Zeitung Heute : Eine Waffe gegen die Armut

Kleinkredite können armen Menschen zu einem besseren Leben verhelfen. Sie gründen sozusagen eine „Ich-AG“ und schaffen langfristig sogar neue Arbeitsplätze. Alles Argumente, die auch die Aga-Khan-Stiftung überzeugt haben.

Dagmar Dehmer

Schon vor dem Einstieg in das Geschäft mit Kleinkrediten für Arme hat das Aga-Khan-Entwicklungs-Netzwerk (AKDN) Erfahrungen mit der Gründung einer Bank gesammelt. In Kenia gründete der Aga Khan Fonds für wirtschaftliche Entwicklung (AKFED) bereits vor Jahren die Diamond Trust Bank. Sie ist ebenso wie die Jubilee-Versicherungen aus Selbsthilfeinitiative entstanden. Die Bank hat sich im Laufe der Jahre zu einer wichtigen Regionalbank für ganz Ostafrika entwickelt. Das gilt auch für die Versicherungen.

Die Aga-Khan-Stiftung hat schnell erkannt, dass selbst Geschäftsleute mit einem bereits florierenden Unternehmen in Ostafrika kaum eine Chance auf Kredite oder Versicherungen haben. Die großen ausländischen Banken beispielsweise in Kenia verlangen schon von Kunden, die lediglich ein Girokonto eröffnen wollen, eine Einlage von etwa 800 US-Dollar, die sie nie wieder sehen werden. Außerdem kostet das Konto hohe monatliche Gebühren. Selbst für die Mittelschicht sind die Finanzdienstleistungen der großen ausländischen Banken unerschwinglich. In diese Lücke stieß die Diamond Trust Bank. Zunächst konzentrierte sie sich auf die Bedürfnisse der indischen und pakistanischen Geschäftsleute in Ostafrika. Inzwischen bietet die Diamond Trust Bank ihre Dienste auch in Tansania und Uganda an. Doch der Weg zu einer Bank für die Ärmsten war da noch nicht einmal gedacht.

Die Idee der Mikrokredite entstand in Bangla Desch, einem der ärmsten Länder der Welt. 1976 gründete der Ökonom Muhammad Yunus mit einem Grundkapital von rund 30 Euro ein Bankhaus, das inzwischen rund 2,4 Millionen Kunden bedient. Der Gründer der Grameen-Bank für Mikrokredite hat damals, wie er das selbst sagt, eine „Waffe gegen die Armut“ entdeckt. Angefangen hat alles mit rund 30 Euro, die Yunus einer Frau aus seinem privaten Geldbeutel lieh, die davon das Material für den Bau von einfachen Möbeln kaufte. Vorher hatte sie sich das Geld für das Material bei einem Kredithai leihen müssen. Das Ergebnis war, dass ihre Schulden immer größer wurden und sie keine Chance hatte, je wieder aus dieser Schuldenfalle herauszukommen.

Aber um Wohltätigkeit ging es Yunus nicht in erster Linie: „Das ist ein riesiger Markt. Die Hälfte der Menschheit hat keinen Zugang zum konventionellen Kreditwesen, weil sie keine Sicherheiten anzubieten hat.“ Yunus sieht darin zwei Chancen: Geld zu verdienen – die Grameen- Bank hat seit ihrer Gründung nur in drei Jahren keinen Gewinn erwirtschaftet – und einen Ausweg aus der Armut. Das hat sich in Bangla Desh sogar volkswirtschaftlich ausgezahlt. Unternehmen, die von der Grameen-Bank angeschoben oder die in ihrem Umfeld gegründet wurden, vom Tür-zu-Tür-Verkauf von Kuhmilch bis zur Internet-Firma Grameen Cybernet, haben zwischen 1994 und 1996 einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt Bangla Deshs zwischen 1,1 und 1,5 Prozent erwirtschaftet. 42 Prozent der Kreditnehmer der Grameen-Bank haben inzwischen die Armutsschwelle übersprungen. Darauf ist Yunus stolz.

