Zeitung Heute : Eine schrecklich nette Familie

Vier Generationen Bush: Warum Amerikaner die Vererbbarkeit von Macht billigen / Von Robert von Rimscha

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Sich als AntiEstablishment gebärden müssen, um Establishment bleiben zu können: Diese Janus-Köpfigkeit der amerikanischen Führungskaste hat den Aufstieg der Bushs durch vier Generationen hinweg geprägt.

Sechs Staaten haben in den letzten Jahren die politische Macht an den Sohn des früheren Herrschers übertragen: Nordkorea, Kongo, Syrien, Marokko, Jordanien und die USA. Amerika befindet sich mit seinem Präsidenten George W. Bush in der seltsamen Gesellschaft von Regimen völlig anderer Prägung – oder direkt auf der „Achse des Bösen“. Die Gründe für diesen Hang zum Ersatz-Königtum in den USA sind äußerst komplex. Es handelte sich dabei nicht um eine einmalige Angelegenheit. Schon die Familien Adams und Roosevelt zogen zweimal ins Weiße Haus ein. Es war auch nicht so, als hätten die Amerikaner bei den Präsidentschaftswahlen am 7. November 2000 die Wahl zwischen einem Elite-Zögling und Präsidentensohn auf der einen und einem Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen auf der anderen Seite gehabt. George W. Bush und sein demokratischer Rivale Al Gore waren beide Ziehkinder der politischen Elite: Geld, Beziehungen, eine erstklassige Erziehung und der gleiche Vorname wie der jeweilige Politiker-Vater.

Passen Dynastien ins demokratische Amerika? Sie vermitteln vielleicht, jenseits des bekannten Namens, Geborgenheit und Heimat in unruhigen Zeiten. Im Jahr 2003 hat Kalifornien dagegen Arnold Schwarzenegger gewählt, das Experiment von außen. Bei den gegenwärtigen Vorwahlen der Demokraten für die Präsidentschaftswahl im November 2004 gebärdete sich Howard Dean gleichfalls als Rebell gegen die Usurpation der Macht durch eine korrumpierte Elite. Doch Dean ist gescheitert. Sollte John Kerry gegen George W. Bush antreten, dann wiederholt sich die Wahl von 2000 vier Jahre später zumindest in einer Hinsicht. Es treten zwei superreiche Sprösslinge der Aristokratie gegeneinander an, zwei Vertreter des Establishments. Und beide werden rhetorisch wieder einmal darüber streiten, wer der bessere Außenseiter und Erneuerer ist. Sich als Anti-Establishment gebärden müssen, um Establishment bleiben zu können: Diese Janus-Köpfigkeit der amerikanischen Führungskaste hat den Aufstieg der Bushs durch vier Generationen hinweg geprägt.

Der Ahnherr der Familie ist der Pfarrer James Smith Bush, der von 1825 bis 1889 lebte. Doch erst sein Sohn Samuel Bush (1863 - 1948), der Urgroßvater von George W. Bush, sollte die Familie aus dem Religiösen ins Ökonomische führen und so den Aufstieg der Familie einleiten. Da sie nicht der alten Oligarchie der USA entstammte, brauchte sie Unterstützung. Diese boten einerseits die freundschaftlichen Bande zu einflussreichen Familien wie den Rockefellers und den Harrimans, Besitzer der größten Investmentbank der damaligen Welt, und andererseits die sozialen Kontakte, die sich aus den Verbindungen der Studienzeit ergaben.

Bei den Bushs war es die Yale-Universität in Connecticut knapp nördlich von New York City, der die Familie verpflichtet war. Doch Yale bot nicht nur Bildung der Spitzenklasse. Eine hohe Ehre war es für die Studenten auch, in einen der sagenumwobenen Geheimbünde aufgenommen zu werden. Der wichtigste hieß „Skull and Bones“ („Schädel und Gebeine“) und kokettierte nicht nur in seinem Namen mit dem gruseligen Charme der Piraterie. Das Geflecht aus familiären Kontakten, Alumni-Vereinen und Geheimbünden hatte einen Zweck. Es sollte jedem Mitglied optimale Aufstiegschancen garantieren. Ein entscheidender Kontakt in diesem sozialen Netz, der Jahrzehnte lang halten sollte, wurde 1913 geknüpft. In diesem Jahr begann Prescott Bush, der 1895 geborene Sohn Samuel Bushs, sein Studium in Yale. Dort traf er auf einen anderen Erstsemester namens E. Roland („Bunny“) Harriman. Dessen älterer Bruder Averell Harriman hatte gerade sein Yale-Examen gemacht und sollte Bankier, US-Botschafter in Moskau, nach dem Zweiten Weltkrieg Botschafter für Europa, Gouverneur des Bundesstaates New York und als Präsidentenberater eine der treibenden Kräfte hinter dem Vietnam-Krieg werden. 1916 wurden „Bunny“ Harriman und Prescott Bush in den elitärsten Geheimbund der Yale-Examenskandidaten aufgenommen, eben in die morbide Blutsbrüderschaft „Skull and Bones“. George und George W. Bush gingen beide später denselben Weg.

