenen Jahr erfuhren die Franzosen, dass es Anh Dao überhaupt gibt.

Alles beginnt am 19. Juli 1979. An diesem Tag treffen am Pariser Flughafen Flüchtlinge aus Vietnam ein. In einer Ecke der Empfangshalle steht ein junges Mädchen und weint. Da tritt ein Mann in einem dunklen Anzug auf sie zu und tröstet sie: Anh Dao ist ihrem „Retter“ begegnet und Jacques Chirac, seinerzeit Bürgermeister von Paris, seiner „Herzenstochter“. „Fille de coeur“, wie Chirac Anh Dao später nennen wird, so lautet auch der Titel des Buchs, in dem die heute 48-Jährige ihr Verhältnis zu den Chiracs beschreibt.

Anh Dao ist das fünfte von neun Kindern eines vietnamesischen Lehrers, den die Kommunisten zu zehn Jahren Umerziehung verurteilt hatten. Adoptiert haben die Chiracs das Mädchen nicht. Aber neben Laurence und Claude, den leiblichen Töchtern, konnte sich Anh Dao – heute zum zweiten Mal verheiratet und Mutter dreier Kinder – stets als „dritte Tochter“ der Chiracs fühlen. Sie erweist sich als pflegeleicht. „Dank und Gehorsam“ habe sie Madame und Monsieur geschuldet. Am schönsten war es immer abends, im Sessel neben Jacques Chirac, wenn der sich im Fernsehen wieder mal einen Western mit John Wayne ansah.

Über Politik äußert sich Anh Dao hingegen nicht, und Kritik käme ihr nie in den Sinn. „Ich weiß, dass mein Vater seine Fehler hat, aber ich will sie nicht kennen“, sagt sie. Sie zeichnet lieber das Bild eines herzensguten Familienvaters – im Kontrast zu seinem Image als rücksichtsloser Draufgänger. Dass die Familie zu kurz kam, klingt indes sogar bei Anh Dao an, wenn sie über die schwer kranke, magersüchtige Laurence schreibt: „Die Art, wie sie ihren Vater auf der Suche nach Aufmerksamkeit anschaute, zerriss mir manchmal das Herz. Dieser Mann ist zu beschäftigt.“

Aufhebens von ihrer guten Tat haben die Chiracs indes bisher nie gemacht. Die Frage jedoch, warum Anh Dao jetzt die Öffentlichkeit sucht, hat viele Spekulationen ausgelöst. Das sei keineswegs vom Elysee-Palast gesteuert, wehrt sie sich. Sie habe einfach lange gebraucht, um ihr Leid zu überwinden. Ein Jahr vor dem Ende der Amtszeit Chiracs, wenn sich die Frage stellt, was außer einer vermasselten Parlamentsauflösung, einem verlorenen Europa-Referendum und diversen Affären von diesem Präsidenten in Erinnerung bleibt, kommt die Herzenstochter nicht zu spät.

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