Zeitung Heute : Eine Stadt, zwei Namen

Wie Finnland mit der schwedischsprachigen Minderheit umgeht

Claudia Salzen

Auf der Fahrkarte stand der Zielbahnhof noch klar und deutlich: Tammisaari, eine Kleinstadt an der finnischen Südküste. Doch wer sich auf den Weg nach Tammisaari macht, kommt am Ende in Ekenäs an. So kündigt zumindest die englischsprachige Durchsage im Zug den Bahnhof an, der doch Tammisaari heißen müsste. Aber nicht nur der Name der Stadt hat sich im Laufe der Reise geändert. Kurz vor dem Ziel ist das Abteil plötzlich voller Menschen, die Schwedisch sprechen, kein einziges finnisches Wort ist mehr zu hören. Hat der Zug unbemerkt eine Grenze überquert?

Die Kleinstadt 90 Kilometer westlich von Helsinki, die das Ziel dieser Reise ist, hat zwei Namen: im Finnischen heißt sie Tammisaari, im Schwedischen Ekenäs. Die Zweisprachigkeit ist in Finnland nichts Besonderes, auch in der Hauptstadt Helsinki – oder Helsingfors – sind alle Straßenschilder doppelt beschriftet. Schwedisch ist offiziell die zweite Landessprache, und etwa sechs Prozent der 5,2 Millionen Finnen gehören der Sprachminderheit an. In Ekenäs sind aber über 80 Prozent der Einwohner mit der Muttersprache Schwedisch aufgewachsen. Damit gleicht die Stadt einer Insel im finnischsprachigen Umland.

Im Sprachengesetz des Landes ist dieser Fall klar geregelt: Ekenäs ist offiziell eine bilinguale Stadt. Dieser Status ist erreicht, sobald mindestens acht Prozent der Bevölkerung einer Sprachminderheit angehören. Die meisten Gemeinden an der finnischen Küste sind bilingual – anders als in Ekenäs sind dort aber die Finnlandschweden in der Minderheit. Fährt man weiter ins Landesinnere, sind die Ortsschilder bald nur noch in Finnisch beschriftet.

Jahrhundertelang war das heutige Finnland Teil des Nachbarlandes. König Gustav Wasa gründete 1546 die Stadt Ekenäs. Zur 450-Jahr-Feier reiste die Königsfamilie persönlich an. Ihnen bot sich ein beinahe vertrauter Anblick: Schließlich könnten die roten und gelben Holzhäuser der Altstadt genauso gut irgendwo in Dalarna stehen. Und in Ekenäs kann man sein ganzes Leben verbringen, ohne auch nur ein Wort Finnisch zu verstehen: Schwedisch wird in elf von zwölf Grundschulen gesprochen, im Gymnasium, in Geschäften und Firmen – und sogar in einer Brigade der Armee.

Die Sprache ist aber schon alles, was die Menschen in Ekenäs mit Schweden verbindet: „Schweden ist nur unser Nachbar, mehr nicht“, betont Regina Landén, Angestellte bei der Stadt. „Wir sind nicht aus Schweden, Finnland ist unsere Heimat.“ Für sie ist es längst Alltag, sich in zwei Sprachen zurechtzufinden: Denn wer für die Stadtverwaltung arbeitet, muss beide Sprachen beherrschen. Schließlich haben in einer bilingualen Stadt alle Bürger das Recht, im Umgang mit den Behörden ihre Muttersprache zu verwenden. Alle offiziellen Dokumente werden in Ekenäs gleich doppelt veröffentlicht – nur die Agenda des Gemeinderates nicht. Dessen Mitglieder sind ohne Ausnahme schwedischsprachig. Die absolute Mehrheit der Sitze hat die Schwedische Volkspartei, die landesweit nur fünf Prozent der Stimmen erhielt.

„In Ekenäs gibt es eine gewisse Ghettomentalität“, sagt der Schriftsteller und Regisseur Jörn Donner, dessen Wahlheimat die kleine Stadt an der Ostsee ist. Viele Einwohner der Stadt befürchten, dass die schwedische Mehrheit eines Tages verloren gehen könnte. Im benachbarten Hanko ist bereits mehr als die Hälfte der Einwohner finnischsprachig. Das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit sei natürlich nicht frei von Spannungen, sagt Donner. „Viele junge Leute sprechen in Helsinki Finnisch, um nicht aufzufallen.“ Unter den finnischen Muttersprachlern halten sich hartnäckig alte Vorurteile, wonach die Finnlandschweden reich seien und gern und häufig Schnapslieder sängen.

Insgesamt hält der frühere Europa-Abgeordnete Donner Finnlands Gesetze zur Zweisprachigkeit sogar für vorbildlich: „Ich glaube, dass unser System für Länder wie Estland und Lettland mit ihrer großen russischen Minderheit ein Modell sein kann.“

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