Prescott Bushs Schwiegervater George Herbert Walker, 1875 geboren, war Anfang der 20er Jahre ein gemachter Mann. Für den geschäftlichen Erfolg brachte er außergewöhnliche physische Voraussetzungen mit. Walker war in seiner Jugend Schwergewichtsboxer – ein meistens siegreicher zudem. Er ging gern auf die Jagd, spielte Golf, trank viel Scotch und verprügelte seine Söhne. Eines seiner Enkelkinder würde ihn einst als „harten alten Bastard“ charakterisieren. Walkers Heimat war am Mississippi, im US-Bundesstaat Missouri. Er besaß aber auch ein Luxusappartement in Manhattan.

Walker leitete eine Geschäftsbank in New York City namens „W.A. Harriman & Company“. 1922 reiste deren Eigentümer Averell Harriman, der ältere Bruder von Prescott Bushs Yale-Kumpan, nach Berlin, wo er eine Filiale seiner Bank gründete. Dort traf er Fritz Thyssen, der für Deutschlands ökonomische und politische Zukunft schwarz sah und dringend nach einem Standbein in den USA suchte. In Rotterdam hatten die Thyssens kurz zuvor eine holländische Handelsbank gekauft, und deren Direktor wurde nun nach New York geschickt, um mit Walker, dem Chef für das operative Geschäft, und Harriman zu reden. Das Ergebnis der Verhandlungen bestand in der Gründung der Union Banking Corporation (UBC), die im selben Gebäude residierte wie die Harriman-Bank: 39 Broadway.

Während der nächsten Jahre verkauften Walker und Harriman deutsche Staatsanleihen im Wert von über 50 Millionen Dollar an US-Investoren. 1926 holte Walker seinen Schwiegersohn Prescott Bush als Vizepräsident zu UBC, und dieser wiederum stellte mehrere seiner Kommilitonen aus der Yale-Abschlussklasse von 1917 an. Der Fokus der Arbeit Bushs lag auf zwei Stahlwerken in Schlesien, in denen während des Zweiten Weltkriegs vor allem Zwangsarbeiter arbeiteten. Mit der Arbeit für die UBC und den Verbindungen zum Hitler-Finanzier Thyssen waren die Bushs erstmals in jenen kritischen Bereich vorgestoßen, in dem sich wirtschaftliche Betätigung und totalitäre Politik berührten. Jahrzehnte später, als in den 60er Jahren die Geschäftskontakte der Bushs zu den saudischen Unternehmerfamilien bin Laden und bin Machfouz begannen, sollte sich dieses Muster wiederholen.

Von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker stammt die Einsicht: „Im Grunde wird Amerika von 200 Familien beherrscht, die entscheidende Verantwortung tragen.“ Dorthin, in die Stratosphäre amerikanischer Macht, wollten sich die Bushs katapultieren. Es gelang. Dabei haben die Bushs nie einen namhaften Arzt oder Künstler, Denker oder Forscher, Juristen oder Ingenieur, Architekten, Lehrer oder Theologen hervorgebracht. Die Bushs konzentrierten sich stets auf einen Doppelbereich: Wirtschaft und Politik.

Mit dem UBC-Geld finanzierte Prescott Bush den Start seiner eigenen politischen Karriere, die in den US-Senat führen sollte, und den Aufbau des ersten Unternehmens seines Sohnes George, der Ölfirma Overbey Development Company. Ähnlich half die Familie, als in den 70er Jahren George W. Bush nach dem Studium an der Harvard Business School seinerseits ins Ölgeschäft einstieg.

