Zeitung Heute : Eine Welt voller Dörfer

Die Vernetzung der Menschheit über das Internet ist bei weitem geringer als bislang angenommen

Niko Deussen

Die Welt schrumpft. Dank digitaler Revolution werden die Menschen immer „erreichbarer“. Feldversuche, die der US-Soziologe Stanley Milgram schon in den 60er Jahren anstellte, scheinen das zu bestätigen: Jeder kennt jeden über fünf Ecken. Doch nun bezweifelt eine amerikanische Psychologin den wissenschaftlichen Wert dieser Studien.

Eine wichtige Funktion des Internet ist der elektronische Briefverkehr. Doch die Beförderung der digitalen Nachrichten ist – im Gegensatz zur traditionellen Briefpost – sich selbst überlassen. Keine übergeordnete Instanz hilft den E-Mails, den exakten Empfänger zu finden. Sie hangeln sich von Netzknoten zu Netzknoten, bis sie beim richtigen Adressaten angelangt sind.

Unklar bleibt dabei, wie lange ein Dokument im Internet unterwegs ist, über wie viele Zwischenstationen es im Schnitt bis zum Ziel läuft. Die selbe Frage stellt sich auch für den „Abstand“ zweier beliebiger Websites. Hier ist das Maß die Anzahl der Hyperlinks, die von einer Seite zu anderen führen. Von einer präziseren Abschätzung dieses „Durchmessers“ versprechen sich die Informatiker eine bessere Nutzung des Internet: etwa geschickter programmierte Router zur rationelleren Nutzung der teuren Datenleitungen oder schnellere und effektivere Suchmaschinen.

Erste Antworten über den Vernetzungsgrad schienen Arbeiten von Stanley Milgram zu geben. Der Sozialpsychologe hatte in den 60er Jahre Studien zur sozialen Verflechtung der Gesellschaft durchgeführt. Milgram drückte zufällig ausgewählten Menschen Briefumschläge mit der Bitte um Beförderung in die Hand. Eine genaue Anschrift der Zielperson gab es nicht. Nur Wohnort und Beruf gehörten zu den Informationen, mit denen die Absender über die Regeln des Experiments instruiert wurden. So durfte beispielsweise das Couvert aus schwerem blauen Karton nur an gute Bekannte verschickt werden. Der schnellste Brief war nach vier Tagen da. Er hatte sein Ziel über nur zwei Zwischenstationen erreicht. Dabei durchquerten die Nachrichten einen halben Kontinent: von Kansas oder Nebraska nach Massachusetts. In einer zweiten Studie fand Milgram, dass „die Ketten durchschnittlich aus fünf Mittelspersonen bestanden“.

Seine Resultate veröffentlichte Milgram 1967 in „Psychology Today“. In dem spektakulären Aufsatz prägte er den Begriff „six degrees of separation“ – die sechs soziografischen Zwischenräume, die eine Mitteilung von einem Menschen zum anderen durchschnittlich überwinden muss. In den Köpfen der meisten Leser blieb hängen: „Die Welt ist doch klein.“ In einer neueren Ausgabe von „Psychology Today“ schreibt jedoch Judith Kleinfeld: „Tatsächlich dürfte die Idee der ,Sechs-Schritt-Separation‘ schlicht falsch sein.“ Die Psychologie-Professorin an der Universität von Alaska, Fairbanks, fällt dieses harte Urteil, nachdem sie Milgrams Nachlass an der Yale-Universität gründlich durchforstet hatte. Kleinfeld: „Es stellte sich heraus, dass Milgrams Aufsehen erregende Schlussfolgerung auf einer eher dürftigen Datenbasis beruhte.“ Denn die Resultate der Feldversuche stützen in keiner Weise Milgrams Hypothese von der „Kleinen Welt“. So hatten im ersten Experiment nur drei Couverts überhaupt ihre Empfänger erreicht. Losgeschickt wurden aber sechzig. Mit einer Erfolgsquote von gerade mal fünf Prozent darf der Versuch wissenschaftlich als gescheitert gelten.Bei einem weiteren Versuch war zwar die Ausbeute wesentlich größer: 44 komplette Ketten bei 160 Starter-Couverts kamen zusammen. Doch auch der Viertel-Erfolg kann nicht als wissenschaftliche Begründung für die These von der „Sechs-Schritt-Separation“ herhalten. Tatsächlich hat Milgram das statistische Material auch nie veröffentlicht. Die Unterlagen wanderten ins Archiv.

Inzwischen gibt es eine Reihe von Unternehmungen im Internet, die sich mit der These von der „Kleinen Welt“ beschäftigen. So hat etwa die Universität von Virginia das „Orakel von Bacon“ ins Netz gestellt. Aus Besetzungslisten von Filmen eruiert ein Programm den „Abstand“ eines beliebigen Schauspielers zu seinem Kollegen Kevin Bacon. Dabei gelten zwei Mimen als verbunden, wenn sie gemeinsam in einem Streifen aufgetreten sind. Die Masse der Schauspieler hält zu Kevin Bacon den Abstand drei.

Duncan Watts hingegen möchte Milgrams Theorie für das Internet retten. Der Informatiker von der New Yorker Columbia-Universität hat einen Großversuch mit E-Mails initiiert. Freiwillige können über Bekannte E-Mails an Ziele in Asien, Australien, Europa und den USA schicken. Mehr als 50 000 Surfer machten bisher mit. „Wir haben schon einige Globus umspannende Ketten - von Sydney nach Sibirien mit vier Links“, begeistert sich Watts.

Judith Kleinfeld glaubt dagegen, dass die Welt aus vielen „Dörfern“ besteht. In den „besseren Kreisen“ findet etwa ein Universitätskanzler leicht Kontakt zu einem bestimmten Kollegen, hingegen kaum zu einem Fußballprofi. Die soziale Leiter weiter hinab haben viele nicht mal Bekannte außerhalb ihres Viertels.

Ihre Einschätzung erhält Schützenhilfe von Gary Flake. Der Informationstheoretiker vom NEC Research Institute in Princeton hatte beobachtet, dass sich im Web dicht verwobene Unternetze gebildet haben. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass von den zugehörigen Seiten die meisten Hyperlinks wieder auf Mitglieder der Gemeinschaft verweisen. Nur eine kleine Zahl von Links führt nach draußen.

Mehr zum Thema:

http://oracleofbacon.org

http://smallworld.sociology .

columbia.edu/watts.html

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