Zeitung Heute : Eine Vision wird wahr

Freude? Eruption! Es ist ein kollektiver Aufschrei, der über das Land geht. Etwas hat begonnen, was es hier lange nicht mehr gab

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Dieser Tage, die Schweden waren längst wieder zu Hause, ist der Bundespräsident, protokollarisch streng genommen die Nummer 1 im Land, gefragt worden, was er denn empfinde, wenn er sich Klinsmanns Mannen im Stadion anschaue, wie sie so von Sieg zu Sieg eilen – allesamt elf Mal die Nummer 1, zumindest die Nummer 1 der Herzen. Und dabei nicht rumpelfüßig wie ehedem ihre Arbeit verrichtend, sondern begeisternd, mit visionärer Kraft für die Überwindung der Tiefen des Raums. Horst Köhler hat gelächelt. Es ist sein Lausbubenlächeln gewesen. Der Präsident setzt es immer auf, wenn ihm was besonders gut gefällt. Dann sind ihm drei Begriffe eingefallen – es sind Begriffe, die in diesen Tagen für Deutschland stehen: Zuversicht. Bestätigung. Freude.

Alles stimmt. Und alles stimmt noch. Es bedurfte eines in die linke Torecke abtauchenden Jens Lehmann, Freitag, 30. Juni 2006, 19 Uhr 38, damit es immer noch stimmt. Zuversicht. Bestätigung. Nur Freude ist vielleicht der falsche Ausdruck, weil viel zu zurückgenommen. Ekstase wäre besser. Ekstase pur. Deutschland-einig-Jubel-Land ist eine Runde weiter. Der Glaube an diese Mannschaft aber ist schon davongeeilt: längst über Dortmund und das Halbfinale am kommenden Dienstag hinaus. Er ist schon wieder zurück im Rund des Berliner Olympiastadions, direkt am Anstoßpunkt im Mittelkreis, dort wo am Sonntag in einer Woche der Finalgegner warten wird.

Freude? Eruption! Es ist ein kollektiver Aufschrei, der über das Land geht, das Franz Beckenbauer in seinen zahllosen Hubschrauberflügen gerade als das schönste Land der Welt identifiziert hat. Wahrscheinlich meint er das tatsächlich, selig über den Verlauf einer WM, die eine perfekte für den Gastgeber zu werden scheint.

Im Sony Center am Potsdamer Platz, einem der vielen pulsierenden Herzen der Stadt an diesem Freitag, bricht die Spannung um 19 Uhr 38 aus 3500 Menschen in einem einzigen, lang gezogenen Jaaaah! Schwarz-rot-goldene Menschen sind es, mit Irokesenschnitt-Perücke, mit Deutschland-Tattoos überall. Mit schwarz-rot-goldenen Perlen um den Hals. Und mit Fahnen, Fahnen, Fahnen. „Vehikel der Freude“ sind das, wie es der Duisburger Politikwissenschaftler KarlRudolf Korte nennt, Zeichen eines „Party-Patriotismus“, geschichtslos vielleicht, aber ganz und gar nicht bedrohlich.

Fahnen also, getragen von – wie sagt man bei solchen Gelegenheiten? – wildfremden Menschen eigentlich, nur dass sie sich plötzlich nahe gekommen sind im Mitfiebern mit der deutschen Mannschaft und natürlich im Genießen des Erfolgs. Ein Kollektiv der Euphorie. Es sind Momente, in denen Identitäten geschaffen werden. Für den Moment, ganz sicher. Vielleicht für lange Zeit. Zeit, dass sich was dreht, singt Herbert Grönemeyer im Sony Center. Zeit, dass was bleibt.

Einer weint, auf der Empore. Kann die Spannung nicht mehr aushalten. Hat sie auch nicht abbauen können, als er eingestimmt hat in einen dreieinhalbtausend-stimmigen Lehmann-LehmannChor, der irgendwann eingesetzt hat nach dem zweiten argentinischen Elfmeter. Sinnlos eigentlich, weil einen auf der Leinwand keiner hört. Aber befreiend, für den, der schreit. So befreiend.

Ein Land feiert. Hört nicht auf zu feiern. Feiert seine Jungs. Feiert sich selbst. Ist wieder wer. Feiert Jürgen Klinsmann. Feiert Jens Lehmann. Glaubt an diese Mannschaft. Glaubt an sich. Der Schriftsteller Thomas Brussig ist es, der als einer der Ersten die enorme Leistung beschrieben hat, die Klinsmann mit dieser Mannschaft erbracht hat: den Glauben an die Machbarkeit einer Idee. Die Umsetzung einer Vision. Die Konsequenz – ganz plötzlich erscheint das ehedem unrealistische Ziel, Weltmeister zu werden, realistisch. Und alles andere in weiter Ferne. „Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein“, singt die Band Sportfreunde Stiller, auch im Sony Center singen sie, aber eigentlich überall im Land. Das durchaus ironisch gemeinte Lied ist längst zur inoffiziellen Hymne geworden. Der Text scheint plötzlich auch so plausibel – „die ganze Welt spielt sich um den Verstand, doch der Cup bleibt in unserem Land.“

