Zeitung Heute : Eine unbezahlbare Truppe

Sie verdienen kein Geld mehr, sie sind Rentner. Aber Arbeit haben sie trotzdem – zu Hause, mit den Enkeln, als ehrenamtliche Helfer. Sie tun, wofür die Jungen keine Zeit haben, und sorgen sich noch, dass sie ihnen einmal zur Last fallen könnten. Ein Besuch in der Welt der Alten.

Nadja Klinger

Gerd Schröter steckt in einem Pullunder. Der Pullunder ist quietschgelb und spannt über dem Bauch. Schröter sieht aus wie die Sonne. Er taucht morgens im Vereinshaus auf und zieht dann seine Bahn. Zack, zack, zack. Er macht kurze Schritte. Er wird „der Kleene“ genannt. Schröter ist das Sonnenscheinchen. Er setzt sich ans Ende der langen Frühstückstafel, rührt im Kaffee, belegt ein Brötchen mit Käse und kaut. Während die anderen am Tisch schnattern, insbesondere die Frauen. Es geht um alles Mögliche. Schröter würde sagen: Es geht immer um die, die nicht anwesend sind. Wie im Kindergarten, würde er sagen. Aber er sagt nichts. Er strahlt.

Oft wird er auch „unser zweiter Vorsitzender“ genannt. Das klingt dienstlich. Dabei ist niemand dienstlich hier. Nach dem Frühstück werden die Kisten mit den Zeitschriften an den Tisch gehievt. Jeder hat zu tun, bis 1400 Hefte adressiert, gebündelt und ins Auto geladen sind. Vierzehn Leute sind heute da. Gretel und Gerti gehen in die Küche. Der zweite Vorsitzende ist für den Überblick zuständig. Bei Eva da an der Tischecke kommen sie nicht so schnell voran, auch wenn Grobi, der alte Siemens-Indianer, sie lautstark antreibt. Aber sie werden einige Stunden brauchen. Arbeit würden sie es trotzdem nicht nennen. Sie sind Rentner.

Sie sind die, über die in der letzten Zeit so viel geredet wurde. Die mit den Dauerwellen und Perlenketten. Wenn Rentner die Wohnung verlassen, gehen sie aus. Sie erwirtschaften kein Geld mehr, aber der Staat schuldet ihnen die Rente, die er versprochen hat. Sie sind viele. Zu viele. Selbst wenn das Versprechen so gut wie gehalten wird: Rentner sind ein Problem. Die Gesellschaft überlegt, wie sie mit ihnen fertig werden soll. Sie sind raus.

Aus Lust und Laune kommen sie durch den Regen zum Deutschen Alpenverein in Berlin-Charlottenburg. Bis zum Mittag kleben die Rentner Adressen auf Zeitschriften, am Nachmittag wird gebündelt, gegen Abend karren sie die Bündel zur Post. „Berlin Alpin“ heißt das Vereins-Heft, das sie vertreiben: ein Bergsteigermagazin für die flache Hauptstadt. Jeder steckt sich vorm Heimgehen noch drei Exemplare ein, um sie dann als Werbung liegen zu lassen. Beim Orthopäden, beim Kardiologen, im Taxi.

Obstler ist Rentnerbenzin

„Wir bringen Leben in die Bude“, steht auf den Alpenverein-Stickern, die sie auf ihre alten Koffer kleben. Die Koffer stehen in Pensionen herum, während die Rentner durch die Alpen wandern. Grobi geht mit seiner Eva voraus. Er macht Tempo. „Wir müssen das Ziel erreichen.“ Das Ziel sind zwölf Kilometer am Tag. Manchmal steigen die Männer auf einen Berg und die Frauen warten unten. 1994 sind sie noch alle zusammen 25 Kilometer gelaufen. Das ist lange her. Nur geschnattert wird immer noch wie damals. Erst wenn’s bergauf geht, hört man die Frauen nur noch atmen. Dann wird’s richtig schön für Gerd Schröter, der sich immer am Ende der Wandergruppe hält. Er lauscht auf den Wind und das Knirschen unter den Sohlen. Er mag nicht, wenn die Frauen sich die Kräfte nicht einteilen und dann mosern. Aber er mag es, mit ihnen Pausen einzulegen und zu tanken. Obstler ist Rentnerbenzin.

