Zeitung Heute : Eine Wienerin in Bern

Testbericht aus der Hauptstadt des Nachbarn: Unsere Autorin staunt über fliegende Kartoffeln, balzende Schweizer, und am Ende hebt sie fremde Kippen auf.

Verena Mayer

Das Erste, was ich von Bern mitkriege, ist ein Artikel in der Berner Zeitung über einen sogenannten Abfallpolizisten. Der ist Mitarbeiter der Stadtreinigung und schlitzt jeden Tag die Müllsäcke der Berner auf, um zu sehen, ob Dinge drinnen sind, die dort nicht hingehören. Wenn er etwas gefunden hat, wühlt er weiter im Müll, um Hinweise auf den Sünder zu finden. Dem droht dann eine Strafe von 5000 Franken. Der Mann weiß, wie er suchen muss: „Es gibt Unterschiede in den verschiedenen Quartieren Berns. Auch den Abfall von Schweizern und Ausländern kann ich unterscheiden.“

Bern, Hauptstadt der Schweiz, 130 000 Einwohner. Wie säuberlich nebeneinander aufgestellte Dominosteine sehen die Häuser der Altstadt aus, darum herum wickelt sich wie eine straffe grüne Schlaufe die Aare. Als ich mich auf die Reise machte, habe ich wohlig aufgeseufzt. Ich malte mir eine niedliche Stadt aus, der man später beim Schreiben über den Kopf würde streicheln können wie der Alm-Öhi seiner Enkelin Heidi. Doch Bern kann ein ganz schön harter Brocken sein.

Klemens Renoldner hat sich manchmal die Zähne daran ausgebissen. Renoldner war fünf Jahre lang Chefdramaturg und Leiter des Schauspiels am Stadttheater Bern. Er hat mit seiner Familie in der Länggasse gewohnt, oberhalb der Universität. Abends hörte Renoldner es immer wieder scheppern. Der Nachbar schmiss Kartoffeln gegen sein Fenster, weil in Renoldners Wohnzimmer nach 23 Uhr noch Licht brannte. Als der Nachbar – er hatte auch andere Mieter behelligt – vor Gericht kam, stellte sich heraus, dass er mit großem Aufwand Spezialkameras montiert hatte, um seine Umgebung zu kontrollieren. Renoldner spricht von einer „Diktatur der Anständigkeit“.

Bern ist vermutlich die einzige Hauptstadt der Welt mit der sozialen Kontrolle einer Kleingartensiedlung. In den mittelalterlichen Gässchen der Altstadt mit ihren steinernen Laubengängen entkommt man einander nicht. In der Kramgasse 49 führt eine enge, steile Treppe zu einer Wohnung, in der Albert Einstein eine Zeit lang gelebt hat. Im Gästebuch endet jeder Eintrag mit „E = mc²“, in der Büchervitrine steht ein Schild mit einem Einstein-Zitat: „Autorität ist der größte Feind der Wahrheit.“ Einstein ist in seinen sieben Berner Jahren sieben Mal umgezogen. Vermutlich hatte er nach 23 Uhr noch Licht an.

Ich nehme einmal an, es liegt an mir. Ich bin Wienerin. In Wien verlässt man sich nicht auf Regeln oder Vorschriften, sondern auf seine Freunde. „Wir wern kan Richter brauchen“, sagt man in Wien, und dann findet sich eine Lösung, die bestimmt nicht erlaubt, aber auch nicht ganz verboten ist. „Schlamperte Verhältnisse“ sind in Wien eine Art Lebensprinzip.

In Bern ist nichts schlampig. Nicht einmal am Stadtrand, wo ich mit dem Bus 14 hinfahre. Mein Kollege Michael Angele, ein Berner, der umgekehrt gerade Wien besucht, hat gemeint, dort hätten sie öfter für den „Tatort“ gedreht, um Bern ein verruchtes Image zu geben. Doch selbst die hässlichsten Neubauten am Gäbelbach wirken, als habe jemand mit Fotoshop die Graffiti und die verdreckten Satellitenschüsseln rausgemacht, die in anderen Städten an solchen Orten zu finden sind.

Am Bärenplatz in der Altstadt ist indessen alles voller Obst, Gemüse und Blumen. Es ist Markttag. Ein Stand gehört dem Verein „Bern sicher und sauber“. Eine junge Frau weist mich auf eine Volksinitiative hin. Vor einem halben Jahr hätten hier Leute gegen Christoph Blocher, den umstrittenen Rechtspolitiker, protestiert. Dabei habe es Krawall gegeben, erzählt die Frau. Der Verein fordert nun, dass bei jeder Kundgebung friedliche Demonstranten, Passanten und Zuschauer entfernt werden dürfen, damit die Polizei mit Gummischrot und Tränengas an die Gewaltbereiten herankommt. Wenn die friedlichen Demonstranten, Passanten und Zuschauer das Feld nicht räumen, sollen sie künftig 5000 Franken Strafe zahlen.

