Zeitung Heute : Eine Straße, tausend Fronten

Nationalisten schreien, Wahnsinnige schießen, Menschenrechtler gehen hier zur Post – die Gesichter der Istiklal Caddesi in Istanbul

Thomas Seibert[Istanbul]

200 Anhänger hat Hüseyin Adigüzel um sich geschart, „das ist ein Feldzug“, ruft der Vorsitzende des „Vereins des nationalen Kampfes“. Die Demonstranten auf der Istanbuler Straße Istiklal Caddesi schwenken türkische Fahnen und halten ein Bild von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk hoch, ein Mädchen hat sich ganz in eine türkische Flagge gehüllt. „Wir sind alle Mustafa Kemal – Wir sind alle Türken“, steht auf einem Transparent: die Antwort der Nationalisten auf den Slogan „Wir sind alle Armenier“, der den Trauermarsch für den erschossenen armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink prägte. „Einer wie der wird nicht zum Helden, nur weil er erschossen wird“, sagt Vereinschef Adigüzel über Dink. „Die Türkei und die Türken haben jetzt einen Feind weniger.“

Istiklal Caddesi – die Straße der Unabhängigkeit, zwei Kilometer lang. Nicht nur für Adigüzel und seine Nationalisten ist das ein ganz besonderer Ort. Für viele tausend Touristen ist die von prächtigen Gründerzeithäusern, Geschäften, Restaurants, Konsulaten, Kirchen und Moscheen gesäumte Geschäftsstraße im Herzen des europäischen Teils der Stadt ein fester Bestandteil ihres Besuchsprogramms. Für den Autoverkehr ist die Istiklal Caddesi gesperrt, dafür fährt eine historische Straßenbahn bimmelnd von einem Ende zum anderen. In den Läden ist von Ramsch bis zu Edelbekleidung alles zu haben, aus den Geschäften dringt lauter Türken-Pop.

Für die Türken ist die Istiklal Caddesi aber nicht nur eine Vorzeigemeile, sondern auch eine Bühne, auf der das Land seine innere Zerrissenheit auslebt. Zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen der Türkei gebe es noch immer keinen Konsens darüber, in welchem Land sie eigentlich leben wollten, sagt der Historiker Taner Akcam. Er fühlt sich an die Weimarer Republik erinnert.

Istiklal Caddesi – die Straße der Intoleranz: Scheiben klirren, Menschen schreien, Autos werden umgeworfen, Brände brechen aus, als türkische Nationalisten am 6. und 7. September 1955 mit Knüppeln und Eisenstangen Jagd auf Griechen und andere Mitglieder nichtmuslimischer Minderheiten machen. Der Pogrom beginnt auf der Istiklal Caddesi. Menschen werden getötet, verletzt und vergewaltigt, Häuser und Kirchen geplündert. Ein muslimischer Geschäftsinhaber zieht seine Hose herunter und zeigt den Angreifern sein beschnittenes Glied, um sie davon zu überzeugen, dass er kein Ungläubiger ist. Die Polizei lässt die Angreifer gewähren. Als alles vorüber ist, sieht die Istiklal Caddesi aus wie nach einem Bombenangriff.

Die „Ereignisse vom 6. September“ nennen die Türken den Pogrom, der sich vor allem gegen die damals starke griechische Minderheit richtete. Zehntausende Griechen und Armenier wanderten nach den „Ereignissen“ aus, Istanbul hörte auf, eine multikulturelle Stadt zu sein.

Istiklal Caddesi – Straße der unbewältigten Vergangenheit: Rechtsnationalisten stürmen im September 2005 an der Istiklal Caddesi die Vernissage einer Fotoausstellung zum 50. Jahrestag der „Ereignisse“, die den Pogrom dokumentieren soll. Die Angreifer reißen Bilder von der Wand, bewerfen andere Fotos mit Eiern und schreien: „Die Türkei ist türkisch!“

Aber was genau ist das: türkisch? Viele der Gebäude an der Istiklal Caddesi, an denen die Nationalisten von Adigüzel bei ihrer Demonstration vorbeiziehen, wurden von armenischen Architekten gebaut. „Als ich zur Schule ging, hatte ich griechische, armenische und jüdische Freunde“, erinnert sich der Geschäftsmann Rahmi Koc, mit seinen 76 Jahren der Patriarch eines der größten Unternehmens der Türkei. „Aber mit den Ereignissen des 6. und 7. September haben wir die türkischen Nichtmuslime eingeschüchtert und vertrieben. Istanbul hat seinen Glanz verloren.“

Auf der Istiklal Caddesi, der Hauptachse des alten Istanbuler Ausländer-, Christen- und Judenviertels Beyoglu, zeugen die stattlichen Bürgerhäuser von diesem Glanz. Geblieben sind auch diplomatische Vertretungen von Ländern wie Frankreich, Griechenland oder Russland. Einige davon müssen heute allerdings mit Barrikaden und Polizisten vor Angriffen der Nationalisten geschützt werden.

