Zeitung Heute : Eine Stadt in Zauberhaft

Das Freiburger Theater im Aufbruchsfieber: Die drei Geheimnisse der Amélie Niermeyer, Deutschlands jüngster Intendantin

Wolfgang Prosinger[Freiburg]

Von Wolfgang Prosinger,

Freiburg

Das soll ein Wald sein? Dieses Gestrüpp aus purpurroten Glitzerschnüren? Nicht einmal ordentlich grün ist dieser Wald. Merkwürdig. Da vorne läuft ein Mensch herum, der trägt einen Tierkopf auf dem Hals. Da hinten schweben seltsame Wesen durch die Luft, und der Mond spielt auch verrückt: Gerade stand er noch als schmale Sichel am Himmel, jetzt ist er plötzlich prall und rund. Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu.

Soll es auch nicht. Denn natürlich ist das hier ein Zauberwald, eine heillos verwunschene Wunderwelt, und das magische Treiben dauert gerade mal drei Stunden. Dann fällt der Vorhang im Freiburger Theater, Shakespeares „Sommernachtstraum“ ist zu Ende. Draußen ist es kalt und nass, die Bäume, die in der Ferne stehen, sind dunkelgrün, und der Wald heißt Schwarzwald. Es hat sich ausgezaubert.

Neinneinnein, findet Helmut Grieser, vom Zaubern muss jetzt dringend weiter die Rede sein. Denn was in der letzten Zeit mit diesem Theater in Freiburg passiert ist, das kann mit dem gesunden Menschenverstand nun wirklich keiner mehr erklären. „Man muss sich davor hüten, ins Schwärmen zu geraten“, sagt Helmut Grieser und beginnt zu schwärmen, als wäre er gerade 16 geworden. In Wahrheit hat er nur noch ein paar Jahre bis zur Rente, ist ein alter Schauspieler-Hase, hat Regisseure kommen und gehen gesehen, Intendanten auf- und abtreten, dem macht so leicht keiner was vor. Und als vor eineinhalb Jahren diese Amélie Niermeyer, dieses junge Ding, zur allgemeinen Verblüffung und gegen manch heftigen Widerstand in der Stadt zur neuen Intendantin des Freiburger Theaters gewählt wurde, da hat er sich die paar Haare gerauft, die er noch hat, und sich nicht vorstellen können, dass er jetzt, da sie ihren Posten angetreten hat, einen Satz sagen würde wie den: „Eine Fee ist in das Haus gekommen.“

Er ist mit seinem Sinneswandel nicht allein. In der Freiburger Theaterluft muss ein Bazillus mit erheblicher Ansteckungsgefahr liegen. Ein epidemischer Enthusiasmus ist ausgebrochen, nach langen Jahren einer gewissen theatralischen Schläfrigkeit will das Reden von Aufbruch und Neubeginn gar kein Ende mehr nehmen. An allen Ecken wird er wortreich beschworen, dieser neue Wind, der da durch die alten Gassen wehe, und so feiern sie in Freiburg dieses Jahr schon ihren zweiten Superlativ: Im Frühling wählten sie sich als erste deutsche Großstadt einen Grünen zum Oberbürgermeister, und jetzt, vor wenigen Tagen, startete Amélie Niermeyer in ihr erstes Freiburger Theaterjahr, die jüngste Intendantin Deutschlands. Am vergangenen Montag wurde sie 37.

Jetzt sitzt sie im „Theatercafé“ und trinkt Apfelsaft. Mittendrin in diesen turbulenten Eröffnungstagen mit gleich vier Premieren an drei Abenden. 37 Jahre? Ihre großen, grünbraunen Augen tun so, als könnten sie das gar nicht glauben. „Ich bin um Jahre gealtert.“ Seit März, meint sie. Seitdem die konkrete Arbeit hier am Theater begonnen hat. Keine Nacht vor halb drei ins Bett. „Ich hab’s überstrapaziert“, sagt Amélie Niermeyer, „das ist nicht mehr witzig.“ Die Fee ist ein Arbeitstier. Vielleicht eins von der Sorte, wie es auch in ihrer „Sommernachtstraum“-Inszenierung herumspringt: ein Esel, ein Packesel, mit einer Riesenlast auf dem Buckel. An die 30 Premieren in der ersten Spielzeit, davon fünf Uraufführungen, zwei eigene Regiearbeiten. Ein Vorhaben von maßlosem Ehrgeiz.

Gewiss ist diese Unermüdlichkeit eines der Geheimnisse von Amélie Niermeyers Erfolgsgeschichte, die sich anhört wie der unaufhaltsame Weg eines Theater-Wunderkinds. Abitur in der Geburtsstadt Bonn, ein paar Hospitanzen, ein paar Regieassistenzen, und schon bekommt sie am Münchner Residenztheater einen Vertrag als Hausregisseurin – mit 24 Jahren. Es geht weiter Schlag auf Schlag: Oberspielleiterin in Dortmund, zurück nach München, dann ein Ruf ans Schauspiel Frankfurt, Regie am Thalia Theater Hamburg, am Deutschen Theater Berlin. Und jetzt der nächste, der besonders steile Schritt: Intendanz an einem Drei-Sparten-Haus mit Oper, Tanztheater und Schauspiel, mit knapp 400 Angestellten.

