Zeitung Heute : Eine Seuche, die noch keiner kennt

Alle haben Angst vor der Vogelgrippe. Ein neues Supervirus könnte Millionen das Leben kosten. Die deutschen Bundesländer müssen vorbereitet sein: Aber die Arznei ist sehr teuer und, ob sie hilft, nicht gewiss

Ingo Bach

Karl Schlingensief überzeugt gern mit einfachen Bildern. Der Pharmachef des Schweizer Konzerns Roche in Deutschland legt zwei Packungen auf den Tisch: In der einen sind weißgelbe Kapseln. „Einfach zu schlucken.“ In der anderen ein Inhaliergerät mit Wirkstoffplättchen, die vor der Anwendung erst in das Gerät geladen und dann eingeatmet werden müssen. Die Kapseln heißen „Tamiflu“ aus dem Hause Roche, das Inhalat nennt sich „Relenza“ und ist vom britischen Konkurrenten GlaxoSmithKline. Schlingensief lächelt dezent, er weiß, das wirkt. Es ist ein selbstbewusstes, aber kein Siegerlächeln. Dabei müsste der 57-jährige Pharmazeut eigentlich in Sektlaune sein, denn er steht kurz vor einem Millionendeal mit dem deutschen Steuerzahler.

Am Donnerstag werden die Gesundheitsminister der Länder auf ihrer Sitzung in Erlangen voraussichtlich beschließen, für maximal 200 Millionen Euro antivirale Grippemedikamente zu kaufen. Drei Viertel der insgesamt 16 Millionen Arzneiportionen, die für die Therapie je eines Kranken reichen, soll Roche liefern, den Rest Glaxo. Damit wollen die Länder – die für den Seuchenschutz zuständig sind – nur Hochrisikopatienten, Sicherheitsleute und Beschäftigte im Gesundheitswesen behandeln. Damit die Ordnung nicht zusammenbericht. Für alle 80 Millionen Deutsche aber reicht dieser Vorrat nicht.

Beide Medikamente sind im Fall einer globalen Grippe-Epidemie – einer Pandemie – die erste Hoffnung der Menschheit, bis nach Monaten dann ein Impfschutz zur Verfügung steht. Weil die herkömmlichen Impfstoffe in diesem Falle vermutlich nicht wirken würden. Denn der kommende Supererreger, der weltweit Millionen Menschen töten könnte, ist noch unbekannt – und damit die Entwicklung eines Impfstoffes für die Immunabwehr unmöglich. Tamiflu und Relenza dagegen unterbrechen chemisch die Vermehrung von Viren im Körper.

Vor allem um das Roche-Präparat tobt ein internationaler Wettkampf, denn die Arznei ist knapp. „Wir haben kurzfristig nicht genug Kapazitäten, um die Nachfrage im Fall einer Pandemie zu befriedigen“, sagt Schlingensief. Viele Regierungen wollen auf den Rat von Experten hin millionenteure Vorräte für eine Katastrophe anlegen – so wie jetzt die deutschen Bundesländer. Doch so mancher Minister wird morgen die Entscheidung treffen, ohne von der Richtigkeit überzeugt zu sein. Denn die Angst der Ressortchefs gilt weniger der Influenza als vielmehr der schlechten Publicity. „Schaffen wir das Mittel nicht an, werden uns die Medien gnadenlos jeden Grippetoten vorrechnen“, sagt ein Landespolitiker, der nicht namentlich genannt werden will. „Diesen Druck kann man allein nicht aushalten. Da müssten schon mehrere Länder ausscheren.“ Was sie zwar könnten, denn die Vorbereitung auf den Seuchenfall ist Sache einer jeden Landesregierung. Aber welcher Ministerpräsident will schon als Geizhals dastehen, wenn es um den Schutz seiner Bevölkerung vor einem Killer geht?