Meistens funktioniert das, manchmal aber auch nicht. „Der Papst soll bloß wegbleiben“, schreit Ibrahim Ak im vergangenen November vor dem italienischen Konsulat in einer Seitenstraße der Istiklal. Dann zieht er eine Pistole und schießt mehrmals in die Luft. „Wie glücklich bin ich, Muslim zu sein“, ruft er noch, bevor er abgeführt wird.

Ein Polizist mit einem Schnellfeuergewehr im Anschlag bewacht den zierlichen Bau des französischen Konsulats an der Istiklal Caddesi. An der Frontseite sind Absperrgitter aufgereiht, Einsatzfahrzeuge stehen bereit. Seit die französische Nationalversammlung im vergangenen Jahr ein Gesetz verabschiedete, das die Leugnung des türkischen Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellt, gilt die Vertretung Frankreichs an der Istiklal als besonders gefährdet.

Serkan Sevim kann die Verärgerung über die Ausländer gut verstehen. Der drahtige 26-Jährige sitzt keine hundert Meter vom französischen Konsulat entfernt in der ungewöhnlich warmen Februarsonne am Taksim-Platz, dessen Atatürk-Denkmal den Eingang zur Istiklal Caddesi markiert. „Die Türkei kann sich nicht selbst regieren, sie wird von ausländischen Mächten gelenkt“, sagt Sevim. Seine schwarze Kleidung und seine militärisch kurz geschnittenen Haare, die vom gerade erst beendeten Wehrdienst bei der türkischen Armee zeugen, geben seinem Aussehen etwas Bedrohliches.

Doch Sevim ist eher deprimiert als aggressiv. Der Ex-Soldat schaut sich auf dem Rückweg vom Wehrdienst in seine südtürkische Heimat noch ein paar Tage lang Istanbul an, aber auch die weltoffene Metropole am Bosporus kann sein Misstrauen gegen alles Ausländische nicht zerstreuen. „Die wollen die Türkei ausländisch machen“, sagt er. Besonders die USA hat Sevim im Verdacht, dunkle Pläne zur Neuordnung des ganzen Nahen Ostens zu schmieden. Die Türkei nennt er ein „besetztes Land“, für den Mord an Dink macht er nicht die – türkischen – Tatverdächtigen verantwortlich, sondern das Ausland. Fremde Mächte, die nichts anderes im Sinn haben, als der Türkei zu schaden – das ist ein Feindbild, das schon die September-Pogrome der 50er Jahre antrieb und das auch heute noch bei türkischen Nationalisten wie Sevim hoch im Kurs steht. Auch bei vielen Kemalisten, den kompromisslosen Anhängern der reinen Lehre Atatürks, sind diese Verschwörungstheorien verbreitet.

Auf der Istiklal Caddesi sind rund um die Uhr Polizisten unterwegs. Selbst bei kleinen Kundgebungen vor dem Galatasaray-Gymnasium in der Mitte des Boulevards werden ganze Busladungen voller Einsatzkräfte aufgeboten. Auf dem Platz vor dem klassizistischen Schulbau versammelten sich jahrelang die sogenannten Samstagsmütter – Angehörige von Kurden, die in den Kämpfen zwischen den PKK-Rebellen und der türkischen Armee verschollen waren. Regelmäßig trieben die Polizisten die Frauen mit Knüppeln auseinander. Die Samstagsmütter galten als fünfte Kolonne der PKK. Auf dem Postamt gleich neben dem Gymnasium geben türkische Menschenrechtler bis heute ihre – in den meisten Fällen erfolglosen – Protesttelegramme gegen Folterpolizisten und andere Behördenvertreter auf.

