Zeitung Heute : Eine spezielle Software macht für das BKA Strukturen des Organisierten Verbrechens sichtbar

C. Schulzki-Haddouti

Die Pfade des Organisierten Verbrechens sind oft verschlungen und nicht leicht zu entdecken. Eine Banküberweisung von Heinz K. an Jens B. ist nur eine Spur von vielen. Jens B. ist der Polizei schon früher durch Gewalttätigkeiten aufgefallen. Heinz K. hingegen ist der Schwager von Paul Z., einem mutmaßlichen Bandenboß und Drahtzieher in der Frankfurter Rotlichtszene.

Dass Heinz K. als Mittelsmann für die Geschäfte seines Schwagers fungiert, vermutet die Polizei schon seit langem. Auch andere Personen, zum Beispiel der Bruder von Paul Z., stehen unter Verdacht in die umfangreichen kriminellen Aktivitäten von Paul Z. verwickelt zu sein. Die Überweisung ist nur ein Puzzlestückchen im Kriminalfall, jedoch ein wichtiges.

Hunderte von Bankkonten, Tausende von Überweisungen durchforsten die Polizeibeamten, um etwas Licht in kriminelle Verflechtungen zu bringen. Per Hand lassen sich die hundertfachen Ergebnisse auf einer Tafel nicht mehr darstellen. Wissenschaftler am Darmstädter Institut für Grafische Datenverarbeitung entwickeln daher seit Oktober letzten Jahres im Auftrag des Bundeskriminalamts (BKA) eine spezielle Software. Sie soll die komplexen kriminellen Strukturen visualisieren und den Ermittlern neue Zusammenhänge erkennen lassen.

Anders als bei seitenlangen Computerlisten lassen sich bestimmte Muster bei Geldtransfers als mehrdimensionale Darstellungen besser erkennen: Wer erhält regelmäßig Geld, wer erhält besonders viel Geld, wer überweist an wen. Bei Banküberweisungen genügt bereits ein Datensatz mit Name, Datum und Betragshöhe, um aussagekräftige Strukturen zu zeigen. Die Beamten können die Daten beliebig ergänzen - zum Beispiel mit Informationen über verwandtschaftliche Beziehungen. In der zweidimensionalen Ansicht zeigt die Software hierarchische Strukturen, die den Geldfluß darstellen. Dreidimensional lässt sich sogar visualisieren, unter welchen Personen besonders enge Beziehungen herrschen, zwischen welchen Personen die meisten Geschäfte ablaufen. Bereits in einem Jahr sollen die BKA-Ermittler mit der Software arbeiten können.

Es lassen sich mit dieser Datamining-Methode nicht nur Geldüberweisungen, sondern auch beliebig andere Merkmale auswerten, die sich in den Kriminalakten angesammelt haben. Interessant für die Polizei ist, welche Waren auf welchen geographischen Wegen mit welchen Transportmitteln wie Eisenbahn, Flugzeug oder Auto bewegt werden und wo sichergestellte Gegenstände auftauchen.

Werden Kriminalitätsdaten mit Stadt- und Raumdaten verknüpft, ermöglicht das der Polizei, so der ehemalige BKA-Präsident Horst Herold, "neue Formen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen staatlichen Behörden" - wie Ordnungsämtern, Passämtern, Jugendämtern, Gesundheitsämtern oder Schulen.

Für den schleswig-holsteinischen Landesdatenschützer Helmut Bäumler ist das ein "richtiger Kerngedanke". Er kann sich die Nutzung der Kriminalakten zu Präventionszwecken vorstellen - doch nur wenn bürgerliche Grundrechte durch Verschlüsselungstechniken, Anonymisierung und Pseudonymisierung geschützt werden.Weitere Informationen zum Thema finden sich im Tagungsband der Datenschutzakademie Schleswig-Holstein "Polizei und Datenschutz", herausgegeben von Helmut Bäumler, erschienen im Verlag Luchterhand 1999.

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