Amélie Niermeyer hätte es nicht so schnell so weit gebracht, wenn da neben jener offenbar unzähmbaren Arbeitslust nicht noch ein paar Geheimnisse zu entdecken wären. „Die“, hatte der Schauspieler Helmut Grieser in seiner versehentlichen Schwärmattacke gesagt, „die weiß ganz genau, was sie will. Und was sie nicht will.“ Da würde ihm Amélie Niermeyer kaum widersprechen. Unerträglich, sagt sie, kann sie werden, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, „unerträglich hartnäckig“. Rolf Böhme, Freiburgs früherer Oberbürgermeister, mit dem sie noch die Vertragsbedingungen aushandelte, muss damit seine speziellen Erfahrungen gemacht haben: Zu Zeiten, in denen den Kommunen das Wasser bis zum Hals steht und Kulturetats allenthalben von Schwindsucht befallen werden, spazierte eine Amélie Niermeyer fröhlich aus den Verhandlungen und hatte fürs zuvor grausam heruntergesparte Sprechtheater plötzlich eine halbe Million Euro mehr in der Kasse als ihr Vorgänger. „Ich habe ein großes Durchsetzungsvermögen“, sagt sie.

Mit diesem Durchsetzungsvermögen ist es allerdings eine ganz eigene Sache. Weil man sich da jemanden vorstellt, der mit der Faust auf den Tisch haut und laut und aggressiv wird. Oder zumindest eine gewisse körperliche Fülle als Verhandlungsmasse in schwierige Gespräche bringt. Bei Amélie Niermeyer ist das ziemlich anders. Sie ist eine leise Frau, sie ist eine zierliche Frau und eine schöne und kluge dazu. Wer Autorität hat, muss nicht autoritär sein. Das ist das zweite Geheimnis.

Also klingt zwischen Rheintal und Schwarzwaldbergen überall das Hohelied von Frau Niermeyers nie versiegender Freundlichkeit, ihrer Verbindlichkeit, ihrem allzeit bereiten Lachen. Und man muss ihr schon sehr aufmerksam zusehen, bis man dann dieses andere Gesicht entdeckt, die Stirn, die sich immer wieder in viele Falten kräuselt, diesen Ausdruck einer ganz energischen Ernsthaftigkeit. Und weil die Zauberwelt des Theaters nicht nur eine Zauberwelt ist, sondern auch ein ganz normales Unternehmen mit normalen Menschen und ebenso normaler Bürokratie, hat sie extra für die Intendanz zwei Managerkurse gemacht. Wörter wie „Eigenbetrieb GmbH“ gehen ihr inzwischen ebenso flüssig von den Lippen wie der spezielle Dank ans Hochbauamt in ihrer Rede zur Premierenfeier.

Nun aber fort aus diesen schnöden Welten, zurück ins Feenreich. Und das ist nun einmal nicht in der Buchhaltungs-Etage des Theaters, sondern ganz da unten, in der tiefen Bühnenhöhle, wo dieses merkwürdige Volk haust, an das Amélie Niermeyer ihr Herz verloren hat. „Meine Inszenierungen sind Schauspieler-betont“, sagt sie, „vorne steht das Stück, dann erst meine Interpretation als Regisseurin.“ Und weil ihr das Schauspieler-Ensemble so wichtg ist, durften nur ganze fünf vom alten bleiben. Um ein neues aufzubauen, ist sie ein Jahr durch Deutschland gereist, hat Talente in Schauspielschulen entdeckt und von Theatern weggelockt, auch von renommierten, vom Wiener Burgtheater, vom Münchner Staatsschauspiel. Manche, die da kamen, haben Gehaltseinbußen hingenommen, weil sie dachten: Vielleicht gibt es hier statt Gagen etwas anderes zu holen.

Zum Beispiel die Zuneigung eines ausgehungerten Publikums, das bei diesem Neuanfang drei Abende lang stürmisch Beifall klatschte, dem Geglückten und dem weniger Geglückten auch. Weil es offenbar spürte: Hier beginnt etwas. Hier ist eine lang entbehrte Spielfreude zurückgekehrt, aber auch Spaß an der Auseinandersetzung, an der Reibung. „Manchmal geht’s ziemlich ab“, sagt die Intendantin.

Und dann ist da noch etwas Zweites zu holen: „Ich nehme die Leute unheimlich ernst“, sagt Amélie Niermeyer. „Die Schauspieler müssen das Gefühl haben: Ich bin gemeint.“ Und damit hat die Freiburger Intendantin noch ein Geheimnis preisgegeben, ihr drittes und wahrscheinlich ihr größtes. Es ist ein schier unmäßiges Talent zur Zuwendung.

Ihren Apfelsaft hat sie ausgetrunken, einen Latte macchiato mittlerweile auch, noch immer sitzt Amélie Niermeyer in ihrer sandfarbenen Cordjacke im „Theatercafé“ am Tisch, erklärt, erzählt, erläutert. Sie nimmt sich Zeit, ganz aufmerksam und ernsthaft ist sie dabei, ganz konzentrierte Ruhe. Nur unterm Tisch – da will sich etwas nicht bändigen lassen. Es sind zwei Füße, die zucken, die zappeln und erzählen eine ganz andere Geschichte: Wir müssen fort, wir haben’s eilig, sagen sie. Unsere Chefin hat zu tun.

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