„Wir haben uns selbst zu unseren Feinden gemacht“, sagt der Politologe Dogu Ergil: „Sunniten gegen Aleviten, Säkularisten gegen Religiöse, Muslime gegen Nichtmuslime, Türken gegen Nichttürken, Kemalisten gegen Nichtkemalisten.“ Jede Gruppe betrachtet die jeweils andere als Verräter.

In der Türkei gibt es viele Gruppen, die für sich das Recht in Anspruch nehmen, angebliche Gegner mit Gewalt zu bekämpfen: Die mutmaßlichen Dink-Mörder sind nicht allein. Der Kolumnist Burak Bekdil verweist darauf, dass es „Millionen junger Männer in diesem Land gibt, die auf Gewalt programmiert sind, wenn es um Dinge geht, die ihnen gerecht und heilig scheinen: das Türkentum, das Kurdentum, der Islam, der Säkularismus, der Nationalismus, der Faschismus, der Kommunismus“. Bekdil fasst die gesellschaftliche Stimmung seines Landes so zusammen: „Multikulti in der Türkei, das heißt: Nimm dir eine Pistole und drück ab.“

Manche nehmen das wörtlich. Mitglieder des rechtsnationalen „Vereins der Freiheitskrieger“ beugen sich bei ihrer Vereidigungszeremonie über einen Tisch, auf dem ein Koran und Schusswaffen liegen. Sie schwören, dass sie „reine Türken“ sind, und bekunden ihre Bereitschaft, für ihre Ideale zu sterben und zu töten. Der Verein will eine Liste mit 13 500 namentlich bekannten „Verrätern“ erstellt haben, die „bestraft“ werden sollen.

Istiklal Caddesi – Straße des Dschihad: An einem Novembermorgen im Jahr 2003 ist der britische Generalkonsul von Istanbul, Roger Short, auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz. Als er den Eingang des Konsulates passiert, rammen islamische Extremisten einen mit einer Bombe beladenen Kleinlaster ins Tor. Mehrere hundert Kilogramm gehen in die Luft. Shorts Leiche wird über die Straße hinweg auf eine Baustelle geschleudert.

Mehr als 60 Menschen starben bei den insgesamt vier Istanbuler Terroranschlägen von 2003, die nach Ermittlungen der Polizei von einer türkischen Zelle des Netzwerks Al Qaida verübt wurden. „Das ist nicht unsere Religion“, sagt Cüneyt Parlak, der ganz in der Nähe eine Weinkneipe betreibt. Warum türkische Muslime Terroranschläge verübten, bei denen vor allem türkische Muslime ums Leben kamen, und warum es so viele Spannungen und so viel Hass in der türkischen Gesellschaft gibt, kann sich Parlak auch heute noch nicht erklären. „Vielleicht liegt es daran, dass die Türkei zwischen Ost und West liegt“, sagt er. „Wir sind nah am Orient, aber auch nah an Europa, und deshalb schwanken wir ständig hin und her.“

Manchmal leben diese verschiedenen Teile der Türkei so abgeschirmt nebeneinander her, dass sie nichts über den anderen wissen. Safura Geron erlebt das immer wieder. In ihrem winzigen Laden an der Istiklal Caddesi kommt die 36-Jährige schnell in Fahrt, wenn das Thema auf Unwissenheit und Intoleranz kommt. Die zierliche Frau, die ihre braunen Haare zum Zopf gebunden hat, regt sich über das eindimensionale Bild auf, das viele Türken von den eigenen Landsleuten haben. „Ständig wird meine Tochter gefragt: Bist du etwa Ausländer?“ Die Gerons sind Türken, doch Safuras Tochter heißt Rakel, die türkische Form von Rachel; ihr Ehemann ist Jude, sie selbst ist Muslimin. „Die haben keine Ahnung, was ein Christ ist, was ein Jude ist, die wissen nichts darüber“, schimpft Geron.

Nicht nur deshalb ist Safura Geron eine ungewöhnliche Frau. An der Istiklal Caddesi verkauft sie Unterwäsche; sie hat Spitzen-BHs und Strapse im Schaufenster. In mancher konservativen Provinzstadt Anatoliens wäre ihr Laden undenkbar. „Wir sind hier sehr demokratisch, das hier ist Beyoglu“, sagt Geron, und der Stolz über ihren kosmopolitischen Stadtteil ist ihr anzuhören. Sie habe armenische und kurdische Angestellte, na und? „Ich will einen offenen Horizont für mein Kind“, sagt Geron. Doch entlang der Istiklal Caddesi wollen das längst nicht alle.

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