Der Wirtschaftsprofessor hat große Hochachtung vor den Frauen, die inzwischen 93 Prozent der Grameen-Bank besitzen. Gegen den Widerstand der Ehemänner und der Mullahs hat Yunus schon zu Beginn seiner Arbeit durchgesetzt, dass 95 Prozent seiner Kredite an Frauen gehen. „Die Erfahrung zeigt: Wenn Geld über die Frauen in die Familien kommen, haben diese einen größeren Nutzen davon, als wenn es über die Männer fließt“, sagt er. Die Frauen wüssten genau, dass sie nur eine einzige Chance bekommen werden, der Armut zu entkommen, indem sie einen Kredit aufnehmen, ein erfolgreiches Geschäft aufbauen und schließlich über ihre als Einlage eingebrachten Ersparnisse Miteigentümerinnen der Bank werden. Yunus berichtet: „95 Prozent der Kredite werden zurückgezahlt.“

Seit 1995 hat die Grameen-Bank aufgehört, Spenden anzunehmen. Seither refinanziert sich die Bank selbst – über zurückgezahlte Kredite, über die Einlagen ihrer Eigentümerinnen und neuerdings über eine „Kredit-Versicherung“. Sobald die Kreditnehmer beginnen, ihr Darlehen zurückzuzahlen, legen sie eine geringe Summe darüber hinaus zurück, die in die Kredit-Versicherung fließt. Stirbt ein Kreditnehmer, bevor er seine Schulden zurückgezahlt hat, springt die Kredit-Versicherung ein und zahlt die Einlage an die Familie zurück. „Das Angebot wird uns regelrecht aus der Hand gerissen“, sagt Yunus. Der Grund dafür sei ein religiöser, sagt der Ökonom. Den meisten ist der Gedanke unrecht, zu sterben, bevor sie ihre irdischen Verpflichtungen erfüllt haben. Deshalb war die Kreditversicherung genau das, worauf die Leute im ländlichen Bangla Desh gewartet haben.

All das hat auch die Aga-Khan-Stiftung überzeugt. Die Aga-Khan-Agentur für Mikrokredite (Akam) bietet inzwischen ganz ähnliche Finanzdienstleistungen an wie die Grameen-Bank. In einigen Ländern sind daraus sogar regelrechte Mikrofinanz-Banken entstanden, die neben Kleinkrediten auch Kreditversicherungen, Lebensversicherungen, Girokonten, Geldtransfer und Sparverträge für die Armen im Angebot haben. Eine der größten Mikrofinanz-Banken der Aga-Khan-Stiftung ist in Afghanistan entstanden. Dort hat sich die Stiftung mit insgesamt 80 Millionen Dollar für den Wiederaufbau des Landes engagiert – unter anderem über Kleinkredite.

Solche Mikrokredite ermöglichen es Menschen, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, als „Ich-AG“ sozusagen. Vor allem Rückkehrer aus dem Exil finden bei Akam Hilfe, um ihre eigenen kleinen Firmen aufzubauen und längerfristig Arbeitsplätze zu schaffen. Auf dem Land hilft Akam den Bauern, eine Alternative zum Mohnanbau zu finden, indem beispielsweise zunächst einmal Kredite für andere Saaten gegeben werden. In den kommenden zwei Jahren will die Kleinkreditbank der Aga-Khan-Stiftung in Afghanistan 14 neue Filialen eröffnen. Als einer der Geldgeber ist in dieser Bank auch die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beteiligt. Die KfW hält 31, die Aga-Khan-Stiftung 51 und eine Weltbanktochter 18 Prozent der Anteile an der Mikrokreditbank.

Neben Afghanistan engagiert sich Akam auch in dem westafrikanischen Land Burkina Faso, in Ägypten, Indien, Kenia, Kirgisien, Madagaskar, Mosambik, Pakistan, Syrien und Tadschikistan, wo wiederum die KfW mitbeteiligt ist. Wie die Grameen-Bank hat auch die Aga- Khan-Stiftung ihre Dienstleistungen immer weiter ausgeweitet. Am Anfang standen und stehen bei jedem neuen Engagement Kleinkredite für Unternehmensgründer. Im Falle von Akam war es in Pakistan beispielsweise eine Frau, die nach ihrer Scheidung beim Aga-Khan-Hilfswerk für ländliche Entwicklung zunächst einen Nähkurs absolvierte. Akam half ihr, den Kauf einer Nähmaschine zu finanzieren. Nachdem sie ihre Schulden zurückgezahlt hatte und in der Lage war, sich und ihre Kinder durchzubringen, hat die Frau wieder mit Hilfe eines Kredits von Akam angefangen, andere Frauen im Nähen zu unterrichten.

