Zeitung Heute : Eine Stunde singen am Telefon

Jeden Tag aufs Neue hin und her gerissen: Hier die Firma, dort Ada, die Dreijährige. Nina Öger, Hamburger Unternehmerin, erzählt, wie sie Kind und Karriere unter einen Hut bringt

Tanja Stelzer[Hamburg]

Gestern war so ein Tag, an dem das System zusammengebrochen ist. Die Illusion, dass sich alles schaffen lässt. „Ich habe geweint“, erzählt Nina Öger, „als ich den Hörer aufgelegt habe“, und sie klingt selbst ein wenig verwundert, schwer zu erahnen, ob sie mehr wegen der Sache irritiert ist oder wegen ihrer eigenen Tränen. Den Platz in dem schönen Kindergarten, dessen Namen man sich in der Eltern-Community anerkennend zuraunt, bekommt ein anderes Kind. Ein Kind, dessen Mutter sich früher gekümmert hat, die nicht hundert Termine am Tag hat, die nicht Geschäftsführerin in einem Unternehmen mit 3000 Mitarbeitern ist, die keinen Freund in Amsterdam hat, die nicht ständig auf Geschäftsreisen nach Istanbul und Antalya muss, die im letzten Monat nicht neun Tage weg war. „Die Leute vom Kindergarten waren einfach knallhart“, sagt Nina Öger, fassungslos fast. Sie ist es nicht gewohnt, dass ihr Entscheidungen aus der Hand genommen werden.

Freitagmorgen, 10 Uhr 26, der schwarze Mercedes, Kennzeichen HH-OE, rauscht auf den Parkplatz gleich neben dem Eingang der Öger-Zentrale in Hamburg, drei Autominuten vom Flughafen entfernt. Die Chefin ist eine halbe Stunde zu spät, sie musste ein Meeting verschieben, weil Ada, dreieinhalb, noch darüber diskutieren wollte, ob ihre Lieblingspuppe Paul eine Strumpfhose braucht oder nicht, und weil die Müllabfuhr auf dem Weg zur Tagesmutter die Straße blockierte. Nina Öger schwingt durch die Drehtür, saust am Plakat mit dem Slogan „Kinder sind das Größte“ vorbei, ein Bild von einem Mädchen auf dem Arm des Vaters, Werbung für den Winterkatalog des Reiseunternehmens. Zwei Schals, grün und orange-rot, um ihren Hals gewickelt, haben Mühe, ihr hinterherzuflattern.

Gestern ist vorbei. Das Kind heißt Ada, wie Vladimir Nabokovs Heldin aus „Ada oder Das Verlangen“. Die Figuren des Romans, schreibt Kindlers Literaturlexikon, sind „den Gesetzen von Raum und Zeit entzogen“. Die Familienchronik spielt im 19. Jahrhundert, und trotzdem gibt es Hubschrauber und Autos. Auch wenn die Tochter gar nicht nach Nabokovs Buch, sondern nach dem türkischen Wort für „Insel“ benannt ist: Irgendwie passt das zu Nina Öger, die sich die Freiheit nimmt, die Gesetze der Zeit zu ignorieren.

Sie sei ein schneller Mensch, sagt sie über sich selbst, „furchtbar, entsetzlich schnell“. Aber manchmal, wenn Ada anruft, das heißt: wenn Ada die Kinderfrau bittet, die Nummer der Mutter zu wählen, „dann singen wir eine Stunde am Telefon“. Auf Reisen trägt Nina Öger immer die Kopien von Adas Lieblingsbüchern in ihrer Tasche, „Alberta geht die Liebe suchen“ und „Lena und Paul backen Lebkuchen“, daraus liest sie der Tochter abends am Telefon vor.

Nina Öger ist 31, und neben der Öger-Maschinerie betreibt sie eine zweite, die Ada-Maschinerie, deren Zweck es ist, die Tochter glücklich zu machen. An normalen Tagen läuft die Ada-Maschinerie gut geschmiert. Die Rädchen: Nanny, die Kinderfrau, die bei Nina Öger zu Hause wohnt; dann die Tagesmutter und der Fahrer, der das Kind von der Tagesmutter abholt, wenn die Mutter es nicht schafft; die Großmutter, bei der Nina Öger notfalls am Sonntag anrufen kann: „Ich mag heute keinen Spielplatz sehen. Gehst du mit Ada?“

