Zeitung Heute : Eine Suchmaschine brachte die Gewißheit ...

MATILDA JORDANOVA-DUDA

Datum: Samstag, 10.April 1999, 3:26.Betreff: "you must read this because it is unbelievable", fand die Berlinerin Salomea Genin in ihrer Mailbox."Ich muß dir unbedingt folgendes mitteilen", schrieb ihre Freundin aus den USA, Melissa Gould, "weil es ein Beispiel des Guten des Internets ist, seines Potentials und der unglaublichen Möglichkeiten, Leute auf eine Art und Weise zusammenzubringen, die früher undenkbar war."

Anfang April hat Gould, Künstlerin aus New York, eine E-Mail von einer wildfremden Engländerin bekommen."Hi Melissa", schrieb die Unbekannte, "ich war erschüttert, den Namen des Großvaters meines Freundes auf der Liste des Transports Nr.42 nach Auschwitz auf deiner Homepage zu entdecken.Mein Freund Elliot hat sein Leben damit verbracht, sich zu fragen, was mit seinem Großvater passiert ist."

Sarah und Elliot waren dabei, das Internet nach Informationen über den Holocaust zu durchkämmen, als sie auf Melissas Installation "From Adler to Zylber" stießen.Aus tausend Namen, die auf der Liste des Transports Nr.42 von Drancy nach Auschwitz standen, hatte Melissa Gould hundert Namen deutscher Herkunft zu Piktogrammen verarbeitet.Die Namen stellen Naturelemente dar - von A für Adler bis Z für Zylber (Silber) - schwarz umrandet wie eine Todesanzeige."Grabsteine für Leute, die keine Beerdigung gehabt haben", erklärt Gould ihr Projekt, zu besichtigen unter http://www.echonyc.com/~mego/az.html .Die Liste ist dem Buch von Serge Klarsfeld "The Memorial to the Deportation of the Jews from France" entnommen.Zu den Personen, die mit dem Transport Nr.42 nach Auschwitz kamen, gehörte Melissas Großvater, ein Jude aus Wien.Nach der Ankunft wurde er sofort vergast.

Nun wollte auch Elliot Gewißheit.War sein Opa tatsächlich derjenige S.von Transport Nr.42? Melissa hat für Elliot die vollständige Liste durchgesehen: Die Angaben stimmten überein.Der Jude E.S.aus Österreich war damals 51 Jahre alt, und wahrscheinlich ist er wie die meisten Über-50-Jährigen sofort in der Gaskammer umgebracht worden.Melissa mailte zurück.To: sarah."Es tut mir so leid, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein, aber ich weiß, wie wichtig es ist, die Fakten über diese Tragödie zu kennen.Mein Vater hat wie Elliot nie die Details des Verschwindens seines Vaters erfahren können.Ich habe diese Liste zufällig in Berlin entdeckt, wo ich vor 12 Jahren gelebt habe und war endlich in der Lage, meinem Vater eine klare Antwort auf die unausgesprochenen Fragen zu geben.Für ihn war es eine Erleichterung, einen Schlußstrich unter diese Geschichte zu ziehen".

Elliot nahm die Nachricht aus dem Internet mit derselben Mischung aus Erleichterung und Traurigkeit auf.Für seinen Vater kam sie jedoch zu spät, er war nach einer vergeblichen Suche nach der Wahrheit gestorben.Den vermißten Vater hatte er zuletzt im Alter von neun Jahren gesehen, bevor er und sein Bruder 1939 zu einer jüdischen Familie in London geschickt wurden.Der letzte Lebenszeichen war eine Postkarte aus Frankreich, in der Elliots Opa schrieb, er versuche auf diesem Weg nach England zu kommen.

Er kam nicht.Die Spuren von Melissas Großvater verloren sich ebenfalls in Frankreich.Er hatte Wien nach der Reichskristallnacht zusammen mit seinem Sohn Richtung Südfrankreich verlassen, der Rest der Familie fuhr nach England.1941 konnte der Sohn ein Schiff nach Amerika besteigen.Der Vater versprach, bald hinterher zu kommen.Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört.Melissas Vater wollte Europa nie wieder sehen: "Es hat mich soviel gekostet, da wegzukommen, warum soll ich nun dahin?"

Melissa dagegen hat sich mit ihrem Internet-Projekt auf die Spuren der Vergangenheit begeben.Elliot geht nun denselben Weg.Er hat an das Internationale Rote Kreuz geschrieben, um die Einzelheiten der Verhaftung und der Deportation in das Lager Drancy zu klären und sich mit dem Auschwitz-Museum in Verbindung gesetzt.Eines Tages wird er bestimmt nach Wien reisen, um wie Melissa die alten Adressen aufzusuchen.Der Tag, als Elliots Suchmaschine auf einer der tausend Web-Seiten über den Holocaust unverhofft auf den ersehnten Namen seines Großvaters getroffen war, hat sein Leben umgekrempelt.

Melissas letzte E-Mail an Sarah und Elliot: "Es ist, als ob die alten schwarz-weißen Fotos, die ich in einem Umschlag im Schrank aufbewahrte, plötzlich in Fleisch und Blut vor mir standen."

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