Zeitung Heute : Eine Zeit voll von Träumen

Wie man mit der Vergangenheit Preise gewinnt, ganz entspannt

Daniel Brühl

MEIN SOMMER

Zur Filmpreisverleihung am 6. Juni bin ich ganz entspannt gegangen. Ich hatte gut geschlafen und mir auch keine Dankesworte überlegt, da ich den Darstellerpreis ja schon im letzten Jahr bekommen hatte. Zwei Mal hintereinander gewinnt den keiner, dachte ich. Und dann dieser Preisregen von neun Auszeichnungen für „Good Bye, Lenin!“ Unglaublich. Es sollten ja nicht die letzten Preise gewesen sein: Später kamen noch die Bambis und Europäische Filmpreise, irgendwann packte mich ein regelrechtes Schwindelgefühl. Deshalb habe ich mir im Sommer vorgenommen, trotz der vielen Augen, die auf mich gerichtet sind, entspannt zu bleiben. Ich möchte weiter meine Filme aussuchen, wie ich es für richtig halte, und nicht mit der Angst im Nacken, unbedingt sooo erfolgreich bleiben zu müssen.

Warum mögen die Leute den Alex in „Good Bye, Lenin!“ so gern – und deshalb auch mich als denjenigen, der ihn verkörpert? Ich glaube, der Film spricht zutiefst menschliche, universelle Dinge an. Da ist ein Sohn, der aus Liebe zu seiner Mutter unglaubliche Dinge tut, gegen jede Vernunft. Für die Mutter setzt er ein regelrechtes Welttheater in Gang und stürzt sich in die wildesten Abenteuer. Das versteht jeder, das mag jeder – und es zählt letzlich mehr als der Retrotrend der Ostalgiewelle. Dem folgen ja vor allem Wessis: Kaufen sich Resopaltische und FDJ-T-Shirts. Ich mochte aber diese Mutterliebe von Alex sofort, deshalb wollte ich ihn unbedingt spielen. Schließlich bin ich als begabter Lügner durchaus zu ähnlichen Taten in der Lage.

Als die Nominierungen für den Filmpreis bekannt gegeben wurden, waren wir gerade beim Deutschen Botschafter in Rom. Wir feierten die erste Premiere von „Good Bye, Lenin!“ in einem nicht deutschsprachigen Land. Und die italienischen Mamas riefen weinend „Alex! Alex!“. Da wusste ich: Wow, dieser Film funktioniert überall. Und ich war schrecklich gerührt.

Der Autor hat die Hauptrolle im erfolgreichsten deutschen Film des Jahres gespielt, „Good Bye, Lenin!“

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