Die Vererbung von Privilegien fällt leicht, wenn es vererbbare Privilegien offiziell gar nicht gibt. Daher versöhnt der Mythos vom Tellerwäscher, der Millionär werden kann, die US-Gesellschaft mit jenem Großteil aller Millionäre, die als Kind nur eines waren: Millionärserben. Dieses Amerika legt viel Wert darauf, in Eliteschulen und Country-Clubs, in diesem angesehenen Rotary-Club oder in jenem „social register“, auf Hochzeitsseiten der maßgeblichen Blätter und nach dem Examen im richtigen Alumni-Club seinen Anspruch anzumelden, also überall dort, wo die Zugehörigkeit zur Spitze der Gesellschaft definiert wird. Amerika ist hierarchischer und eher statusbetont als Deutschland. Ausnahmen bestätigen die Regel. Bill Clinton kam, anders als seine Frau Hillary, von ganz, ganz unten – wie in Deutschland Gerhard Schröder. Doch die übrigen politischen Führungsfiguren kommen in der Bundesrepublik eher aus der breiten Mitte der Gesellschaft, wie Helmut Kohl oder Helmut Schmidt, während sie in den USA öfter aus der Spitze der Gesellschaft stammen. Im US-Senat sitzen Politiker-Kinder und Superreiche.

Jeder Aspekt der Lebensführung soll signalisieren, wo man sozial steht. Auch der Urlaubsort einer Patrizier-Familie will wohl bedacht sein. Die Bushs entspannten sich seit den 30er Jahren in Florida. Averell Harriman, der befreundete Bankier, hatte 1931 eine Insel, die der Küste vorgelagert war, umgestaltet, ausgebaut und in einen Rückzugsraum für die wirklich Wichtigen verwandelt. Die Insel, nördlich von Palm Beach gelegen, heißt Jupiter Island. Sie ist 800 Meter schmal und 15 Kilometer lang. Der Grundbesitz wurde nur an streng ausgewählte Personen verkauft, und die Sicherheitsvorkehrungen waren scharf: Jeder Angestellte musste seine Fingerabdrücke speichern lassen. Den Augen der Öffentlichkeit entzog man sich auf Jupiter Island gern. Denn dort erholten sich Industrielle wie die Mercks und die Mallons und wollten lieber ungestört bleiben.

Ihre Nachbarn, die Harrimans und die Bushs, sprachen indes längst nicht mehr nur über Geld. Nach dem Zweiten Weltkrieg war klar, dass im Zeichen des Kalten Krieges künftig die Wirtschaft der politischen Großwetterlage untergeordnet sein würde. Nicht das freie Spiel der ökonomischen Kräfte, sondern die Systemauseinandersetzung mit dem kommunistischen Block sollte bestimmend sein. Für Familien, die Einfluss haben wollten, bedeutete dies, dass beispielsweise Geheimdienste, Energielieferanten und Rüstungsindustrien künftig einen nie gekannten Stellenwert haben würden. Dies waren Überlegungen, die auch den jungen George Bush beschäftigten. So war es kein Zufall, dass er einst CIA-Chef werden sollte und zuvor sein Glück fernab vom gediegenen Neuengland suchen musste.

Texas stand für Öl, für Rüstungsindustrie und für einen Wandel in der US-Politik. George Bushs erster Job nach Yale war eine Stelle im Konzern Dresser Industries. Der Vorstandsvorsitzende war Henry Neil Mallon, der zusammen mit Prescott Bush die Collegebank von Yale gedrückt hatte und auf Jupiter Island ein Nachbar war. Für Dresser kamen die Bushs nach Texas, wo sich George Bush bald selbstständig machte. Das Elitäre seiner Ostküsten-Herkunft wurde im wilden West-Texas rasch relativiert. „Sagen Sie mal, Sie sind doch Akademiker?“, fragte ein Kollege den jungen George Bush. Der antwortete brav, er habe einen Abschluss von Yale. Sein Gesprächspartner dachte einen Moment lang nach und bekannte dann, nie von dieser Bildungseinrichtung gehört zu haben. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und murmelte bloß: „Schade!“

„Der Schlüssel zur texanischen Geschichte ist, dass dies ein Ort ohne aristokratische Vergangenheit ist, ein Staat, der nicht von Plantagenbesitzern oder Plutokraten geformt wurde, sondern von Bauern im Dreck“, schreiben die US-Politologen Michael Barone und Grant Ujifusa. Dieses Texas ebnete den Bushs den Weg in die Spitze der Politik, wie sie Ende des 20. Jahrhunderts, nach Ronald Reagan, in den USA sein musste: populistischer, patriotischer, konservativer, religiöser. Für Europa heißt dies oft: gröber, aggressiver, selbstbezogener. Reagan begann damit, George Bush beerbte ihn, doch George W. Bush sieht sich als Reagans wahrer Sohn. John Kerry ist nach Carter, Reagan, Clinton und zwei Bushs der erste Ostküstler, der nicht den neuen Süden Amerikas umgarnt, sondern als Kriegsheld in der Kennedy–Tradition eine Überflieger-Strategie für ganz Amerika wagt.

