Zeitung Heute : Eine verdienstvolle Aufgabe

Top-Manager geraten immer mehr in die Kritik: Ihre Erfolge sind wechselhaft, ihre Gehälter aber traumhaft. Weil an ihren Leistungen mehr hängt als das bloße Wohl oder Übel eines Unternehmens, wollen Politik und Wirtschaft jetzt einiges ändern.

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Von Martin Gehlen

und Antje Sirleschtov

Henning Schulte-Noelle von der Allianz: Minus 62,8 Prozent. Klaus-Peter Müller, Commerzbank: Minus 98,1 Prozent. Albrecht Schmidt, Hypo Vereinsbank: Minus 16,4 Prozent und auch Dietmar Kuhnt, RWE, nur mit mageren vier Prozent. Wer glaubt, dass das Konjunkturtief gewaltige Löcher in die privaten Geldbeutel der deutschen Top-Manager gerissen hat, der irrt. Ganz im Gegenteil. Während die Gewinne von Allianz, Commerzbank, Hypo Vereinsbank und RWE im vergangenen Jahr zum Teil drastisch ins Minus gerutscht sind, stiegen die Gehälter dieser Vorstände beachtlich an.

Sparpläne, Personalabbau, Rekordverluste und sinkende Aktienkurse auf der einen, Gehaltsmaximierung in den Vorstandsetagen auf der anderen Seite: Seit ein paar Monaten spitzt sich in Deutschland die Debatte um die Einkünfte deutscher Führungskräfte und ihre Leistungen zu. Noch vor drei Jahren sprach kaum jemand davon, dass der Durchschnittsverdienst deutscher Facharbeiter und Angestellter wenn überhaupt, dann nur mäßig anstieg, während sich die Einkommen der Vorstände allein zwischen 1998 und 2000 um 64 Prozent nach oben schraubten. Die Börsen boomten und in den Depots der Kleinaktionäre sammelten sich so erkleckliche Summen an, dass Neid erst gar nicht aufkam.

Doch jetzt wendet sich das Blatt: Seit die Personalabteilungen mit Lohnerhöhungen knausern und kaum noch jemand den Urlaub mit Aktienverkäufen finanzieren kann, richtet sich der kritische Blick von Anlegern und Belegschaft wieder in Richtung Top-Management. „Unverschämtheit“ titeln die Kommentatoren über Millionengehälter und fette Aktienoptionen. Moral und Anstand fordern Politiker in Sonntagsreden, und so mancher ruft schon nach dem Gesetz, das die Gehälter der „Abzocker in den Führungsetagen“ nach oben begrenzt.

Amerika ist bei dieser Diskussion weiter. In den USA waren sie die Helden der Nation, die Halbgötter der Wirtschaftswelt. Von Schriftstellern verherrlicht, von den Medien gefeiert und den Börsianern geliebt. Ihre Arbeitgeber belohnten sie reichlich für ihre angeblich einzigartige Gabe, Großkonzerne zu führen. Nach den Skandalen und Pleiten der jüngsten Zeit sind die Superhelden nun verpönt. Die Öffentlichkeit ist empört, viele kleine Aktiensparer haben Vermögen und Altersvorsorge verloren. Im n des Volkes redete Präsident George W. Bush den Vorständen ins Gewissen und appellierte an unternehmerisches Verantwortungsgefühl. Den Managern bläst nach den jüngsten Bilanz-Skandalen der Wind hart ins Gericht. Nun kommt so mancher Firmenchef in den USA im Büßergewand daher. „Wir werden Dinge ändern, um Ihr Vertrauen als Anleger und Mitarbeiter zurückzugewinnen“, versprach in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige der mächtige Wirtschaftsverband „The Business Roundtable“.