Abends trinken sie Bier oder Rotwein. Die Frauen schnattern immer noch. Lediglich die Ehefrauen sind ein bisschen zurückhaltender, weil bei den Paaren genau festgelegt ist, zu welchem Thema der Mann etwas zu sagen und die Frau zu schweigen hat. Im Großen und Ganzen reden Männer weniger. Mitunter stoßen Fremde zur Gruppe und wandern mit. Manche kommen nie wieder. „Wir sind nicht immer vom Feinsten“, sagt Schröter. Er meint die Damen. Die Damen sind stark in der Überzahl. Sie überleben die Männer. „Sie sind wirklich nett, wenn man sie streichelt.“ Und wenn nicht? „Dann haben wir Kratzbürsten.“

Schröter kam als junger Mann zum Alpenverein. Er wollte klettern, mit Händen, Füßen und Sicherungsmaterial. Dann hat er in Lichtenrade jahrelang ein Haus gebaut und konnte nicht trainieren. Jetzt macht er mit den anderen Rentnern Bergtouren. Kurze Ausflüge, Wochenendwanderungen und Urlaub im Gebirge. Gesundheitliche Probleme verschweigen sie einander. Frauen werden heute viereinhalb und Männer drei Jahre älter als noch 1960. Grund, sich zu freuen. In den politischen Debatten der letzten Wochen aber hieß es, das habe dramatische Auswirkungen. Politische Debatten werden emotionslos geführt. Sie zeigen, dass niemand sich freut. Wenn sie so durch Österreich ziehen, durch Italien, den Harz oder das Elbsandsteingebirge, wenn sie sich frisch halten und ihre Wangen erblühen lassen, reißen die Wanderer ein immer größeres Loch in die Rentenkassen.

Viele von ihnen haben ihr Leben auf den Alpenverein ausgerichtet. Sie waren verwitwet und schon Rentner, als sie hierher kamen. Sie haben Kinder, Verwandte, aber die Wandergruppe ist ihr Zuhause. Hier sind sie unter sich. Die Jüngeren im Verein klettern lieber. Sie kommen nicht ins Vereinshaus, spielen nicht mit, basteln keinen Weihnachtsschmuck und haben schon gar kein Interesse an Versammlungen. Bei der letzten Vereinssitzung hat die Rentner-Wandergruppe allein über Satzungsänderungen abgestimmt. 17 Mitglieder haben für 1500 entschieden. Im Impressum von „Berlin Alpin“ ist auch nur Gerd Schröters Telefonnummer. Die Jugendredaktion, steht geschrieben, ist zurzeit nicht besetzt.

Ihr Freund, der Computer

Rund 400 000 Mitglieder hat der Deutsche Alpenverein. Jährlich werden es 20 bis 30 Prozent mehr. In Berlin gibt es vier Sektionen, die Charlottenburger nennt sich AlpinClub. Die Mitglieder wollen vor allem klettern. Aber wer macht den Schreibkram? Die Abrechnung? Wer putzt das Vereinshaus? Die Alten tun, was sie können. Arbeiten die Jungen nur, wenn bezahlt wird? Wer nicht bereit ist, ein Amt zu übernehmen, der weiß nicht, was Pflicht ist, steht auf der ersten Seite des aktuellen Bergsteigermagazins. Konfuzius. Nicht dass die Rentner vom Alpenverein auf chinesische Philosophen stehen. Aber wie spricht man junge Menschen an, die davon ausgehen, dass man auf ihre Kosten lebt? Da lassen sie lieber Konfuzius reden.

Gerd Schröter, der zweite Vorsitzende, ist seit 30 Jahren im Vorstand des AlpinClubs. Er telefoniert täglich mit dem ersten Vorsitzenden. „Kurzer Dienstweg“, nennt er das. Seit Jahren macht er auch das Magazin: schreibt Texte, fotografiert, rezensiert Fachliteratur. Lediglich bei Gerd Schröters Geburt in Britz ist ihm von der Mutter, der Großmutter und der Hebamme geholfen worden. Dann hat er sich allein durchgewurschtelt. Er war bei der Post und bei der Telekom. Die Digitalisierung des Fernsprechverkehrs kam, und sein Amt wurde aufgelöst, die Mitarbeiter verteilt. Da hatte Schröter 35 Dienstjahre und ist in den Ruhestand gegangen. Er hat seinen Garten umgestaltet. Hat Schienen gelegt. „Lehmann Gartenbahn Spur 1“. Die Loks stehen in der Vitrine im Wohnzimmer. Das Wetter reißt die Schienen immer wieder auseinander, trotz Betonfundament. Die Welt bewegt sich, also bewegt Schröter sich auch. Er will alles mal gemacht haben. In den Polstern seines Wohnzimmers stehen die Kissen, die er bestickt hat. Er hat einen Teppich geknüpft und in etwa 1000 Stunden einen Gobelin gefertigt. Er hat Keyboard gelernt, Stereofotografie gemacht und Videos von den Wanderungen. Wenn jemand seine Loks fahren sehen will, rackert Gerd Schröter tagelang: repariert die Unfallstellen und säubert die Schienen. Seine Rente? Ach ja, die Rente, dieses Geld, das den Alten, so diskutieren die Jungen, nicht zusteht. „Ich kann mir kein Haus auf Florida kaufen“, sagt er. „Das wollte ich aber auch nie.“