Und es sind herzergreifende Szenen, die sich an diesem Freitagabend in Berlin abspielen, in Hamburg, in München, im ganzen Land. Dabei ist erst das Viertelfinale geschafft, jene klitzekleine Selbstverständlichkeit, wie Jürgen Klinsmann suggerieren wollte, als er sagte ein Ausscheiden wäre eine Katastrophe. Wie auf Kommando beginnen sie, Jubelausbrüche glückseliger Menschen, die es nach draußen auf die Straße drängt und die gar nicht mehr mitbekommen, dass sich im Olympiastadion die Argentinier als schlechte Verlierer erweisen. Auf dem Platz vor der Gedächtniskirche lagern um kurz vor 20 Uhr die Obdachlosen auf den Stufen, sehen der immer dichter werdenden Menschenmenge zu, den Tausenden Fahnen, die an ihnen vorbeiziehen. Plötzlich ruft einer, dann mehrere: „Steht auf, wenn ihr für Deutschland seid.“ Es ist eine nett gemeinte Aufforderung, kein Akt der Ausgrenzung, eine Geste der Integration. Die ersten erheben sich, sind dabei für einen Moment.

Deutschland-einig-Jubel-Land. Niemand kann sich entziehen. Die Kanzlerin nicht, die sich auf der Tribüne des Olympiastadions noch während der von den Argentiniern dominierten ersten Halbzeit in großer Sorge an DFB-Präsident Theo Zwanziger gewandt hat und die es nicht mehr auf ihrem Sitz hält, als die Mannschaften zum Elfmeterschießen antreten. Auch Angela Merkel scheint erfasst vom Fußballfieber. Will nicht, dass da was endet. Hat gelernt, dass man das Spiel auch anders betrachten kann als nüchtern, analytisch.

Ein Rausch findet da statt, ein klassenloser Rausch, und bis auf ein paar verständnislos dreinblickende Birkenstockträger, die demonstrativ kopfschüttelnd dem Treiben zuschauen, und ein paar Mütter mit Kindern, die bei H & M die verlängerten Öffnungszeiten nutzen, scheint zumindest in der Hauptstadt niemand da zu sein, der sich der Euphorie entziehen will. Niemand? Doch, einer. Noch vor dem Spiel war er am Ku’damm im Prophetenlook aufgetaucht, lange Locken, und hatte verkündet: „Ich sage Euch, Deutschland wird verlieren. Ihr habt alles falsch gemacht.“ Nach dem zweiten verschossenen Elfmeter der Argentinier ist er verschwunden. Ein falscher Prophet.

Als Jens Lehmann in die linke Ecke taucht, Freitag 30. Juni 2006, 19 Uhr 38, da ist das Berliner Olympiastadion schon ein tanzendes schwarz-rot-gelbes Fahnenmeer. Natürlich ist es das. Unten auf dem Rasen hat die deutsche Nationalmannschaft gerade ein neues Stück Fußball-Geschichte geschrieben. Sie hat erstmals nach vielen Jahren wieder einen Großen der Fußball-Welt geschlagen, einen ganz Großen. Und hätten es die Deutschen nicht getan, so wäre dieses Argentinien wohl Weltmeister geworden. Im Stadion singen und tanzen die Menschen so ausgelassen wie überall draußen im Land, und wenn man so will, hat diese Mannschaft es geschafft, dass ein ganzes Land mit ihr kommuniziert. Es gibt dieses Wort vom Funken, der überspringen muss. Seit dem Tor von Oliver Neuville gegen Polen, Dortmund, 14. Juni 2006, Nachspielzeit, ist dieser Funke da. Ein Land identifiziert sich, es hat ein Ziel. Und Spaß. Die WM, hat der Historiker Paul Nolte unlängst festgestellt, „bringt Gefühle an die Oberfläche“. Sie löse sie aber nicht aus. Oh doch, das tut diese WM auch.

