Zeitung Heute : Eine schlagende Verbindung

In Kreuzberg widerlegt der Verein Box-Girls, dass Kampfsport nur zu harten Kerlen passt

Shirley-Uloma Kastell
Kontaktaufnahme. Bei den Box-Girls sollen Aggressionen positiv abgebaut werden. Foto: promo
Kontaktaufnahme. Bei den Box-Girls sollen Aggressionen positiv abgebaut werden. Foto: promo

Eine ältere Turnhalle in der Bergmannstraße in Kreuzberg – hier sollen sie zu finden sein, die Box-Girls Berlin. Und tatsächlich: Beim Betreten des Hofes des „Konservatoriums für türkische Musik“ schallen einem auf der Suche nach dem Eingang die Anfeuerungsrufe einer weiblichen Stimme entgegen und weisen den Weg zur Turnhalle auf dem Gelände. Beim recht traurigen Anblick der Turnhallenfassade erwartet man jedoch nicht das beeindruckende Bild, das sich einem im Inneren bietet: Mädchen, die zwischen Sandsäcken ungehemmt die Fäuste fliegen lassen, aber alles in einer lockeren, freundlichen Atmosphäre.

„Boxen ist doch nicht nur ein Sport für Männer“, sagt Heather Cameron, Juniorprofessorin für Integrationspädagogik an der Freien Universität Berlin. Mit diesem Gedanken rief die 41-Jährige vor zehn Jahren die Box-Girls ins Leben. In Berlin begann die Erfolgsgeschichte des größten europäischen Boxklubs für Mädchen und Frauen und setzt sich hier und inzwischen auch in Nairobi und Kapstadt fort.

Dabei wurde Cameron, die selbst erfahrene Boxerin ist und 1998 die Berliner Meisterschaft gewann, anfangs belächelt, als sie den Leuten von ihrer Idee erzählte, einen Box-Verein nur für Frauen und Mädchen zu eröffnen. Doch diese Zweifel sind Vergangenheit, denn die Erfolge der Box-Girls sprechen für sich: etwa 120 aktive Mitglieder, wachsende mediale Aufmerksamkeit, viele Auszeichnungen wie zum Beispiel den Sonderpreis der Bundeskanzlerin, und prominente Befürworter, wie Angela Merkel, Arthur Abraham und die Autorin Auma Obama, Halbschwester von Barack Obama.

Das wesentliche Ziel der Box-Girls wird einem schnell klar: Mit gängigen Vorurteilen soll aufgeräumt werden und zwar mithilfe des Boxens. So versammeln sich bei den Trainingseinheiten regelmäßig Mädchen und Frauen, die schon allein äußerlich verschiedener nicht sein könnten, und werden dann sowohl von Trainern als auch von Trainerinnen angeleitet. Eine von ihnen ist Sarah Bitterling. Die Berlinerin begann 2002 selbst bei Cameron mit dem Boxen, nachdem sie sich vorher bereits in vielen verschiedenen Sportarten wie Judo, Tennis, Feldhockey und Partnerakrobatik ausprobiert hatte. Zwei Jahre später machte sie schließlich ihren Trainerschein und engagiert sich, wie viele andere ehrenamtliche Helfer, seitdem intensiv bei den Box-Girls. Fehlende Härte bei einer Trainerin? Fehlanzeige. Denn im Verlaufe des Trainings, kommt man, wie es bei diesem Sport üblich ist, an seine körperlichen Grenzen.

Aber eben dieser Kampf gegen den inneren Schweinehund, gepaart mit dem lockeren und offenen Umgang der Mädchen und Frauen untereinander, schafft die große Begeisterung. „Hier kann ich meine Aggressionen positiv abbauen“, sagt eine der jungen Boxerinnen, „denn die haben wir ja schließlich alle einmal.“ Anders als in anderen Vereinen stehen dabei jedoch nicht so sehr die Leistungen im Vordergrund. Zwar würden einige Mädchen auch an Wettkämpfen wie den Berliner Meisterschaften teilnehmen, aber das sei nicht das Hauptziel.

„Starke Mädchen für eine starke Gesellschaft“, so steht es im Profil des Vereins – und damit ist nicht nur die körperliche Stärke gemeint. In erster Linie sollen die Sportlerinnen unterstützt werden, ihre Persönlichkeit zu entfalten, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und sich ihren Ängsten und Problemen zu stellen. Das ist die zweite Säule, auf der das Erfolgsrezept des Vereins basiert: soziales Engagement.

So ist eine Mitgliedschaft beispielsweise für jeden Interessierten erschwinglich, denn die Beiträge richten sich nach den finanziellen Möglichkeiten einer jeden Teilnehmerin. Und es werden auch nicht nur Frauen und Mädchen unterstützt. Seit einiger Zeit bietet der Verein separate Trainings für Homosexuelle und Transgender an, das sogenannte „Queer-Boxen“. Zudem hat die gebürtige Kanadierin Cameron mit ihren boxenden Girls in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte auf die Beine gestellt, fast alle wurden ausgezeichnet. Titel wie „Bestes Projekt für Frauen“ „Modellprojekt im UN-Jahr des Sports und der Leibeserziehung“ und ein zweiter Platz beim Innovationspreis des Berliner Sports im vergangenen Jahr zählen zu den Erfolgen.

Bei seiner Arbeit konzentriert sich der Verein vor allem auf Neukölln und Kreuzberg. Eines der Projekte, das bereits seit zweieinhalb Jahren läuft und dieses Jahr den vierten Platz beim Integrationspreis des Berliner Sports belegte, nennt sich „Sicher im Kiez“. Den Mädchen wird mit ihren Klassen eine Projektwoche geboten, in der sie die Probleme in ihrem Bezirk erarbeiten und gemeinsam versuchen, Lösungen für diese zu finden. Dazu gehört: sich in die Rolle des Bürgermeisters zu versetzen, selbst kleine Filme zu drehen und nebenbei die Grundlagen des Boxens zu erlernen. Aber „Sicher im Kiez“ ist nach der Projektwoche noch längst nicht beendet: Gemeinsam mit den Kooperationszentren (etwa dem Familienzentrum Manna in Neukölln), werden regelmäßige Treffen für die Kinder organisiert, in denen sie weiter an sich arbeiten können. Das große Ziel sei, ein Netz zwischen allen teilnehmenden Schulen aufzubauen.

Doch Cameron will die Box-Girls noch internationaler machen. Mit den Verbänden in Kenia und Südafrika sei zwar schon ein wichtiger Schritt getan worden, doch es gebe noch so viele weitere Länder, in denen Mädchen zum Boxen ermutigt werden müssten. Derzeit arbeitet der Vereinsvorstand an einem Leitfaden, der es interessierten Ländern ermöglichen soll, selbstständig ein Schwesterprojekt zu gründen. Ein Name schwebt Cameron auch schon vor – „Box-Girls in the Box“. „Und die besten Botschafter werden wieder die Mädchen selbst sein“, sagt sie.

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