Gerti hingegen hat Angst. Die Renten werden eingefroren, die Kosten steigen. Gerti ist Schriftführerin im Verein. Sie hat jetzt den Computer, das fremde Wesen, zum Freund. Aber die Freundschaft ist nichts gegen das, was sie mit den Rentnern verbindet. Gemeinsam freunden sie sich mit dem Leben an, das sie gelebt haben. Gerti hat, wie viele Frauen nach 1945, an einen deutschen Soldaten geschrieben, der in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war. Sie kannte Kuno nicht persönlich. Nach Jahren, vor ihrer Hochzeit, hat sie seine Briefe verbrannt. „Zwei Männer, das war unmöglich“, sagt Gerti. 50 Jahre vergingen und sie saß im Vereinshaus an ihrem Computer. Da hat sie ins Internet gesehen. Bei einem Schwarzwälder Wanderverein blieb sie hängen. Am Telefon hat sie gestottert. „Meine Gerti!“, hat Kuno am anderen Ende gerufen.

Gerti würde helfen, wenn jemand gern im Verein wäre, aber den Beitrag nicht zahlen könnte. „Das gesteht dir keiner!“, meint Helga. Sie reden hier über alles, aber nicht über Geld. Niemand weiß vom anderen, ob er zurechtkommt. „Die Geldsorgen junger Menschen können noch vergehen. Bei uns ändert sich nichts mehr“, sagt Helga. Sie ist auch noch im Zauberverein. Sie hat einen Strick in der Tasche und pustet den Knoten weg. „Wozu sollen wir also reden?“ Grobi fällt ihr ins Wort: „Wir klagen nicht, weil wir viel beschissenere Zeiten erlebt haben!“ – „Das heute kannste mit uns doch nicht vergleichen“, sagt Eva. „Wir hatten viele Kinder! Ohne Kindergeld,“, ruft Grobi. „Wir haben eine einzige Banane durch vier geteilt!“

Sie streiten gern. Aber so alt wie Helgas Puste-Trick ist ein Gedanke, der sie miteinander verbindet wie ein fester Knoten: der Gedanke daran, dass sie zum Pflegefall werden könnten. Darniederzuliegen und nicht mehr sie selbst zu sein – gegen diese Vorstellung können sie nicht anwandern. Sagen sie. In Wahrheit bedenken sie wohl auch, dass die Pflege ihren Kindern möglicherweise zur Last werden könnte. In Wahrheit schützen sie nicht sich selbst, sondern, bis zum Schluss, ihre Kinder. Gerti hat ein Patiententestament hinterlegt. Ihr Leben soll nicht „unnötig“ in die Länge gezogen werden. Gretel will das auch machen, „Vordrucke gibt’s bei McPaper“, sagt Gerti. Sie werden viel gekauft. Patiententestamente sind bei den Alten das, was die Jungen „neuste Mode“ nennen. Gretel denkt an ihr Vorhaben und sieht zufrieden aus. Sie wischt über den Küchentresen, faltet Lappen und Tücher auf Kante. Sie dreht sich zu Gerti um und fragt, was sie in guten Momenten immer fragt: „Würdest du deinen Mann wieder heiraten?“ Gerti, die ebenfalls Witwe ist, nickt. „Ich auch“, sagt Gretel. Der Moment wird noch besser. Gerti sagt: „Und einen Neuen? Kannst du dir das vorstellen?“ – „Nicht mit mir in einer Wohnung“, sagt Gretel. Sie nimmt noch mal den Lappen. Wischt. Faltet. Sie strahlt wie Gerd Schröter, das Sonnenscheinchen. „Nicht nochmal Putzfrau sein.“

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