Zudem hat Roche systematisch Druck gemacht: Wegen der großen Nachfrage könne man den für Deutschland vorgesehenen Arzneivorrat nicht ewig reservieren. „Wenn sich die Gesundheitsminister nicht bis zum 30. Juni auf einen Vertrag einigen, dann können wir erst 2007 liefern“, wiederholen Schlingensief und seine Verhandlungsführer immer wieder. Man sei den Gesundheitsministern während der seit drei Monaten laufenden Verhandlungen oft genug entgegengekommen. Mehr als einmal wurde der letztmögliche Termin für eine Einigung nach hinten geschoben. Schließlich habe man ja Verständnis für die Schwierigkeiten eines föderalen Systems.

Einen hat Roche schnell überzeugt: Werner Schnappauf, Bayerischer Gesundheitsminister und Verhandlungsführer für seine Länderkollegen. Die Münchner Landesregierung hat bereits entschieden, für 2,4 Millionen Bayern die Arznei einzukaufen. „Die WHO-Experten sind sich einig, dass die Frage nicht lautet, ob die Grippe-Pandemie kommt, sondern nur, wann und wie“, sagt Schnappauf. „Da habe ich als Gesundheitsminister keinen Spielraum.“ Wahrscheinlich ist es nur ein Zufall, dass in Bayern einer der drei deutschen Hauptstandorte von Roche mit knapp 3700 Mitarbeitern liegt.

Ein Blick zurück: 1997 schrammte die Welt knapp an einer Katastrophe vorbei. Ein dreijähriger Junge erkrankte in Hongkong an Fieber – und starb wenige Tage später. Die ratlosen Behörden konnten den Krankheitserreger zunächst nicht bestimmen und schickten Gewebeproben an Speziallabors in den USA, Großbritannien und den Niederlanden.

Dort verfielen die Virologen sofort in Alarmstimmung: Dem Erreger der Geflügelpest war es gelungen, auf den Menschen überzugehen, mit tödlichen Folgen. Bis zu 80 Prozent der infizierten Menschen starben. Aber nicht nur das: Wenn sich das Erbgut des Vogelpest-Erregers tatsächlich mit dem Virus der normalen Grippe verbinden sollte, entstünde ein Killervirus. Tödlich wie die Vogelpest und so leicht übertragbar wie die gemeine Influenza. Anniesen genügt.

Doch die Katastrophe kam nicht. Nur in Einzelfällen konnte der unter Vögeln grassierende Virus bisher auch Menschen befallen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch aber – Grundvoraussetzung für eine Epidemie – blieb bisher aus. Aber seitdem gilt die Vogelgrippe als wahrscheinlichster Auslöser einer globalen Epidemie. Seit sechs Jahren wiederholen Virologen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gebetsmühlenartig die Warnung: Die Katastrophe stehe unmittelbar bevor. Nie sei die Gefahr einer Pandemie größer gewesen als jetzt.

Anfang 2005 legte das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) im Auftrag der Bundesländer einen Pandemieplan mit Empfehlungen vor, wie sich die Länder auf eine Influenza-Pandemie vorbereiten sollten. Auch hier wird zu einem staatlichen Vorrat von antiviralen Arzneien geraten – mit einer Präferenz für Tamiflu.

Tatsächlich zeigen Studien, dass diese Mittel die Dauer der Krankheit verkürzen – von durchschnittlich sechs Tagen auf viereinhalb Tage. Auch die Zahl der Komplikationen, wie etwa Lungenentzündungen, lassen sich reduzieren. Umstritten ist aber, ob die Präparate Todesfälle verhindern. Wissenschaftliche Beweise für die Schätzung im Pandemieplan, man könne so in Deutschland 24000 bis 80000 Menschenleben retten, fehlen bisher.

