Zeitung Heute : Eine seltsame Freundschaft Rau bittet Italien um Verzeihung für deutsche Kriegsverbrechen

Der Tagesspiegel

Von Andrea Dernbach

Nach dem Krieg brauchte es 25 Jahre bis zu Willy Brandts Kniefall in Polen. 57 Jahre dauerte es bis zu einer Entschuldigung in Italien für deutsche Kriegsverbrechen. Warum so lange? Es gibt viele Gründe dafür, dass es schwieriger war, einen Freund um Verzeihung zu bitten als das Land, mit dem wir damals in Blockkonfrontation standen. Deutschland und Italien, Partner in Europa wie in der Nato, hatten beide wenig Interesse, noch offene Wunden zu berühren. Nicht nur bei uns, auch dort blieben viele Akten über Massaker und Morde liegen, wurden Prozesse hintertrieben, öffentliches Aufsehen vermieden.

Vieles spricht dafür, dass die Besonderheiten gerade dieser Länderfreundschaft die Auseinandersetzung mit der deutschen Besatzung verhinderte. Italien ist in deutschen Köpfen eigentlich gar kein Land. Es ist, nicht erst seit Adenauer, nicht einmal erst seit Goethe, die Lieblings-Projektionsfläche für unsere Sehnsucht nach dem besseren, dem guten Leben – mit Sonne, Pasta und Michelangelo. Dazu will es nicht passen, dass ausgerechnet wir Deutsche dort Zivilisten zu Tausenden abgeschlachtet, Alte, Frauen, Kinder in Kirchen zusammengetrieben und verbrannt haben. All das ist aber geschehen, nicht nur in Marzabotto, wo Rau gestern in Anwesenheit seines italienischen Kollegen Ciampi gesprochen hat. Und wir können uns nicht einmal vormachen, diese Massaker seien Einzelfälle gewesen. Die Grausamkeit hatte Methode.

Hitlers „Bandenbefehl“ zur Partisanenbekämpfung verpflichtete ausdrücklich zur Anwendung aller Mittel, „ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder". Erfunden war der grausame Ukas für den Kampf gegen die slawischen „Untermenschen". Angewandt wurde er auch gegen Italiener, die in NS-Sonntagsreden gepriesenen Nachfahren der Römer. Und das andere, das schwarze deutsche Italienstereotyp, hat dafür den Vorwand geliefert: Gegen die „Feiglinge“, die „Faulenzer“, die 1943 einfach Hitlers Krieg den Rücken gekehrt und einen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen hatten, war größtmögliche Brutalität gerade recht.

Dem Bundespräsidenten, der sich seit Jahrzehnten für die Aussöhnung mit Israel engagiert, ist zu danken dafür, dass er in Marzabotto von Scham über die Verbrechen gesprochen und sie beim Namen, nämlich Morde, genannt hat. Die zweite Schuld im Verhältnis zu Italien anzusprechen, fehlte ihm vermutlich der politische Spielraum: Auch ehemalige italienische Zwangsarbeiter kämpfen um Entschädigung – anders als ihre osteuropäischen Leidensgenossen aber vergeblich.

Die Regierungen in Rom, ob nun früher das Mitte-Links- oder jetzt Berlusconis Mitte-Rechts-Kabinett, haben nichts für sie getan. Und Eichels Finanzministerium hat sich ihrer Ansprüche vor Monaten mit Hilfe eines beschämenden Rechtsgutachtens entledigt. Beim Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf.

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