Die Fans jedenfalls wollen das Olympiastadion nach dem Elfmeterkrimi gar nicht mehr verlassen. Wollen nicht, dass die Nacht der Glückseligkeit endet. Es ist schon nach 21 Uhr, eigentlich Zeit, sich im Fernsehen den kommenden Halbfinalgegner anzusehen, da hüpfen die Leute mit ihren bunten Irokesen-Perücken noch immer durch die WM-Arena, nicht auf der Tribüne, sondern auf den Treppenstufen davor. „Gebt mir ein U!“, ruft einer. „UUU!“, antworteten hunderte Fans. So geht das noch mit ein paar anderen Buchstaben weiter, dem „M“, dem „B“, dem „A“, immer lauter, bis alle schließlich wie Flummis durchs Treppenhaus hüpften: „Umba, umba, umba, tätärä!“ All das, was sie in den 140 Minuten zuvor wegen der Anspannung nicht gesungen haben, nicht singen konnten, das kommt nun raus: Schon nach dem Abpfiff hatten 72 000 Fans den Klassiker der Sportfreunde Stiller gesungen, „54, 74, 90, 2006, und so stimmen wir alle ein …“. Welch brachialer Chor, was für eine Party. Welche, wie nennt es der Präsident – Zuversicht. In Berlin, vielleicht ist das das ein gutes Indiz für die Euphoriewelle an diesem Freitag, will nicht mal jemand über die Preise im Stadion meckern oder über den Geschmack des Biers.

In Hamburg auch nicht. Schon mittags zeigt der Hauptbahnhof Flaggen. Schwarz-rot-goldene Flaggen. Am Abend spielt Italien gegen die Ukraine hier im Stadion, aber mit den Herzen sind sie alle in Berlin. Im Fahrstuhl hinauf zur höchstgelegenen Vip-Party stimmt sich Claudia Roth schon ein. Roth, die Grüne. „Spielen wir heute mit Ballack?“, fragt sie und fährt sich durch die rot-gold-gefärbten Haare. Claudia Roth mag Jens Lehmann, sie hat ihn mal getroffen. Sie weiß noch nicht, dass er später zum Helden wird. Claudia Roth. Auch jemand, der vom Fußballfieber infiziert ist, ohne Hintergedanken.

Das Heiligengeistfeld ist ein besonderer Ort. Nebenan spielt der FC St. Pauli, der Verein, der sich so gern als etwas anderer Fußballverein inszeniert. Die Fußball-Party steigt im alten Flak-Bunker, den nicht mal Bomber-Harris mit seiner Operation Gomorrha, der grausamsten Luftschlacht des Zweiten Weltkrieges, ernsthaft beschädigt hat. 1952 hat der NDR hier den Sendebetrieb aufgenommen. Vom Geländer des Bunkers sieht Roth gemeinsam mit Roger Willemsen hinunter auf 70 000 Menschen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, die sich auf das Fanfest auf dem Heiligengeist quetschen und alle jetzt gerne in Berlin wären und davon singen, dass sie bald dort hinfahren. Als angepfiffen wird, geht Roth ins Bunkerinnere, hier ist eine Lounge mit Flachbildschirmen und Bar aufgebaut, hier steht ein roter Klappstuhl der „Bild“-Zeitung für sie bereit. Claudia Roth will jetzt auch sein wie die Fans da unten, jeder will jetzt Deutschland sein, und deshalb klatschten Claudia und Roger in die Hände und singen im Chor den fast richtigen Text: „Wir fahr’n, wir fahr’n, wir fahr’n nach Berlin.“

Ja, es ist ein Rausch, ein klassenloser Rausch. Und wenn die Prominenz Fußball schaut, sieht alles aus wie in der normalen Welt. Auf den Wangen tragen die Menschen ihre Nationalfarben, die Plastikkette darf nicht fehlen.

Hamburg war für die deutsche Mannschaft nie das, was Fußballspieler ein gutes Pflaster nennen. 1974 gab es die denkwürdige 0 : 1- Niederlage gegen die DDR, 1988 hat Lothar Matthäus sich nach dem 1 : 2 im Europameisterschafts-Halbfinale gegen Holland über das dezente Publikum beschwert: „Ich hab’ die Fans überhaupt nicht gehört.“ Das soll den Hamburgern nicht noch einmal passieren. Am Freitag wollen sie alle Deutschland sein, auch links der Mitte.

Der argentinische Torwart wälzt sich verletzt am Boden. Vielleicht ist es die Schlüsselszene. „Zeitspiel, Zeitspiel!“, grölt das Publikum, und auch Frau Roth macht eine abfällige Geste. Als das Ausgleichstor fällt, hallt die Freude der normalen Fans hinauf, vereinigt sich mit der der Steak essenden Edelfans. Unten jubeln sie ein bisschen später, denn auf dem Heiligengeistfeld kommt das TV-Signal ein, zwei Sekunden später an. Die Fans empfangen ARD, die VIPs Premiere. Wer noch zum Viertelfinale zwischen Italien und der Ukraine in den Volkspark nach Stellingen will, bringt sich rechtzeitig in Position – an einer Tankstelle direkt an der U-Bahnstation Feldstraße. Elfmeterschießen. Jens Lehmann hält gegen Esteban Cambiasso, das Volk freut sich die obligatorischen zwei Sekunden später, und im U-Bahnschacht brüllen die ersten Punks: „Deutschland! Deutschland!“

Mitarbeit: André Görke, Sven Goldmann, Armin Lehmann, Helmut Schümann

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