Nina ist die Tochter von Vural Öger, dem vielleicht bekanntesten in Deutschland lebenden Türken. Unternehmer, sozialdemokratischer EU-Abgeordneter, gern geladener Talkshow-Gast bei Sabine Christiansen und Maybrit Illner, Träger des Bundesverdienstkreuzes. Übervater. In den Medien wird die Geschichte der Ögers gern so beschrieben: Der Vater geht in die Politik, die Tochter, jung, allein erziehend, übernimmt den Laden. Sie sieht es „nicht so, dass ich hier der Chef bin“; ihr Vater, „Papa“, trifft ja weiter die strategischen Entscheidungen. Sie formuliert es lieber so: „Es gibt einen erfahrenen Chef und eine superdynamische operative Einheit. Wär’ ja lächerlich, wenn ich sagen würde, ich kann das alles besser.“

Die operative Einheit ist auf dem besten Weg, prominent zu werden wie der Vater. Beide Biografien, die des Vaters und die der Tochter, erzählen moderne Märchen von einer besseren Gesellschaft. Vural Öger kam 1960 nach Deutschland, zum Studieren. Er hatte die kluge Geschäftsidee, seine Landsleute nach Hause zu fliegen. Der erste Flug startete am Tag der Mondlandung, heute ist seine Firma der fünftgrößte Reiseanbieter Deutschlands; die gesamte Öger Group hat inzwischen 4100 Mitarbeiter in verschiedenen Ländern. Nina Ögers deutsche Mutter, lange schon von Vural Öger getrennt, ist noch immer für die Finanzen des Unternehmens zuständig. Tochter Nina, internationales Betriebswirtschaftsstudium, Arbeit bei einer Investmentbank, seit 1999 in verschiedenen, auch leitenden Positionen bei Öger, schließlich Geschäftsführerin der Öger Group Deutschland, ist die junge Frau, die viel will und alles bekommt: Karriere und Kind. Die „Bild“-Zeitung nominiert sie als eine der „100 Hamburger Top-Frauen“. Der „Stern“ ruft an, wenn er ein Statement zu der Frage braucht, ob Deutschland reif ist für eine Kanzlerin. „Brigitte“ porträtiert die „Macherin“.

Ada ist kein geplantes Kind, „ein Wunschkind aber schon“, sagt Nina Öger und windet sich ein bisschen. „Nur nicht zu diesem Zeitpunkt.“ Das in solchen Fällen gern gebrauchte Wort „Unfall“ mag sie überhaupt nicht. Am Anfang der Schwangerschaft, als die Müdigkeit sie raubkatzenartig überfällt, schläft sie im Büro auf der grauen Auslegware. Am Freitag geht sie noch zur Arbeit, für Montagmorgen um sieben ist, aus medizinischen Gründen, der Kaiserschnitt-Termin angesetzt. Schwester Elke fragt noch im Kreißsaal: „Wir stillen doch, Frau Öger?“ Schwester Elke würde keine andere Antwort zulassen. Also stillt Nina Öger. „Nach zehn Monaten war ich am Ende.“

Sie ist anders als die Mütter vom Babymassagekurs, das merkt sie schnell. Haus mit Garten, und abends, hallo, Liebling, kommt der Mann nach Hause, das ist ein Leben, das sie bloß aus der Beobachtung kennt. Adas Vater ist ein türkischer Hotelier. „Bei uns hat der Trennungsprozess schon während der Schwangerschaft angefangen.“ Als das Kind da ist, gibt sie sich drei Monate Zeit zum Nachdenken, drei Monate, in denen das Paar unvermeidlich auf das Aus zusteuert, sie passen eben nicht zueinander: „Ich war mir selbst genug, und man bleibt doch nicht zusammen wegen eines Kindes.“ Sie schiebt kein fragendes „Oder?“ hinter solche Sätze, sie sucht nicht nach Zustimmung, vielleicht ist es dieses Selbstbewusstsein, das manchen anderen Frauen fehlt. Es kommt vor, dass sie mitten im Interview unterbricht und fragt: „Was gucken Sie mich so an? Ja, ich hab’ noch einen Babybauch!“ Dann zupft sie an ihrem Jackett, das viel zu eng sitzt, und redet weiter.

Ein Jahr lang „totale Konzentration auf das Kind“, ungezählte Kinderwagenrunden um die Alster, der Wind weht die Frage an: „Was mache ich jetzt?“ Nur noch Ada, das ist ihr zu wenig und gleichzeitig zu viel; sie findet es „auch nicht förderlich für das Kind“. Nina Öger fragt ihren Vater, ob er nicht wieder einen Job für sie habe. Sie bekommt ein Hinterzimmer und entwickelt den neuen Öger-Exclusive-Katalog. Wenig später ist sie, neben ihrem Vater und ihrer Mutter, Geschäftsführerin. Zu Hause ist inzwischen Nanny eingezogen, die Kinderfrau. Außerdem meldet Nina Öger die Tochter bei einer Tagesmutter an, wo es einen Hund gibt und andere Kinder. „Socialising program“ nennt Nina Öger das. Wenn Ada keine Lust auf socialising hat, sondern lieber zu Hause mit Fingerfarben malen will, darf sie bei Nanny bleiben. Ada geht ins Bett, wann sie will, und wenn die Mutter nicht unterwegs ist, schlafen die beiden gemeinsam im Doppelbett, „weil ich mich nicht trennen kann“, wie Nina Öger sagt. „Das liegt auch an meinem Egoismus.“