Nimmt die Zahl der Kreditnehmer zu, wird aus einem Kleinkreditprogramm schnell eine Mikrokreditbank. Dann nimmt auch die Zahl der Dienstleistungen zu. Sie bieten beispielsweise Kreditversicherungen an, die verhindern, dass die Familien auf den Schulden der Kreditnehmer sitzen bleiben, falls diese sterben oder berufsunfähig werden, bevor die Schuld vollständig zurückgezahlt ist. Akam vergibt inzwischen auch Haus-Kredite, die helfen sollen, Unterkünfte zu bauen oder in historischen Städten Häuser zu erhalten.

Die Grameen-Bank in Bangla Desh bietet inzwischen eine Vielzahl von Kreditprogrammen an – vom Bildungskredit bis hin zur Finanzierung eines Solarmoduls, um auch nach Einbruch der Dunkelheit noch Licht zu haben, ein Radio zu betreiben oder einen Kühlschrank zu versorgen. Auch Akam vergibt in einigen Ländern Bildungskredite, echte Investitionen in die Zukunft, nicht nur der Kreditnehmer, sondern wenn es gut geht auch des ganzen Landes.

Am Anfang taten sich die Pioniere der Kleinkreditbewegung schwer. Denn den meisten Banken ist das Geschäft schlicht zu teuer. Zwar sind die Rückzahlungsquoten in der Regel gut, doch der Aufwand, Kleinkredite zu vergeben und ihre Rückzahlung zu kontrollieren, ist hoch. Deshalb liegen die Zinsen für die Kreditnehmer auch deutlich höher, als das in Industriestaaten Standard ist. Rund 20 Prozent sind für Kleinkredite durchaus üblich – immer noch weniger als 30 oder 40 Prozent beim Kredithai um die Ecke.

Allerdings denken die Banken um. Einige versuchen nun, da die Mikrokreditinstitute Wachstumsraten von rund 15 Prozent pro Jahr aufweisen, doch noch auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Erst in diesem Jahr hat die Deutsche Bank einen Kleinkredite-Fonds für institutionelle Anleger aufgelegt. Das Ziel: ganz normale Renditen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau ist inzwischen mit 500 Millionen Euro in 40 Ländern am Geschäft mit Kleinkrediten beteiligt. Und die Vereinten Nationen haben das Jahr 2005 zum Jahr der Mikrokredite ausgerufen. So sollen 100 Millionen Arme mit den Basis-Finanzdienstleistungen erreicht werden.

Kleinkredite sind aber nicht nur wegen ihrer wirtschaftlichen Risiken umstritten. Entwicklungspolitiker werfen den Kleinkreditinstituten vor, über diese Art der Selbsthilfe wichtige staatliche Leistungen zu verhindern. Die Logik hinter diesem Argument: Wenn sich die Menschen über einen Kleinkredit selbst aus ihrer Armut befreien können, könnten sich die Regierungen zurücklehnen und die Armutsbekämpfung den Kleinkreditbanken überlassen. Es gehe aber darum, den Armen zumindest eine Basis-Infrastruktur – vom sauberen Wasser und einer geordneten Abwasser- und Abfallentsorgung bis zur Stromversorgung zur Verfügung zu stellen. Außerdem wehren sie sich gegen Bildungsprogramme, die oft gleichzeitig mit den Krediten angeboten werden – von Lesen und Schreiben bis zur sparsamen Haushaltsführung und Hygiene. Doch ist das Argument kurzschlüssig. Denn zum einen entbinden Kleinkreditprogramme die Staaten nicht davon, ihre Aufgaben zu erfüllen. Zum anderen wird die Zivilgesellschaft gestärkt, wenn es Menschen gelingt, der Armut zu entkommen. Wer es geschafft hat, sich eine Existenz aufzubauen, wird auch ungeduldiger mit einer Stadt, die ihn im Müll versinken lässt oder es nicht fertig bringt, eine sichere Wasserversorgung zu organisieren. Wer so arm ist, dass jeder Tag ein neuer Kampf ums Überleben ist, kann sich auch nicht engagieren, kann nicht einmal Forderungen an eine Regierung stellen. Dazu haben Arme einfach keine Zeit. So gesehen können Kleinkreditprogramme auch zur Demokratisierung einer Gesellschaft beitragen.

