Zeitung Heute : Eine Tragödie mit menschlichen Zügen

DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER Wladimir Kaminer schreibt für Prokofjews „Iwan der Schreckliche“ einen eigenen Text – und tritt als Sprecher, Zar und Narr auf.

Seine Texte schreibt er schon mal auf einem Bierdeckel. Am Ende verwandelt sich der sanftmütige Autor in Wladimir, den Schrecklichen.
Seine Texte schreibt er schon mal auf einem Bierdeckel. Am Ende verwandelt sich der sanftmütige Autor in Wladimir, den...

Wladimir Kaminer zählt schon die Tage. Am 21. Dezember fährt er mit seiner Frau Olga und den beiden Kindern nach Brandenburg in seine Datscha, um dort eine kleine Weltuntergangs-Party zu feiern. „Das Ende der Welt ist schon länger ein großes Thema in Russland“, erzählt er amüsiert. Nicht nur 1991, als die Sowjetunion zerfiel. Auch danach kursierten die verschiedensten Untergangsszenarien. Derzeit im Angebot ist ein Set für den Tag X. „Es enthält Kerzen, Buchweizen, Wodka, Seife und ein Seil“, sagt Kaminer, der ja mittlerweile der Experte ist für alle russischen Eigenheiten. Und auch selber gut gewappnet ist, so dass man davon ausgehen kann, dass er die drohende Apokalypse überlebt.

Er hat ja auch noch viel vor. Im Januar wird der Autor erstmals mit Tugan Sokhiev und dem Deutschen Symphonie-Orchester zusammenarbeiten. Der neue Chefdirigent bringt an zwei Abenden Prokofjews Oratorium „Iwan der Schreckliche“ auf die Bühne. Kaminer fällt dabei eine wichtige Rolle zu: Er schreibt derzeit eine eigene Textfassung – und er wird „in drei Dimensionen“ auftreten: als Sprecher, Zar und Narr.

„Bei jedem Diktator suchen die Russen nach den Wurzeln“, sagt Kaminer. Und da stößt man dann auf Iwan IV., der das russische Imperium begründet hat. Der Erfinder der „Russendisko“, der seit 1990 in Berlin lebt, hat sich früher intensiv mit der russischen Geschichte auseinandergesetzt. „Er wollte aus Moskau das ,dritte Rom’ machen – und war mit Sicherheit ein Vorbild für Stalin“, sagt er über den Usurpator, der eigentlich „Der Bedrohliche“ heißen müsste.

Sergej Eisenstein drehte in den Jahren 1942 bis 45 einen zweiteiligen Film über Iwan Grosny. Der Befehl kam direkt aus dem Kreml. Der erste Teil zeigt den Aufstieg des Zaren, der zweite Teil aber spielte auf Stalins Schreckensherrschaft an und wurde zunächst verboten. „Prokofjew hat die Filmmusik komponiert, nachdem er evakuiert wurde“, erzählt Kaminer. „Sie ist stark von den Ereignissen vom Beginn des Zweiten Weltkrieges beeinflusst.“ Dem opernhaften Pathos wird er aber seine eigene Vision entgegensetzen. Für Kaminer ist Iwan der IV. auch eine komische Figur. „Seine Vorhaben waren groß und schön“, verkündet er im Propagandaton. „Aber alle seine Pläne scheiterten an der Schwäche des menschlichen Materials. Die Menschen trugen seine Ideen nicht weiter. Die Frauen starben ihm weg.“ Da finden sich durchaus Parallelen zu Stalin: „Auch die wunderbare Idee des Kommunismus scheiterte immer wieder an der Unwilligkeit der Bevölkerung, sich ihr hinzugeben.“

Kaminer eilt nicht nur der Ruf voraus, ein begnadeter Geschichtenerzähler zu sein – berühmt ist er vor allem für seinen Schelmenhumor. „Es war die dringende Bitte des Dirigenten, dass ich nichts Lustiges schreibe“, sagt er und lächelt verschmitzt. Versucht hat er es: „Die paar Zeilen, die ich geschrieben habe, machen daraus fast schon eine traurige Geschichte. Wenn man das Pathos in klaren und nüchternen Texten auflöst, dann bekommt diese Tragödie plötzlich sehr menschliche Züge.“ SANDRA LUZINA

Philharmonie: Premiere 12.1., 20 Uhr

Weitere Vorstellung 13.1.

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