Böse gefragt: Warum braucht eine, die mit ihrem Job zwei Terminkalender füllen könnte, unbedingt noch ein Kind? Sie hat darüber noch nie nachgedacht, sagt Nina Öger. Kinder sind für sie eine Selbstverständlichkeit, auch wenn sie beim Anblick all der Buggy-schiebenden Nur-Mütter oft denkt, so ein Leben würde sie nicht ausfüllen. Es gibt keine Person, die ihr näher ist als Ada: „So viel Liebe zu empfinden, war vorher unvorstellbar.“

Sonntagmorgen bei Nina Öger zu Hause. Eine geräumige Altbauwohnung im edlen Hamburg-Hohenfelde, das Parkett stöhnt unter den Tritten eines Paars pinkfarbener Turnschuhe, Größe 25. Weiße Sofas – mutig für einen Haushalt mit Kleinkind –, Acrylregale in poppigen Farben, edles Design und ein bisschen Kitsch: ein Haushalt ohne Männer, das sieht man. Im Fernseher laufen die „Teletubbies“ auf Türkisch.

Ada, porzellanblasses Gesicht, drahtige braune Locken, pellt sich ein Ei. Nina Öger schneidet es ihr in Scheiben. „Oder magst du lieber Stücke?“ Adas Anwesenheit schüttet Sahne in ihre Stimme. Auf dem Sessel sitzt Nanny, die Kinderfrau. Ada klettert nun auf ihren Schoß, Nanny strahlt, die beiden kuscheln. „Sie ist Adas Sonne im Herzen“, sagt Nina Öger. Nanny ist „keine Angestellte, die auf meine Tochter aufpasst, während ich mich selbst verwirkliche“, sie ist ein Familienmitglied, entfernt mit den Ögers verwandt. Nanny – ihr deutsches Vokabular besteht aus nicht viel mehr Worten als ja, nein, bitte und danke – gibt Ada Geborgenheit. Sie ist die Konstante in ihrem Alltag und vermittelt dem Kind, ganz nebenbei, Kultur und Werte der Türkei. Mit Ada spricht sie Türkisch, schaut türkische Bilderbücher an. Und wer bei „türkischen Werten“ vor seiner inneren Leinwand Szenen aus Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ auftauchen sieht, wer an Kopftücher denkt und an Brüder, die mehr auf ihre kleinen Schwestern aufpassen, als die kleinen Schwestern es sich wünschen würden, liegt völlig falsch. Für Nina Öger hat „jede Tradition etwas Ideologisches“. Ein Kopftuch hat sie zum letzten Mal vor anderthalb Jahren getragen, als sie bei einer Pressereise eine Moschee besichtigte. Einmal, in Hamburg, fordert ein Hodscha sie bei einer Beerdigung auf, die Haare zu bedecken. Da streckt sie ihm den Schopf mit den braunen Locken entgegen und verlangt, er solle ihr die Sure im Koran zeigen, die eine Kopfbedeckung für Frauen vorschreibt.

Nina Öger, als Kind wurde sie getauft, ist in einer liberalen Familie aufgewachsen; Frauen, die sich verschleiern, Brüder, die Ehrenmorde begehen, Zwangsverheiratungen, all das gab es nicht in ihrem Milieu. Die Mutter deutsch, der Vater aus einer Offiziersfamilie in Istanbul – kulturelle Hürden musste sie in Deutschland nie überwinden. Sie glaubt, einige Migranten in Deutschland hätten sich eine Vorstellung von einer Gesellschaft bewahrt, die es selbst in der Türkei längst nicht mehr gibt. Dass allein in Berlin zwischen Herbst 2004 und Frühjahr 2005 fünf Ehrenmorde gezählt wurden, nimmt sie ungläubig zur Kenntnis: „Das ist Wahnsinn, ganz eindeutig.“

Wenn es bei den Ögers so etwas wie Familienehre gibt, dann ist es vielleicht eher der Auftrag, gegen Klischees über das Leben in der Türkei zu kämpfen. Für sie ist die Türkei ein Land, in dessen zwei größten Konzernen die Töchter der Firmengründer wichtige Funktionen innehaben. Ein Land aber auch, in dem manche Eltern ihre Töchter nicht in die Schule schicken. Pro Buchung spendet Öger Tours 50 Cent für das Unicef-Projekt „Schule für Mädchen – Schule für alle“.