Tatsächlich wird nach der Skandal-Serie der vergangenen Monate in der US-Geschäftswelt über Reformen debattiert, die noch bis vor kurzem undenkbar gewesen wären. Selbst die Aktienoptionen, die manchem der großen Unternehmensbosse in den vergangenen Jahren Einnahmen von bis zu dreistelliger Millionenhöhe bescherten, sind inzwischen nicht mehr tabu. In den 90er Jahren gingen immer mehr Unternehmen angesichts der boomenden Börse dazu über, Manager wie einfache Mitarbeiter teils in Aktien zu vergüten – ein Modell, das auch in Deutschland praktiziert wird. Dahinter stand auch die Philosophie, die Interessen von Managern, Mitarbeitern und Anlegern möglichst eng zu verknüpfen.

Aber viele Experten sehen heute in den Aktienoptionen eine Hauptwurzel der Skandale. Denn diese Erfolgsprämien verleiteten Manager dazu, die Bilanzen zu schönen, um den Aktienkurs und damit auch ihre eigenen Einnahmen in die Höhe zu treiben. So machte der ehemalige Finanzchef des bankrotten Telefonriesen WorldCom, Scott Sullivan, vor zwei Jahren einen Gewinn von knapp zehn Millionen Dollar, als er fast alle seine Aktien verkaufte. Gegen Sullivan wird heute wegen Bilanzfälschung, Börsenbetrugs und Verschwörung zum Betrug der Öffentlichkeit ermittelt. Sein Unternehmen meldete Konkurs an und muss mindestens 17 000 Mitarbeiter entlassen. Die WorldCom-Aktien, die auf dem Höhepunkt des Telekombooms noch insgesamt mehr als 100 Milliarden Dollar wert waren, sind inzwischen fast wertlos.

Auch hier zu Lande macht sich immer stärker Unmut breit. Nicht nur, weil der Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser mit einer Abfindung von 60 Millionen Mark ausschied oder Ron Sommer im Frühjahr versuchte, die Gehälter des Telekomvorstandes mal rasch zu verdoppeln. Der Unmut macht sich vor allem daran fest, dass mit steigenden Arbeitslosenzahlen und immer stärkerem Druck auf Tarifverhandlungen der immer größer werdende Graben zwischen Arbeitern und Angestellten und den Millionen-Verdienern deutlich wird. Zumal, wenn es ihren Unternehmen schlechter geht. Schluss „mit dem Hecheln“, sagt Porsche-Chef Wendelin Wiedeking über fette Aktienpakete und Millionengehälter und fordert ein angemessenes Verhältnis von Unternehmenserfolg und den Gehältern der Bosse. Und Ex-Finanzminister Oskar Lafontaine stichelt, die Regierung solle bei „den schamlosen“ Millionenverdienern in der Wirtschaft den Steuersatz pro verdiente 100 000 Euro um einen Prozent nach oben schrauben – bis auf 90 Prozent. „Dann würde niemand mehr über Millionenabfindungen jammern.“

Nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK finden drei Viertel aller Deutschen, dass die Vorstände deutscher Aktiengesellschaften zu viel Geld verdienen. Und die Teilnehmer an der Befragung sind offenbar nicht nur notorische Neidhammel. Denn auch Personalberater, Verbandschefs, ja sogar einige Manager selbst, klagen über die Entwicklung.

Wenn die Debatte unter Deutschlands Führungseliten über die Verantwortung etwa von Aufsichtsräten bei der Bewertung der Leistungen der Vorstände und Bemessung deren Gehälter auch gerade erst begonnen hat. Der Ruf nach mehr Transparenz zeigt bereits Erfolg: Eine ganze Reihe deutscher Dax-Unternehmen denkt zur Zeit darüber nach, im kommenden Jahr in den Geschäftsberichten die Einkünfte aller Vorstände aufzuschlüsseln und zu veröffentlichen. Offen dazu bekannt haben sich bis jetzt allerdings nur drei. Und realisiert hat es nur einer: der Berliner Schering-Chef Hubertus Erlen. Übrigens auch einer, bei dem der Unternehmensgewinn im vergangenen Jahr um magere 9,9 Prozent, die Summe der Vorstandsbezüge allerdings um satte 79 Prozent anstieg.

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