Selbst Clinton betrieb Wahlkampf stets als Protest gegen das alteingesessene „System Washington“. George W. schaffte es dank Texas, sich ebenfalls ein Reform–Mäntelchen umzuhängen. Doch dem rauen Image des Pioniers, der Liebe zu Cowboyhüten und -stiefeln, stand immer etwas anderes zur Seite. Texas begreift sich als Modellfall für die USA, als Gesellschaft, die einen eigenen Weg ging. Texas war in einer Hinsicht stets weltoffener als Kalifornien – nach Süden. Während an der Westküste mit hohen Steuern die Infrastruktur ausgebaut wurde, die es dann gegen mexikanische Einwanderer zu verteidigen galt, setzte Texas auf enge Kooperation mit dem Nachbarn jenseits des Rio Grande. Die Nafta, die Freihandelszone von Kanada, den USA und Mexiko, war ganz wesentlich ein texanisches Projekt.

Für dieses Texas wurde George Bush Abgeordneter und sein Sohn später Gouverneur. Der joviale junge Bush konnte das Prinzip Texas dabei stets glaubwürdiger verkörpern als der steife Vater. Aber „verkörpern“ heißt eben auch, dass hier immer nur gespielt wird. Mitten im schwülheißen Sommer für die Kameras Sträucher auszureißen, wie George W. Bush es auf seiner Ranch tut, ist die Inszenierung von Texas. Der wahre Texaner wartet, bis es im Herbst kühler wird. Um den Aristokraten abzuschütteln, riskiert George W. Bush den Eindruck des Trottels.

Barone und Ujifusa haben das Modellhafte an Texas beschrieben: „Die vergangenen 25 Jahre können zumindest als der Beginn der Texanisierung der USA gesehen werden. Niedrige Steuern und Hightech, wenige Hürden wider den Erfolg, aber auch ein wenig ausgeprägtes Sicherheitsnetz, der Abschied von der Abhängigkeit von Landwirtschaft und Öl, das Überspringen der Ära großer Industrien und starker Gewerkschaften, für die die Bundesstaaten an den Großen Seen stehen, den liberalen kulturellen Werten beider Küsten bewusst aus dem Weg gehen: Das ist der texanische Weg, und mehr und mehr Amerikas Weg.“ Und zugleich der Weg der Bushs.

George W. Bushs jüngerer Bruder Jeb wählte eine andere Alternative zum alten Amerika der Ostküste. Mit seiner mexikanischen Frau, dem Übertritt zum Katholizismus und der Wahlheimat Florida setzt er auf ein anderes Labor des Amerikas von morgen. Heute ist er dort, in zweiter Amtszeit, Gouverneur. Es ist kein Wunder, dass Jeb Bush und sein Sohn Prescott, ein meist schlicht „P“ gerufener Jung-Jurist, als Führungsreserve der Familie gelten, sollte nach George W. wieder einmal ein Bush sich um allerhöchste Ämter bewerben.

Weizsäckers 200 Familien bilden das „permanent government“, die „Dauerregierung“, die lenkt, auch wenn sie einmal kein Amt hat. Das Vorbild stammt aus dem alten Rom: eine senatorische Klasse, deren Reichtum vor unbilligen Einflussnahmen, Korruption und den Wankelmütigkeiten der Tagespolitik schützt. Als „disinterested“, im positiven Sinne nicht interessiert, hat Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, diese Geisteshaltung beschrieben. Die Bushs sind das Paradebeispiel einer Familie, die sich selbst als Bestandteil dieser Klasse betrachtet und deren Bild stets so populär zeichnet, wie es die Zeiten erfordern. Denn das beste Mittel, dynastische Ambitionen mit demokratischen Prinzipien zu verbinden, ist die stete Neudefinition der Werte, die man vertritt. Nur wer sich den Veränderungen der Gesellschaft stellt, kann Anspruch darauf erheben, diese auch zu repräsentieren. Hier am Ball zu bleiben: Das ist das wahre Projekt der Bushs. Sie wollen stets sein, wie Amerika erst noch wird. Denn nur so bleibt die Macht.

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