Wenn sie in Deutschland ein Interview über ein Wirtschaftsthema gibt, erzählt Nina Öger, werde sie immer gefragt, wie sie das eigentlich mache mit dem Kind. In der Türkei gebe es in dieser Hinsicht eine größere Selbstverständlichkeit: „Ich gebe das Interview, und erst wenn das Band aus ist, erkundigt sich der Journalist, wie es denn der Tochter geht.“ In Deutschland wird sofort eine Debatte ums Kinderkriegen in Gang gesetzt, sagt Nina Öger. „Hier ist alles immer gleich eine Gesellschaftsfrage!“ Sie mag dieses deutsche Problematisieren nicht, so wie sie keine Mitarbeiter mag, die Sätze mit den Worten „Es gibt ein Problem“ beginnen.

Im Hause Öger war es keineswegs ausgemacht, dass Nina einmal das Unternehmen leiten würde. Sie hatte sich lange Zeit nicht sonderlich für Wirtschaft interessiert, wollte eher Modedesignerin werden. Vural Öger hat nun jedoch erstaunt festgestellt, dass seine Tochter „mit zunehmenden Jahren ein Dynastiedenken entwickelt hat“. Mit 29 Geschäftsführerin, das ist mehr, als andere, die ihr schon immer viel zugetraut haben, gedacht hätten.

Auf Kritik am Modell Kind und Karriere antwortet Nina Öger gern mit einer Frage: „Wenn ich nicht glücklich bin, wie soll mein Kind glücklich sein?“ Ist sie das denn: glücklich? Ihre Reaktion darauf überrascht zunächst ein wenig. Als sie gerade wieder angefangen hatte zu arbeiten, erzählt sie, da ging es ihr überhaupt nicht gut, „richtig mies“ sogar. „Es war nicht richtig, wenn ich im Büro war, und es war nicht richtig, wenn ich zu Hause war.“ Sie hatte das Gefühl, unzureichend zu sein, als Mutter und als Chefin. Den ganzen Tag war sie nur am Grübeln, sie konnte nicht mehr schlucken, glaubte, dass sie krank würde. Im Flugzeug bekam sie Panikattacken, meinte plötzlich, ersticken zu müssen. „Ich dachte, wenn mir was passiert, dann bricht die ganze Welt zusammen.“ Panikanfälle sind eine Krankheit, die vielfach etwas mit Erfolg zu tun hat. In Deutschland leidet Studien zufolge jeder Zehnte unter einer Angststörung, fast immer ausgelöst durch anhaltenden Stress.

Mit der Zeit verschwand die Empfindung einer grundlegenden Krise. Geblieben sind die Panikattacken. Die einzige Möglichkeit, sich dann zu beruhigen, sind Kreuzworträtsel. Sie hatte einen Arzt nach dem anderen konsultiert, keiner konnte ihr helfen. Der achte Mediziner schickte sie zu einem Psychologen. In diesem Moment dachte sie: Für so etwas habe ich keine Zeit. Heute bespricht Nina Öger ihre Ängste lieber mit sich selber.

Nina Öger erzählt vom letzten Wochenende. Am Samstagabend gegen acht, Ada lag schon im Bett, der letzte Flieger nach Amsterdam war weg, da befiel sie eine Höllensehnsucht nach ihrem Freund. Sie rief ihren Fahrer an und bat ihn, sie so schnell wie möglich nach Amsterdam zu bringen. Nach dreieinhalb Stunden war sie da. Von Ada hatte sie sich nicht einmal verabschiedet. Am Montagmorgen fliegt Nina Öger von der holländischen Hauptstadt direkt nach Frankfurt, zu einem Termin. Sie ist erst kurz nach Mitternacht wieder in ihrer Wohnung in Hamburg. „Manchmal muss man das machen, was für einen selbst wichtig ist. Wenn ich daran zerbreche, dass ich meinen Freund nicht sehe, bin ich kein guter Konterpart für Ada auf dem Spielplatz“, sagt sie.

Auf dem Flug von Amsterdam nach Frankfurt ist sie frei von Panik, zum ersten Mal. Ein Flug ohne Kreuzworträtsel. Für ein zweites Kind, sagt sie, wäre in ihrem Leben auch noch Platz.

Der stark gekürzte Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch „Die Unmöglichen. Mütter, die Karriere machen“. Es erscheint kommenden Dienstag beim Diana Verlag und porträtiert elf Frauen, die den Spagat zwischen Kindern und Beruf geschafft haben.

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