Kleinkreditbanken haben aber auch noch einen ganz anderen, praktischen Nutzen. Wer in einem Slum lebt, hat keinen sicheren Platz, um Geld aufzubewahren. Wenn keine Bank zur Verfügung steht, muss das mühsam Ersparte aber in der Matratze oder an einem anderen nicht besonders sicheren Platz im Haus aufbewahrt werden. Das ist ein eklatantes Sicherheitsproblem. Denn weil es keine Bank gibt, ist potenziell jedes Haus für Räuber von Interesse – oder für korrupte Polizisten. Wird in einem afrikanischen Slum oder in einem Dorf eine Kleinkreditbank eröffnet, bilden sich zumeist erst einmal Schlangen von Menschen, die ihr Geld gerne in Sicherheit bringen wollen. Erst in einem zweiten Schritt geht es um Kredite.

Wenn der Präsident Tansanias, Benjamin William Mkapa, am 3. Oktober seine Laudatio auf den Quadriga-Preisträger Aga Khan halten wird, wird es allerdings nicht in erster Linie um Kleinkredite gehen. Ein solche Programm unterstützt seine Stiftung bisher noch nicht in dem ostafrikanischen Land. In Tansania investiert die Aga-Khan-Stiftung vor allem in die Bildung. Mit Hilfe der Stiftung sind aus den Religionsschulen, den Madrassas, Bildungseinrichtungen für alle, vor allem auch für Mädchen geworden. Die Stiftung hat sich in Tansania, an der Küste Kenias und vor allem auf Sansibar darum bemüht, die Lehrpläne der Religionsschulen zu modernisieren, damit die Kinder, die sie besuchen, dort eine umfassende Bildung bekommen. Dabei geht es vor allem um Lesen, Schreiben, Rechnen aber auch um Toleranz. Bildung ist auch für Mkapa eines der erfolgreichsten Kapitel seiner zehnjährigen Amtszeit. Wenn Benjamin Mkapa noch in diesem Jahr abtritt, dann wird er als der Präsident in die Geschichte eingehen, der die Schulgebühren für die Grundschule abgeschafft hat. Seither gehen fast alle Kinder in Tansania in die Schule. Möglich geworden ist das durch einen Schuldenerlass. Tansania hat die Mittel tatsächlich, wie versprochen, in die Bildung gesteckt. Beides unterscheidet Mkapa sehr von anderen afrikanischen Präsidenten. Zwar hört er auf, weil nach zwei Amtszeiten eine Wiederwahl nach der Verfassung nicht mehr möglich war. Doch seinen Nachbarn Yoweri Museveni in Uganda hat das nicht davon abgehalten, das Parlament die Verfassung ändern zu lassen, um sich doch immer wieder wählen zu lassen. Dass ein Präsident seinen Stuhl freiwillig für einen Nachfolger räumt, ist in Afrika eher ungewöhnlich. Und dass er Zusagen einhält auch.

Benjamin Mkapa wird bei seiner Rede darüber wohl kein Wort verlieren. Worüber er aber vermutlich schon sprechen wird, sind der Aga Khan und Sansibar. Die Gewürzinsel im Indischen Ozean, die ein hohes Maß an Autonomie von Tansania genießt, bis hin zum eigenen Parlament, verfügt über einen historisch bedeutsamen Gebäudebestand. Ohne die Mittel aus der Aga-Khan-Stiftung wären aber bestimmt eine Vielzahl der Stadthäuser in der Hauptstadt längst verfallen. Die Hauskredite der Akam helfen auch auf Sansibar, die Bausubstanz zu erhalten – und Touristen ins Land zu locken.

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