Aber es gibt auch kritische Stimmen. So zum Beispiel Bernhard Fleckenstein, Virologe an der Universität Erlangen: „Die Wahrscheinlichkeit, dass es im kommenden Winter zu einer Grippe-Pandemie kommt, ist nicht größer als in der Vergangenheit.“ Die Vogelgrippe habe es immer schon gegeben und es sei immer wieder auch zu einer Übertragung des Erregers auf Menschen gekommen. „Die Wahrscheinlichkeit einer Pandemie liegt bei 50 Prozent in den nächsten 20 Jahren“, sagt Fleckenstein vorsichtig. Und ebenso vorsichtig fügt er hinzu, dass die Warnung der WHO „schon fachlich richtig“ sein werde.

Viele Fachkollegen neigen deshalb der Arzneibevorratung zu. Da ist zum Beispiel Peter Wutzler, Virologe an der Universität Jena. „Tamiflu ist leichter zu verabreichen, als Konkurrenzprodukte und es darf bei Kindern ab einem Jahr eingesetzt werden – klare Vorteile“, sagt Wutzler. Auch Roche weiß diesen Experten zu schätzen – und lädt ihn immer wieder als Fachmann dazu, wenn es darum geht, die Vorteile der Grippearzneien zu loben oder vor einer bevorstehenden Pandemie zu warnen. Gegen Honorar.

Wutzler hat gleichzeitig einen guten Draht zum Robert-Koch-Institut. Er war bis Februar 1. Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Arbeitsgemeinschaft Influenza beim RKI und auch an der Erarbeitung des Pandemieplanes beteiligt. „Die Zahlungen bewegten sich im Rahmen dessen, was die Universität genehmigte“, heißt es dazu von Roche. Und Wutzler weist jeden Verdacht eines Interessenkonfliktes von sich: „Ich habe keine Verbindungen zu Roche und werde meine Neutralität nicht gefährden.“

Dann ist da auch Werner Lange. Der Berliner Professor war bis zu seiner Pensionierung 1996 Direktor der Influenza-Abteilung beim RKI. Er wird von Medien gern als Experte befragt und hat als solcher für Roche ein Grippewarnsystem aufgebaut. „Er hatte einen Beratervertrag“, bestätigt Roche.

Warum erzeugt der Konzern so einen Druck auf die Politik? Die Angst vor der Vogelgrippe ist für Roche ein ökonomischer Glücksfall. Plötzlich erlebt ein Produkt, das seit seiner Markteinführung 1999 hinter den Umsatzerwartungen zurückblieb, einen Höhenflug. Tamiflu startete vor sechs Jahren mit einem weltweiten Umsatz von 60 Millionen Schweizer Franken (39 Millionen Euro) – Peanuts für ein Unternehmen, dass allein mit Arzneimitteln jährlich über 21 Milliarden Franken umsetzt. Obwohl später auch immer mehr Industrieländer – die USA, die EU, Japan – die Zulassung erteilten, stieg der Umsatz mit Tamiflu nur mäßig. 2002, als das Medikament auch in Deutschland zugelassen wurde, setzte Roche damit weltweit 170 Millionen Schweizer Franken um – auch das keine überzeugende Performance. Die milde Grippesaison war schuld, heißt es im Geschäftsbericht des Konzerns.

Doch dann änderte sich die Situation. Seit einem Jahr bestellen immer mehr Regierungen Tamiflu, um einen Teil ihrer Bevölkerung im Fall einer Pandemie mit dem Medikament versorgen zu können. Frankreich war das erste Land, das einen Liefervertrag abschloss. Inzwischen hätten 23 Länder Tamiflu gekauft, davon zwölf EU-Staaten, meldet der Konzern. 2004 setzte Roche mit Tamiflu 330 Millionen Franken um. 2005 peilt man die 800 Millionen Franken-Grenze an.

Die Urheberschaft für die Entwicklung aber, die könne man nun wirklich nicht bei Roche suchen, sagt Schlingensief – und lächelt wieder. „Der Pandemieplan ist doch keine clevere Idee einer Pharma-Marketingabteilung.“ Der Konzern sei gebeten worden, ein Angebot abzugeben. „Wir arbeiten nicht mit Panikmache, sondern reagieren auf das, was WHO und RKI sagen. Gibt es etwas objektiveres, als diese beiden Institutionen?“

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