Zeitung Heute : Eine weltoffene Stadt braucht offene Läden

Der Tagesspiegel

Die Gäste der Podiumsdiskussion, zu der am Freitag Abend ins Stilwerk geladen hatte, waren sich einig: Berlin braucht neue längere Ladenöffnungszeiten. Unter der Moderation von Gerd Nowakowski, Leiter des Tagesspiegel-Ressorts Berlin-Brandenburg, diskutierten Prominente aus Politik und Wirtschaft zum Thema „Endlose Debatte um den Ladenschluss – was hindert die Politik, endlich zu handeln?“

Als Erster ergriff der Vorsitzende der Berliner FDP, Günter Rexrodt das Wort und beklagte, dass die jetzige Bundesregierung eine Änderung des obsoleten Ladenschlussgesetzes für die Steuer- und Rentenreform verkauft hat. Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch stellte fest, dass Berlin als Stadt des Tourismus eine Änderung des Gesetzes als Signal sehr gut gebrauchen könne. Die Politiker sollten jede Chance nutzen, um die Berliner Ladenöffnungszeiten den internationalen Standards anzupassen, forderte auch der Geschäftsführer von Partner für Berlin, Friedrich Leopold Freiherr von Stechow. In Sachen Ladenschlussgesetz gebe es abgesehen von den Gewerkschaften einen gesellschaftlichen Konsens, brachte es Rainer Boldt, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Friedrichstraße, schließlich auf den Punkt. Dennoch sei die Bundesrepublik nicht in der Lage ein Gesetz abzuschaffen, das keine müde Mark koste. Da stimmte auch Staatssekretär Strauch zu. Ganz im Gegenteil, fügte er hinzu, wahrscheinlich könne der Senat sogar noch sparen, weil er dann nicht mehr all jene Menschen beschäftigen müsse, die sich mit den zahlreichen Sonderregelungen zum Ladenschlussgesetz beschäftigen. Dem Veranstalter der langen Nacht des Shoppings, Tommy Erbe, war es schlicht unbegreiflich, warum es noch immer als Skandal gelte, wenn jemand seinen Laden länger öffnen wolle, einfach um mehr Umsatz zu machen. Es sei das Wesen des Handels, den Kunden Waren anzubieten, wie und wann er es wolle. Es sei eine Schande, wenn die Touristen die Hauptstadt wieder mit vollen Geldbeuteln verließen, einfach weil ihnen die Möglichkeit gefehlt habe, es auszugeben. Einig waren sich die Gäste auf dem Podium auch, was die Nachteile einer Änderung des Ladenschlussgesetzes angehe. Es werde nicht nur Gewinner geben, gab Staatssekretär Strauch zu bedenken. Einige Geschäfte würden nur länger aufhaben, ohne mehr Umsatz zu haben. Auch für Familien mit Kindern, werde es dann schwieriger, ihren Alltag zu organisieren. Wenn die Eltern bis spät abends und am Wochenende im Handel arbeiteten, brauche man neue Formen der Kinderbetreuung. Hier gab es Beifall im Publikum und die erste Frage: Wie, so wollte ein Zuhörer wissen, sollten in einer Stadt in der mehr und mehr Kitas schließen, neue Formen der Kinderbetreuung entstehen? Die Antwort blieb offen.Tommy Erbe glaubte jedoch, dass gerade alleinerziehende Mütter dankbar wären, über die zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten, die ihnen eine Änderung des Ladenschlussgesetzes biete. Außerdem wolle man ja nicht sieben Tage die Woche rund um die Uhr geöffnete Geschäfte haben, die Händler wollten einfach ein Recht auf selbstbestimmte Öffnungszeiten. Ein weiterer Zuschauer äußerte seine Bedenken gegenüber den Statistiken. Besonders der Untersuchung, die 50 Milliarden Mark mehr Umsatz und 20000 zusätzliche Arbeitsplätze durch die Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes vorhersagte.

Ein anderer Gast, der Möbelhändler und Vorsitzender des Fachverbandes des Möbel- und Küchenhandels, Reinhard Kusian, hatte vor der Podiumsdiskussion deshalb seine eigene Umfrage durchgeführt. 56 Prozent seiner Kollegen, so das Ergebnis, wollten ihre Geschäfte montags bis samstags öffnen und schließen können, wann sie wollen. Die meisten hielten darüber hinaus vier Sonntagsöffnungen im Jahr für völlig ausreichend. akl

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