Gegenüber liegt der Bundesplatz, das Zentrum des politischen Bern. Männer in Anzügen ziehen Trolleys mit Akten über den Bundesplatz, vorbei an den Fontänen, die aus kleinen Spots aus dem Boden schießen. Alles geht seinen gemächlichen Gang. Getagt wird in Bern viermal im Jahr für drei Wochen.

Im Café Fédéral sitzt, mit Blick auf das Bundeshaus, der Dichter Jürgen Theobaldy. Den zu treffen, hatte der Berner Angele mir empfohlen.

Theobaldy, 64 Jahre alt, stammt aus Mannheim und ist der Liebe wegen nach Bern gezogen. Nebenberuflich arbeitet er seit 16 Jahren im Bundeshaus als Protokollschreiber. Meistens sitzt Theobaldy in der nationalrätlichen Kommission für Wirtschaft und Abgaben, es geht um die Nationalstraßen oder die Aufhebung der Buchpreisbindung. Auch Christoph Blocher hat er schon hautnah miterlebt. „Der hat so schlecht gesprochen, dass ich geschwitzt habe beim Protokoll.“

Theobaldy hat auch einen Roman geschrieben, „Trilogie der nächsten Ziele“, er spielt in Bern. Es ist ein surreales Bern der Beamten und mafiösen Machenschaften, und alles ist von einer Staubschicht überzogen, „Schwaden von Staub, leichter als Asche, durchsetzt mit winzigen Teilchen, die lungengängig sind.“ Inzwischen kann ich die Sehnsucht nach Staub verstehen. Ich klage Michael Angele mein Leid.

Angele ist aus Bern weggezogen, so wie ich meine Heimatstadt Wien verlassen habe. Wir leben jetzt beide in Berlin. Angele empfiehlt als Gegenprogramm moderne Architektur. Ich fahre zum Zentrum Paul Klee. Das Museum, gebaut vom Architekten Renzo Piano, bezahlt von einem Kunstmäzen, ist ein verglastes Gebäude in Wellenform. Als gläserne Hügelkette hebt es sich vor den Hügelketten der Berner Voralpen ab. Drinnen hängt eine berühmte Landschaft von Klee, mit einer riesigen orangefarbenen Sonne. Das Bild besteht aus lauter Punkten, es müssen Abertausende sein, ein Punkt säuberlich neben dem anderen. Doch die penible Ordnung, die das Bild fast manisch herstellt, hat auch etwas Aufmüpfiges. So als würde man in einer Kleingartensiedlung dreimal am Tag Rasen mähen.

Auch die Berner Langsamkeit, von der immer alle reden, wirkt auf mich wie passiver Widerstand. Sie erinnert mich an die Wiener Gemütlichkeit, die ja auch nichts anderes ist als ein Aussitzen der Dinge. In Wien hält man sich die Welt mit den Worten „Nur net hudeln!“ vom Leib, in Bern mit gelebter Entschleunigung. Wer sagt schließlich, dass das Tempo der anderen das wahre ist und nicht das eigene? Das konnte mir sogar die Rentnerin, die im Einstein-Haus die Eintrittskarten verkauft, erklären, dass die Wahrnehmung von Bewegung immer vom Standpunkt abhängt.

Als ich mich im Selbstbedienungsrestaurant von Migros mit Hörnli-Salat an einen Tisch setze, spricht mich mein Nebenmann an. Es entspinnt sich ein Dialog:

– Gruezi.

– …?

(Lange Pause)

– Sie sitzen alleine hier, das habe ich gleich gesehen.

– Äh, ja?

(Lange Pause.)

– Wissen Sie, warum ich Sie gerade angesprochen habe?

– Äh, nein?

(Lange Pause)

– Weil ich auch alleine hier sitze.

Mehr kommt nicht, und so mache ich mich wieder auf den Weg. Ziemlich langsam spaziere ich durch Kirchfeld, das Viertel jenseits der Kornhausbrücke. Hier stehen alte Villen und Botschaften, dazwischen Gärten und Parks. Die Gegend ist weitläufig und still. An der steinernen Brücke entdecke ich eine Treppe. Ich gehe viele Stufen hinunter, irgendwann stehe ich an der Aare. Der Fluss rauscht so schnell vorbei, dass mir beim Draufgucken schwindlig wird.

Wenn es heiß ist, wird in der Aare gebadet, das ist der Volkssport der Berner. Aber was heißt baden: Von der Aare lässt man sich mitreißen. Die Strömung ist stark und an manchen Stellen auch ziemlich gefährlich. Die Aare ist eine Naturgewalt, der pure Kontrollverlust. Vielleicht ist die Aare für die Berner ja so etwas wie ein Ableiter für die aufgestauten Zwänge. So etwas würde Wien, das ja nicht arm an Neurosen ist, auch guttun.

Ich setze mich ans Ufer und schaue dem Wasser nach, bis die Sonne untergeht. Als ich aufstehe, ertappe ich mich dabei, wie ich eine fremde Zigarettenkippe aufhebe und in einen Mülleimer tue. Es fällt mir gar nicht schwer.

Wie es dem Berner Michael Angele am selben Tag in Verena Mayers Heimatstadt Wien erging, erzählt er auf Seite Ö 2

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